Die Welt reist nach Pune

von Jasmin Mistry und Rajvi H. Mehta
Der Bericht erschien in Yoga Rahasya, Vol. 6 No. 1 1999, übersetzt von Michael Forbes.

Ein kleiner U.N.-Gipfel fand Anfang Dezember 1998 im Yogapuram, Pune, statt, wo mehr als 800 Yoga-Begeisterte aus 32 Ländern und sechs Kontinenten am 14tägigen Geburtstagsfest von Yogacharya Padmashri BKS Iyengar teilnahmen.
Gurujis Yogafamilie ist über zahlreiche Länder zerstreut und viele seiner Schüler wollten ihn bei diesem Anlaß zu sich einladen. Schließlich wurde entschieden, das Fest in Pune zu halten. Es sollte den Schülern Gelegenheit geben, miteinander zu üben, sich miteinander auszutauschen, Einblicke in die Indische Kunst und Kultur zu bekommen, Unterschiedliches aus der indischen Küche zu erleben, das Wissen über Yoga durch Gespräch und Vortrag zu vertiefen und schließlich mit Guruji zusammen zu sein. Guruji entschied, selbst zu unterrichten, machte aber klar, daß der Kurs jedem Übenden zugänglich bleiben sollte, unabhängig davon, wieviel Erfahrung sie haben. Er wollte allen die Möglichkeit geben, direkt unter seiner Anleitung zu üben. So ist es auch gekommen. Eine Flut von Anmeldungen erreichte uns, teils von solchen, die erst vor ein paar Monaten mit dem Üben begonnen hatten und teils von alten Bekannten, die jahrzehntelange Erfahrung haben. Bei Bedarf bestand auch die Möglichkeit, als Nicht-Übender das Ganze zu beobachten. Es sollte keine Auswahl getroffen werden und es wurden so viele Teilnehmer angenommen, wie logistisch möglich. Etwa zwei Monate vor Beginn mußte der Konferenzort wegen Mängel bei der ursprünglich geplanten Halle gewechselt werden. Nach anfänglichen Problemen wurde das in einer Hügellandschaft sehr schön gelegenen Ambrosia Resort Center gewählt, ca. 14 km von Pune entfernt.

Iyengar mit Manusso Manos und Ramanand Patel
B.K.S. Iyengar mit zwei seiner ältesten Schüler aus den USA: Manusso Manos und Ramanand Patel
(Foto: R. Schütt)

Die Teilnehmer kamen in Pune in der letzten Novemberwoche an. Manche hatten schon unzählige Besuche beim Institut hinter sich, wohingegen andere junge Schüler Guruji noch nie gesehen hatten. Das Früh-Einchecken begann am 30. November im RIMYI (Ramamani Iyengar Memorial Yoga Institute). Der Übungssaal war zwei Tage lang voll mit alten Freunden, die sich begrüßten, sowie mit Neulingen, die die Fotos von Guruji voller Ehrfurcht bestaunten. Die meisten kamen aus den USA. Sonst aus der neuen Welt waren Kanada, Mexiko, Brasilien und Argentinien repräsentiert. Aus Europa kamen Leute aus Spanien, England, Holland, Deutschland, Frankreich, Schweden, Rußland, Irland, Tschechien, der Schweiz, Italien, Österreich und Belgien. Marokko, Südafrika, Australien und Neuseeland lieferten Teilnehmer sowie Japan, Südkorea, Israel, Singapur, UAE, Hong Kong und natürlich auch Indien.
Der 80. Geburtstag ist für den Hindu ein sehr wichtiges Ereignis. Gurujis Geburtstag ist nach dem Hindu-Kalender am 2. Dezember des gregorianischen Kalenders. Die Rituale fingen am Abend des 1. Dezembers an und dauerten bis in den Nachmittag des nächsten Tages. Sie beinhalteten einige traditionelle Akte und Rituale, mit dem heiligen Feuer als Mittelpunkt und begleitet von vedischen Chants. Für die Unwissenden erklärte Prashant Iyengar(, wo es immer im Ablauf gepaßt hat,) die Bedeutung dieser Rituale. Alle Anwesenden waren Gäste der Iyengar-Familie. Erst nachdem die Hundertschaften bedient waren, haben auch die Gastgeber ihre Mahlzeit genossen. Die Festlichkeiten dieser ersten beiden Tage fanden in einer Halle in Herzen von Pune statt.
Am 3. Dezember trafen sich die Teilnehmer im „Yogapuram“, dem Yogazentrum. Eine prachtvolle Einweihung stand als Erstes an. Teilnehmer stellten sich links und rechts vom roten Teppich und warteten auf Guruji, ihre Hände voller Blütenblätter. Gurujis Ankunft wurde von indischen Trompeten proklamiert und Blütenblätter flogen auf Guruji hernieder, als er in Begleitung von singenden vedischen Mönchen das Yogapuram betritt. Er hielt eine kurze Rede, dann kam die Baum-Pflanz-Zeremonie. Ein bestimmter Bereich des Ambrosia-Areals heißt fortan „Sunderaja Hain“. Guruji pflanzte einen Kokosbaum, während Vertreter der verschiedenen Länder 80 Arecanut-Bäume aussetzten. Der Tag kam am Abend mit einem Tanzkonzert zum Abschluß.
Auf den nächsten Tag hatten wir alle gewartet. Der Unterricht sollte beginnen. Die Teilnehmer wurden im Hotel um 6:30 Uhr durch Busse abgeholt, so daß sie bis 7:20 ruhig auf ihrer Matte standen und auf Guruji warteten. Zuerst wurde ein Dankgebet an Patanjali gesungen. Guruji bat einige erfahrene Schüler, auf die Bühne zu kommen, um beim Demonstrieren zu helfen. Guruji unterrichtete nur wenige Haltungen, aber die Tiefe, die er erreichte, war unendlich. Dies bleibt den Teilnehmern sicherlich als Eindruck zurück, nachdem sie fast eine Stunde in den Feinheiten von Tadasana eingetaucht blieben.
Drei oder vier Videokameras waren ständig im Einsatz. Es wurde live geschnitten, so daß laufend der aktuelle Punkt im Unterricht auf zwei großen Leinwänden links und rechts der Bühne zu sehen war. Dies erleichterte es nicht nur denjenigen, die weiter hinten standen, sondern war jedem bei den Nahaufnahmen unzähliger Feinheiten und Nuancen eine Bereicherung. Die Grazie, Kraft und Präzision von Gurujis Haltungen waren eine Quelle von Freude und Inspiration.
Doch bald war Guruji von der Bühne in die Menge gestiegen und unterrichtete mit Funkmikrofon weiter. Dabei war der Ton technisch ausgezeichnet, obwohl es für manche etwas eigentümlich war, Guruji von vorne zu hören aber plötzlich direkt hinter sich zu entdecken!

