Yogaphilosophie: Die Bhagavad Gita

von Karina van Lieshout

In dem folgenden Artikel werden die Eindrücke einer Philosophiestunde mit John in Amsterdam wiedergegeben. Aus dem Englischen übersetzt von Simone Kettel, Bad Neuenahr

Am 6. Juni 1998 kam John Floris an das Iyengar Yoga Center in Amsterdam, um Yogaphilosophie zu lehren. Er empfand es immer als sehr wichtig, die Ausübung von Asanas und Pranayama mit dem Studium des philosophischen und spirituellen Hintergrundes des Yoga zu verbinden.

Da er selbst nun ernsthaft erkrankt war, wollte er seine Schüler persönlich über seine Verfassung unterrichten, vor allem aber wollte er seine persönlichen Erfahrungen und seinen Umgang als Yogi mit der lebensbedrohenden Situation vermitteln.

John hat eine seltene Form von Krebs des lymphatischen Systems. Bis heute gibt es keine Behandlungsmöglichkeit, die diesen Typ Krebs erfolgreich behandelt. Chemotherapie kann angewendet werden, aber die Chance auf Überleben ist sehr gering.
Trotzdem hat sich nichts wesentliches in seinem Leben geändert, so erzählt John: Angst, Verzweiflung, und Gram sind Gefühle, die ich bisher nicht empfinde. Ich bin immer noch da; und obwohl mich mein Körper im Stich läßt, sind meine innere Stärke und Stabilität noch genau so stark wie vor der Krankheit.
Die Tatsache, daß man nicht unbedingt sein Gleichgewicht verlieren muß, ist genau das, was man durch die Yogapraxis lernt. John erkennt dies mit Freude und Dankbarkeit: Nach so vielen Jahren des unverwandten Übens hat sich irgendwo, ganz langsam, das Bewußtsein eingeschlichen, daß die Seele unvergänglich ist. Alle irdischen Dinge sind zeitlich begrenzt, der Körper ist das Gewand oder das Gefäß der Seele. Die Seele bleibt ewig, unveränderbar und unzerstörbar. Nichts Wesentliches geht im Tod verloren.
Diese Aussage fand sich auch im Nachruf auf Marinus van den Heuvel, einer unserer Yogafreunde, den viele von uns gut kannten und dem wir unsere Achtung am Tag seiner Beerdigung zeigten:

Es ist gar nicht so, daß ich einmal nicht existierte, noch (daß) du, noch (daß) all diese Könige (zu keiner Zeit existierten). Und sicherlich ist es nicht so, daß wir alle nach diesem nicht mehr existieren sollten.
Das, was nicht ist, hat keine Existenz: das was ist, hat keine Nicht-Existenz. Die (wahre) Schlußfolgerung aus diesen beiden wird wahrgenommen von den Propheten der Wahrheit.
Wisse dennoch, daß unvergänglich zu sein mit all diesem (materiellem Universum) erfüllt ist. Nichts kann die Zerstörung dessen herbeibringen, das unzerstörbar ist.

Dies sind die Verse 12, 16 und 17 aus der Bhagavad Gita, Kapitel II. [Für die Übersetzung nutze ich die Kommentare zur Bhagavad Gita von Ramanuja, K.v.L.].
Über die Jahre war das getreue Lesen und Studieren der Bhagavad Gita eine große Unterstützung und Inspiration für John. Heute brachte er das Buch mit, um seine Ansichten und Einsichten mit uns zu teilen.
Zuerst faßt er zusammen, wie die Bhagavad Gita als Teil im dem großen Werk der Mahabharata funktioniert.
Die „Guten", die Pandavas kämpfen einen gerechten Krieg gegen die „Bösen", die Kauravas. Als sich die beiden Armeen auf dem Schlachtfeld gegenüberstehen, weigert sich Arjuna, einer der Pandavas, zu kämpfen, weil verehrte und geliebte Lehrer und Verwandte wie Bhishma und Drona auf der gegnerischen Seite stehen.
Er ist verzweifelt und bittet seinen Wagenlenker, Krishna, eine Inkarnation des Gottes Vishnu, um Rat.
Krishna ermahnt Arjuna, seine Pflichten als Krieger zu erfüllen. Seine Lehren, im Zusammenhang mit den religiösen Hintergründen, auf denen sie aufbauen, sind Inhalt der Bhagavad Gita.
Der Krieg auf diesem Schlachtfeld kann als eine Symbol für den Kampf im menschlichen Leben gesehen werden, die Neigung zu unseren niederen Tendenzen aufzugeben. Versteht man die Bhagavad Gita auf diese Weise, kann sie ein Führer auf dem Weg sein, den man gehen muß, um Erleuchtung zu erlangen.
Nach einem einleitenden ersten Kapitel, beginnt das zweite Kapitel der Bhagavad Gita mit einer Erklärung zu Sankhya Yoga: Es handelt sich um einen philosophischen Rahmen zum wahren Verständnis des Lebens.
Sankhya kann mit dem Wort Intellekt übersetzt werden. Was hier gemeint ist, ist das Studium des Selbst, oder, in anderen Worten, das Verständnis dafür, daß die Seele ewig, unveränderlich und unzerstörbar ist. Dies kann man in den Versen 11 bis einschließlich 38 nachlesen.
Der verbleibende Teil von Kapitel II faßt zusammen wie, ausgehend von dieser Erkenntnis, das Leben gelebt werden sollte, um sich selbst aus der Bindung an Samsara, den Kreis von Geburt, Tod und Wiedergeburt, zu befreien.
Es gibt zwei Aspekte, die hierbei eine wichtige Rolle spielen: die zugrundeliegende Geisteshaltung und die Erfüllung von Arbeiten.
Die wichtigste hierbei ist die zugrundeliegende Geisteshaltung: diese bestimmt die Einstellung, den geistigen Rahmen im Hinblick auf die auszuführenden Arbeiten. Die richtige Geisteshaltung wird in Vers 39 Yoga genannt und Vers 47 vermittelt ihren Inhalt:

Allein die Arbeit ist dein Recht und nie die Früchte (dieser Arbeit). Werde nicht (i.e. sieh nicht dich selbst als) der Grund dieser Arbeit und (ihrer) Früchte, und sei nicht von Inaktivität behaftet.

Die nächsten Kapitel der Bhagavad Gita sind eine Ausarbeitung aller Komponenten, die im zweiten Kapitel zusammengefaßt sind.
Kapitel III befaßt sich mit dem Karma Yoga, dem Yoga der Arbeit, der Aktion. Hier finden wir wieder den Inhalt von Vers 47 aus Kapitel II, in Konzepten wie abhyasa und vairaghya. Du sollst mit Hingebung üben, ohne auf die Früchte deiner Arbeit zu schauen; du sollst nicht in Inaktivität verfallen. Das kann zusammengefaßt werden in dem Satz: Pflichterfüllung ohne innere Beteiligung.
Kapitel IV beschreibt Jnana Yoga, wo Intelligenz, Meditation und Losgelöstheit die zentralen Ideen sind. Diese drei kann man durch Bhakti Yoga erreichen, das in Kapitel V beschrieben ist. Hingebungsvolle Pflichterfüllung, Ergebenheit und selbstloser Dienst an Gott in aller Pflichterfüllung führt zur Erleuchtung.
Vers 47 in Kapitel II war für John immer einer der wichtigsten Verse. Dieser Vers kann den Menschen eine Denkanregung geben, die sich fragen, wie es möglich ist, daß ein so hingebungsvoller Yogi eine so lebensbedrohende Krankheit bekommen kann. Diese Frage beruht auf der Illusion, daß Yoga ein Garant für eine fortwährende Gesundheit ist. Wer vom Sinn des Vers 47 völlig überzeugt ist, wird nicht an einer solchen Illusion festhalten.
Seine Arbeit ohne Begierde auf das Resultat zu tun, aus der innersten Überzeugung heraus, daß dies die Pflicht ist, die erfüllt werden muß, dies bezeichnet Dharma. Dharma war und wird für John immer die Maxime seines Handelns bleiben. Dharma zeigt, wie du dein Leben leben sollst, obwohl das nicht heißt, daß es für jeden dasselbe ist. Es heißt, in der jeweiligen Situation ganz und gar anwesend zu sein, zu tun, was diese Situation erfordert, ohne darauf zu spekulieren oder zu hoffen, was du mehr oder anders hättest haben können. Ansonsten wird man sehr schnell wieder in seinen Wünschen gefangen.
Ein wunderbares Gleichnis über das Verlangen kann man in der Mahabharata finden, der Geschichte über Duryodhana und Arjuna, die den schlafenden Krishna aufsuchen. Sie sind beide gekommen, um Krishnas Hilfe in der bevorstehenden Schlacht zu erbitten.
Duryodhana, begierig wie er ist, stellt sich wartend an das Kopfende des Bettes, bis Krishna erwacht, Arjuna ist bescheiden und wartet am Fußende des Bettes.
Als Krishna erwacht, ist Arjuna der erste, den er sieht, da er zu seinen Füßen sitzt. Trotz Duryodhanas Protest, er sei der Erste gewesen, darf Arjuna als erster wählen. Er kann sämtliche Kohorten Krishnas zu seiner Verfügung erhalten, oder aber Krishna selbst wird sein Wagenlenker, ohne aber selbst zu kämpfen.
Arjuna sagt, daß er mehr als zufrieden sei mit Krishna an seiner Seite, Duryodhana lacht über Arjunas Einfältigkeit: jetzt stehen ihm sämtliche Kohorten Krishnas zur Verfügung.
Der weitere Verlauf der Geschichte wird zeigen, daß, wer auch immer Krishna in einem gerechten Krieg zur Seite hat, auch den Sieg davontragen wird.
Wunschlosigkeit, das Ablassen von allen irdischen Dingen, dies ist das wichtigste Anliegen. Die Tatsache, daß dieses Leben und dieser Körper vergänglich sind, ist für John nichts Neues. Wir kommen aus dem Unbekannten, der mittlere Teil, dieses Leben, ist uns bekannt; wir gehen wiederum hinüber in das Unbekannte. Der Körper ist das Gefäß, die Hülle der Seele; es mag ein anderer kommen, oder aber auch nicht; wir wissen es nicht. Das kannst du in Vers 28, Kapitel II nachlesen.
