Dynamik und Ruhe

von Gita S. Iyengar
Aus einer Frage-Antwort-Stunde mit Geeta S. Iyengar beim Intensivkurs einer japanischen Gruppe Sommer 1990 in Pune, Indien [Anmerkungen des Übersetzers in eckigen Klammern] Dieser Ausschnitt ist einem Artikel entnommen, der ursprünglich in „DIPIKA“ (Frühjahr 1991), der Zeitschrift des Londoner Iyengar-Yoga-Instituts, erschienen ist. Übersetzung: Michael Forbes. Vielen Dank an Susanne Harai und Gaby Schlagenhaufer für ihre Hilfe bei der Übersetzung.

Der Sonnengruß
Surya-Namaskar ist in Japan sehr beliebt. Manche Leute machen ganz einfache Surya-Namaskars, andere üben sie 54 - bis 108 mal. Könnten Sie bitte dazu etwas sagen? [Surya-Namaskar = Sonnengruß: eine Serie von dynamischen Haltungen, fließend nacheinander geübt]
Die Frage ist nicht, ob das Üben von Surya-Namaskar gut oder schlecht ist. Vielmehr geht es darum, wie man es übt und zu welchem Zweck.
Traditionsgemäß ist Surya-Namaskar ein Gruß an den Sonnengott, dem es zu verdanken ist, daß das Leben auf der Erde gedeiht. Die Sonne sendet Lichtenergie aus. Das Leben auf der Erde hängt von dieser Energie ab und deswegen wird der Sonnengott angebetet. Sonne bedeutet darüber hinaus Wissen. Dieses Wissen ist voller Licht. Die Sonne wird angebetet, damit sie Intelligenz heruntergießen läßt, so daß die Menschen Wissen erlangen können. Also betet man früh morgens mit Surya-Namaskar zum Sonnengott. Heutzutage sind diese ursprünglichen Vorstellungen in den Hintergrund getreten. Die Leute wollen nur immer mehr von diesen Sequenzen üben, ohne zu wissen, wie weit ihre eigene, tatsächliche Kapazität reicht.

 

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Wenn man immer mehr Sonnengrüße macht und dabei nur ermüdet, haben sie keinen Sinn. Der Mensch in normaler Verfassung beginnt damit, Surya-Namaskar zu üben, mit seiner Gesundheit im Vordergrund. Aber auch in dieser Hinsicht sind die Bewegungen des Körpers bei vielen Versionen des Sonnengrußes begrenzt, verglichen mit unserer Methode – nämlich: Namaskarasam, Urdhva Hastasana, Uttanasana, Adho Mukha Svanasana, Urdhva Mukha Svanasana, Chaturanga Dandasana etc. Diese Sequenzen, inzwischen allgemein als „Jumpings“ bekannt [etwa: „Sprünge, Sprung-Übungen“], sind zwar intensiver als das traditionelle Surya-Namaskar, geben aber den Übenden Energie und vertreiben Dumpfheit und körperliche Trägheit. Neben den Jumpings gibt es auch viele Gruppen von Asanas. Diese sind wie gesunde und reichhaltige Nahrung für Körper und Geist. Deswegen erscheint uns das ständige Wiederholen einer einzigen Art von Bewegung sinnlos.

 