Parsvakonasana in der Gruppe
Parsvakonasana in der Gruppe unter den wachsamen Augen des Meisters
(Foto: R.Schütt)

Die Asana-Stunden waren nicht als Intensivkurs gemeint, sondern sollten die Grundlagen der Asanas in uns etablieren und unsere Körperintelligenz erwecken. Durch wenige aber oft wiederholte Asanas vermittelte Guruji, wie die Intelligenz die Schichten des Körpers durchdringen und den Sinn für Ausrichtung und Einheit entstehen lassen muß.
In den folgenden Tagen wurde Pranayama von Geetaji oder Prashantji entweder vor oder nach der Asana-Stunde unterrichtet. Die Unterrichtsstunden waren so klar, daß sich nach vier Stunden des Übens der Unterschied in Frische und Ausstrahlung zwischen den Übenden und den Beobachtern deutlich erkennen ließ!!
Nach den Übungsstunden folgten entweder ein Vortrag oder eine Frage-Antwort-Stunde. Prashantji hielt eine Serie von Vorträgen über „Yoga - Unser System“ und „Yoga into the New Millennium“. Diese Vorträge sind sehr gut angekommen, es entstand sofort Nachfrage nach Aufnahmen, die man erwerben könnte. Bei den Frage-Antwort-Stunden fungierte Geetaji als Moderatorin, faßte die abgegebenen Fragen zusammen und stellte sie Guruji, der sie seinerseits voller Geduld beantwortete.
Zur Organisation: Es wurden zwei riesige Zelte für unser Fest aufgestellt, eines für den Unterricht und eines für die Mahlzeiten. Jeder Teilnehmer bekam einen farbkodierten Ausweis, der einen einem bestimmten Übungsblock zuordnete. Täglich wechselten die Teilnehmerblöcke, damit jede Gruppe die Chance bekam, Gurujis Erklärungen aus nächster Nähe zu erleben. Es gab für jeden Decken, Gurte und Blöcke nach Bedarf, die nach dem Fest zusammen mit den Erfahrungen und Eindrücken des Übens unter Gurujis wachsamen Augen nach Hause mitgenommen werden sollten.
Der reibungslose und fast perfekte Ablauf des Festivals wurde von allen bewundert. Geetaji war die Chefin, bis ins Detail. Ihre Führung und ihr Rat wurden ständig gesucht und sie gab sich mit jedem, auch trivialen Problemen ab.
Jeden Abend gab es ein Kulturprogramm, indischer klassischer Tanz und Musik. Gurujis zwei Töchter, Sucheta und Sunita, spielten exzellent Sitar. Die Schüler des Kinderkurses sollten auch nicht vergessen werden. Am Sonntag, den 6. Dezember stellten sie eine charmante Präsentation vor, in der die Bedeutung diverser Asanas erklärt wurde. Die Produktionswerten der Präsentation waren gut, aber die Kinder selber waren umwerfend. Später sind sie durch eine informative Schlangen-Show und einen Magier belohnt worden.
Besonders bemerkenswert war eine 14teilige Geschichte, die 14 Episoden aus Gurujis Leben darstellte. Gefühlsgeladen gab uns das Stück ein besseres Verständnis für Guruji, seine Frau und die Iyengar-Familie.
Die letzte Asana- und Pranayama-Stunde fand am 11. Dezember statt, danach gab es das „march past“. Nach Ländern gegliedert marschierten alle Teilnehmer am Gurujis Bühnensessel vorbei und baten um sein Segen. Später gaben Schüler der verschiedenen Nationen in einem eigenen Kulturprogramm Lieder, Tänze und andere Bühnen-Bon-Bons zum Besten.