Krishnas Bitte an Arjuna, seine Pflicht als Krieger zu erfüllen, zeigt ebenso in die gleiche Richtung. Er führt drei Argumente, in absteigenden Stufen, an:
Das erste Argument beruht auf dem Verständnis dafür, daß das, was wir um uns herum sehen, nicht wirklich ist, wohingegen die Eigenschaft „nicht-existent" nicht einmal auf die Seele Anwendung finden kann. Die Existenz der Seele anzuzweifeln steht außer Frage.
Die Seele ist unvergänglich, warum also solltest du dich grämen, wenn du Verwandte und Lehrer bekämpfen mußt. Mitgefühl ist nicht gefragt, da niemand eine Seele töten kann. Also, tu deine Pflicht als Soldat (dharma) und kämpfe!
Das zweite Argument, das Krishna anführt, bezieht sich auf eine niedrigere Stufe. Wenn das erste Argument zu schwierig für dich ist, Arjuna, dann mußt du die Welt um dich herum als wahr annehmen. Schau auf die Aufeinanderfolge von Geburt, Tod und Wiedergeburt. Überall um uns herum ist dies eine tägliche Realität. Warum solltest du dich durch etwas so Normales aus dem Gleichgewicht bringen lassen?
Mehr noch, wenn du diese irdische Tatsache als die Realität annimmst, dann ist die Frage, was nach dem Tod geschieht, überflüssig.
In seinem dritten Argument begibt sich Krishna einen Schritt weiter auf die nächst niedrige Stufe, zur Stufe des Ego; er appelliert an Arjunas Status als Krieger. Du bist ein Krieger und ein Held; wenn du jetzt versagst, wird jeder, der dich bisher verehrte, denken, du bist ein Feigling.
Die ersten beiden Argumente sind dann von großer Bedeutung, wenn man sich Krankheit und Tod gegenüber sieht und sich fragt, wie man mit ihnen umgehen soll.
Wenn John sagt, es sei nicht notwendig, Gram oder Schmerzen zu fühlen, meint er damit nicht, daß du diese Gefühle nicht haben darfst. Wenn du diese Gefühle hast, so sind sie einfach da. Aber es ist nicht notwendig, sich vollkommen in ihnen zu verlieren, oder in ihnen zu verharren. Halte immer einen kleinen Spalt offen, wie klein auch immer, für neue Möglichkeiten, die sich offenbaren können. Das was du als Verlust erfährst, hat auch eine andere, bereichernde Seite, wenn du nur die Augen dafür hast. Trotz aller Trauer, bewahre das grundlegende Vertrauen darauf, daß das Leben weitergeht und dir einen Korridor öffnen wird.
John ist gerührt zu sehen, daß seine Krankheit sehr viele Menschen außer Fassung bringt. Mehr noch als sonst möchte er vermitteln, daß es die wichtigste Aufgabe ist, einen flüchtigen Eindruck von der ewigen Seele zu bekommen. Im Yoga kannst du dieses Bewußtsein entwickeln. Durch entschlossenes und beständiges Üben, immer beendet mit Savasana, kann die Aufmerksamkeit tief nach Innen dringen, näher an das Innerste deines Seins. Die Seele ist ewig und unzerstörbar; diese Wahrnehmungsweise kannst du als den „Rückspiegel" bezeichnen.
Wenn du Savasana verläßt und dich wieder aktiv in die Welt begibst, solltest du nie die Sicht auf diesen Rückspiegel verlieren. Dies schafft innere Stabilität.

Dank an John und Maria Floris und Familie

B.K.S. Iyengar und John Floris
B.K.S. Iyengar und John Floris (1993)


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