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Ob so viele Surya-Namaskars gemacht werden sollten oder nicht, hängt von der Kapazität des einzelnen ab. Laßt mich diese Kapazität etwas näher erklären. Sehr häufig glaubt man, daß Surya-Namaskar eher eine spirituelle Übung ist und einen größeren spirituellen Wert hat als die Asanas, die wir üben, nur weil eine lange Tradition dahinter steht. Dies ist nun der Konflikt im Kopf der Fragestellerin. Dadurch, daß man die Anzahl des Surya-Namaskar erhöht, kommt man nicht ohne weiteres auf den geistigen Pfad, da die Ausführung eine rein mechanische Bewegung wird. Diese mechanische Wiederholung ist keine geistige Übung (abhyasa).
Patanjali sagt dazu „tatra sthitou yatno’ bhyasah“ [„Die intensive Bemühung um das Zur-Ruhe-Kommen-Lassen der seelisch-geistigen Vorgänge ist die Übung (abhyasa)“. – aus Bäumer: Die Wurzeln des Yoga, Barth Verlag]. Dieser Grundsatz ist auf jede Art von geistiger Übung anwendbar, ob Asanas oder Surya-Namaskar. Diese Übungen sollten so ausgeführt werden, daß durch sie Ruhe im Geist entsteht. Das Üben (abhyasa) sollte den Zugang zu neuem Wissen eröffnen. Es sollte das Verständnis des Übenden vertiefen. Solches Üben hat spirituellen Wert.

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Die Leute werden auch auf einer anderen Ebene verwirrt. Häufig werden die Asanas für körperliche Übungen und nama-japa, das Wiederholen des Namens Gottes, für höchst spirituell gehalten. Nehmen wir an, ich sage den Namen des Herrn 108 mal her. Gewiß strengt mich das körperlich nicht an. Die Frage ist aber, ob ich den Namen des Herrn mit einem reinen Geist und mit geistig-seelischer Frische wiederholt habe. Bekommt dieses mantra allmählich für mich eine Bedeutung? Entspringt jener Name der Tiefe eines klaren Bewußtseins? „taj-japas tad-artha-bhavanam“ [„Das stete, aufmerksame Murmeln des OM-Lautes ist die innere Vergegenwärtigung seines (Gottes) Sinnes.“ – Bäumer] Bedeutungsvolles und ehrfürchtiges Wiederholen setzt gewaltige Fähigkeiten voraus. Solches spirituelle Üben erfordert geistige Kapazität, Festigkeit, Willenskraft, Glauben und Sensibilität. Diejenigen, die japa mechanisch und viele Male üben, werden sich wahrscheinlich dadurch schaden. Bei solchen geistigen Wiederholungsübungen fehlt nämlich das Urteilsvermögen. Sehr oft werden die wirklichen Grenzen und die eigene Kapazität falsch eingeschätzt. Das Üben von Asana und Pranayama verschafft uns dagegen ein wirklichkeitsnahes Bild der eigenen Fähigkeiten. So ist es unmöglich, während des Übens die körperliche Energie zu mißbrauchen und genauso unmöglich, die geistige Energie zu mißbrauchen. Das Übungserlebnis von Asana und Pranayama ist darum ein verläßliches Zeichen und eine Hilfe dabei, die eigene Kapazität richtig einzuschätzen.

 

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Wir haben Fälle von Nervenzusammenbruch und Geistesgestörtheit gesehen, oder besser gesagt behandelt, wo Leute diese sogenannten spirituellen Übungen mechanisch gemacht haben, ohne sich ihrer Kapazität bewußt zu sein. Wenn ihr also eure 108 Surya-Namaskars übt, schaut, ob das mit einer mechanischen Hingabe geschieht oder ob euch eine echte Hingabe ergreift. Die Gefühle von Hingabe müssen auch verfeinert und geschliffen werden. So werden jnana (Wissen) und bhakti (Liebe) vereinigt.
Bei jeder Arbeit (oder Pflicht) müßt ihr Zweck und Ziel erkennen; erst dann kann der Prozeß verfeinert werden, der zu diesem Ziel führt. [Original: „; then only the quality of action can be refined.“]
Daher sollten eure Surya-Namaskars qualitativ hochwertig sein und mit echter Hingabe geübt werden. Also noch einmal, die körperliche Bewegung sollte nicht rein mechanisch sein. Wenn die körperliche Energie zur Neige geht, wird die Bewegung eine mechanische werden. Eine mechanische Bewegung verändert die Geisteshaltung und bringt statt Hingabe eher Dumpfheit. Eine solche Pflichtübung ist zweck- und sinnlos. Ihr alle, die ihr ja Schüler des Yoga seid, habt auch etwas Besseres zu üben als bloß Surya-Namaskars. Aber wenn man sonst nichts übt, so sollte man wenigstens Surya-Namaskars machen.