Am letzten Abend im Yogapuram war die Abschlußzeremonie, bei der Guruji eine Kerze an der Lampe vor Patanjali anzündete und nach und nach, von einem zum nächsten, alle Teilnehmer mit dieser Flamme sich eigene Kerzen anzündeten. Der ganze Festzelt war durch die 1000 Kerzen hell erleuchtet. Begleitet durch den Chant „Guru Brahma, Guru Vischnu“ verließ Guruji das Areal, während die Teilnehmer ihre Kerzen hochhielten, ein stilles Versprechen, den Geist von Guruji’s Lehre in die Welt weiterzutragen.
Im Hauptzelt fanden die meisten Veranstaltungen statt. Daneben gab es auch eine Ausstellung, die Guruji’s Leben und Errungenschaften durch Fotos und Bilder dokumentierte. Dieses Gemeinschaftsprojekt von Schülern aus der ganzen Welt stellte eine stille aber bildhafte Huldigung von Guruji und den Gefühlen, die er in seinen Schülern hervorgerufen hat, dar.
Verkaufsbuden waren auch zu finden, einschließlich eine von YOG (Youth’s Offerings to Guruji), die Yogakleidung, Bücher von Guruji, über Guruji oder über Iyengar-Yoga, Tonbandkassetten, Wanduhren ohne Ziffern, dafür mit Guruji’s Asanas, Armbanduhren von Guruji signiert sowie Krimskrams wie Grußkarten und Kappen feilbot.
Kontinuierlich während des Festivals gab es Glückwünsche und Ehrungen durch viele Organisationen und Individuen, unter anderem vom Human resourcen Develoment Minister of India. Dieser Bericht wäre unvollständig, ohne das Essen zu erwähnen. Jede Mahlzeit bestand aus verschiedenen Gerichten jeweils aus einer bestimmten indischen Tradition. Der Anspruch war, daß das Essen nahrhaft sein, den Teilnehmern Köstlichkeiten aus verschiedenen indischen Regionen anbieten und auch schmecken sollte!! Die Mahlzeiten waren regelmäßig eine Gaumenfreude!
Während des ganzen Festes war Guruji das Zentrum des Geschehens. Was kann man über ihn sagen? Er war der Magnet, der die verschiedenen Völker als Einheit zusammenhielt. Er war überall und seine Gegenwart beglückte jede Veranstaltung. Sein Lachen wurde den ganzen Tag über und spät in die Nacht hinein gehört, er war unermüdlich, sein Witz und Weisheit bezauberte und belehrte seine Schüler aber auch Fremde. Er war die stille Quelle, zu der jeder zurückkehrte, um sich zu erfrischen.
Guruji’s Geburtstag nach dem gregorianischen Kalender am 14. Dezember wurde wieder in der Halle in Pune durch Kuchenverteilen gefeiert. In seiner Eröffnungsrede am 3. sagte Guruji, daß der Pioniergeist noch in ihm lebt. Bei seiner Abschiedsrede am 14. trug er wieder seinen Wunsch vor, daß seine Schüler die Gaben des Yoga in die benachteiligten Regionen bringen sollten, so daß Yoga den Armen und Schwachen helfen kann, aus ihrer kärglichen Nahrung das Gesunderhaltende aufzunehmen. Dies sei der einzige seiner Wünsche, der noch nicht in Erfüllung gegangen sei.
So war das ereignisreiche Fest. Wenige werden die Stimmung und die Freude vergessen, nah bei Guruji zu sein und von ihm nicht nur die Kunst des Yoga, sondern auch die Kunst des Lebens zu lernen.


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