 

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Unterricht für ältere Schüler
Manche unserer Lehrer unterrichten Rentner zwischen 60 und 75. Wir haben keine Hilfsmittel. Sollten diese älteren Teilnehmer zwischen den verschiedenen Haltungen Savasana [„Leichenstellung“ - Tiefentspannung] machen?
Erstens müßt ihr eure eigene Energie und Kapazität mit der Energie und Kapazität von alten Leuten vergleichen. Die Übungspraxis junger Menschen unterscheidet sich von der älterer Menschen.
Ihr dürft nicht nach ihren Muskeln gehen; schaut vielmehr auf ihre Atmung: an ihr könnt ihr den Gesamtzustand des Organismus ablesen. Mit zunehmendem Alter wird man immer unbeweglicher. Die Gelenke werden steif und die Muskeln hart. Aus diesem Grund verursacht schon geringe Bewegung ein Gefühl von Atemlosigkeit. Darum müßt ihr bei jedem Asana ihre Grenzen erkennen und versuchen, die Übenden ein wenig mehr zu fordern und zu dehnen, als sie das alleine schaffen. Angstgefühle halten sie da zurück, wo ihr Körper sonst weiter gehen könnte. Wenn sie Asanas üben, z.B. bei der Seitenbeuge in Trikonasana, halten sie den Atem an, weil ihrer Körper steif ist. Deswegen muß der Lehrer auf ihre Atmung schauen. Atem und Bewegung sollten synchron laufen, damit sie möglichst wenig ermüden. Der Lehrer muß sehen, wie weit sie sich dehnen können und an welchem Punkt sie außer Atem geraten. Man muß lernen, zwischen der korrekten Haltung zu unterscheiden, unter Berücksichtigung von Alter und Körperstruktur, und der Überanstrengung
für den Körper, wenn das Asana falsch geübt wird. Wenn sie sich in Trikonasana nicht nach unten beugen und den Knöchel erreichen können, muß man zunächst sehen, wo es an Beweglichkeit fehlt, und die Gesamthaltung genau darauf abstimmen. Zweitens, auch wenn keine Hilfsmittel vorhanden sind, ist normalerweise wenigstens eine Wand da. Fenster, Türrahmen, Betten, Stühle usw. sind auch verfügbar. Man sollte wissen, wie die verfügbaren Möbelstücke in Yoga Hilfsmittel umgewandelt werden können.
Vielleicht fühlt man sich nach der ersten Haltung, z.B. Tadasana, außer Atem. Da kann man Uttanasana mit den Händen an der Wand und mit waagerechtem Rumpf machen. Immer wenn die Wirbelsäule waagerecht ist, erholt sich das Herz. Ihr habt alle über die Wirkungen von Uttanasana, Adho Mukha Svanasana und Paschimottanasana in Guruji’s Buch „Licht auf Yoga“ gelesen. Laßt sie nach jedem oder jedem zweiten Asana Uttanasana oder Hundstellung machen. Man kann mit ihnen nicht alle Stehhaltungen in einem Zug üben, aber man sollte sie auch nicht nach jedem Asana im Stehen Savasana machen lassen.
Darüber hinaus helfen Vorwärtsdehnungen wie Virasana nach vorne oder Swastikasana nach vorne, die Ermüdung abzubauen.
Im Grunde kommt diese Ermüdung von einem Mangel an Bewegung. Sehr oft geraten ältere Leute nach zwei oder drei Asanas außer Atem. Diese Atemlosigkeit, bzw. Erschöpfung, kommt nicht von Anstrengung, sondern daher, daß der Körper sich von einem passiven auf einen aktiven Zustand umstellt. Vor der Übung sind sie passiv und, wenn sie dann mit dem Üben anfangen, werden sie aktiv. Da brauchen sie mehr Sauerstoff, sie atmen schneller und das heißt nun Atemlosigkeit. Ihr müßt ihnen praktisch das Atmen beibringen. Wenn allerdings diese Atemlosigkeit anhält, wißt ihr, daß ihre Kapazität erschöpft ist.
Eine schlechte Körperhaltung führt zu Ermattung und Atemlosigkeit. Man muß die Teilnehmer trainieren, ihre Wirbelsäule anzuheben, das Brustbein zu öffnen, die Rippen anzuheben usw. Nach und nach muß man ihre Körperhaltung korrigieren. Man muß auf ihre Rippen, Zwischenrippenmuskeln, ihr Zwerchfell usw. achten. Sie fangen an besser zu atmen. Lehrer sollten es nicht dazu kommen lassen, daß ihre Muskeln hart werden.
Haltungen im Sitzen wie Virasana, Ein-Bein-Padmasana, Bharadvajasana und Parvatasana beseitigen die Müdigkeit, die sich bei den Stehhaltungen entwickelt hat. Auch Supta Padangusthasana und Supta Virasana geben Ruhe und Erholung. Sarvangasana und Halasana verbessern den Blutkreislauf auf natürliche Weise und bauen Müdigkeit ebenfalls ab. Diese Asanas können alle ohne Hilfsmittel, an der Wand, geübt werden.
Und nun zum eigentlichen Thema: Warum wird Savasana als Einschub zwischen den einzelnen Asanas vermieden?
Savasana ist in erster Linie eine vollkommene Entspannung. Nach einem guten Savasana ruht der Körper, das Gehirn, die Nerven, alles. Es ist ein passiver, entspannter Zustand. Wenn man Savasana nach jedem Asana machen würde, würde man unmöglich den Körper sofort wieder aktivieren können. Also wäre man weder aktiv bei den Asanas noch passiv in Savasana. Dann würde man bei beidem leiden und die Nerven nur strapazieren. Stellt euch vor, wie gefährlich die folgende Asana-Sequenz wäre: Trikonasana, Savasana, Parsvakonasana, Savasana, Janu Sirsasana, Savasana, Paschimottanasana, Savasana. In der Tat wäre sie gefährlich und anstrengend. Es ist dumm, Dynamik und Entspannung auf diese Weise zu vermischen, wo weder dem einen Zustand noch dem anderen gerecht wird.
Ihr dürft nicht vergessen, daß man in einem Asana anfangs mit Korrekturen und einem feinen Abstimmen beschäftigt ist. Erst in der zweiten Phase verfestigt sich das ganze und wird zu einer Einheit. Erst in diesem einheitlichen Zustand erholt man sich eigentlich, da kein Zwiespalt mehr zwischen Körper und Geist besteht. Und noch ein Punkt: Beim Übergang von einem Asana zum nächsten gibt es eine Phase, in der man den Organismus reguliert und gewisse Methoden des Atmens einsetzt, um sich zu erholen, ohne die Wachsamkeit zu verlieren. Wenn man die Wachsamkeit verliert, nistet sich ein negativer Zustand im Geist ein. Dieses Negative führt auch zu Erschöpfung und Atemlosigkeit.
Werdet nicht nervös, wenn ihr Schein-Erschöpfung oder Schein-Atemlosigkeit bei den Teilnehmern begegnet. Wenn es aber echte Erschöpfung ist, dann ist Ruhe vonnöten.
Und schließlich müßt ihr dafür sorgen, daß jeder ältere Teilnehmer am Ende der Übungsstunde Savasana macht, weil Entspannung sehr wichtig ist. Am Ende der Übungsstunde wird der Versuch, Savasana zu üben, gründlich sein, was die Teilnehmer frisch macht, frei von Müdigkeit und energiegeladen.

Die Abbildungen zum Sonnengebet stammen aus folgendem Buch:

Buchtitel: H.Wurz
Hubert Wurz
Das indische Sonnengebet
Pattloch Verlag, Augsburg


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