Die Nummer 1 in den Asanas

von Zubin Zarthoshtimanes

Übersetzung des Zeitungsartikels anläßlich des Iyengar Festivals in Pune in „The Sunday Review“, 6. Dezember, 1998. Die Übersetung stammt von Claudia Böhm.

Zum hundertsten Geburtstag der Berliner Philharmoniker dirigierte der weltbekannte Violinist Yehudi Menuhin ein Orchester – mit seinen Füßen, auf dem Kopf balancierend!
„Und das“, sagte er, „hat mich mein Yoga Guru... mein bester Violinlehrer und Künstler ohne Musikinstrument gelehrt.“
Seine Freundschaft mit Yogacharya B.K.S. Iyengar reicht bis in das Jahr 1950 zurück. Damals weitete sich ein erstes Interview zwischen den beiden, das eigentlich für fünf Minuten geplant war, auf drei Stunden aus. Menuhin entwickelte sich zum begeisterten Schüler und stellte Iyengar und sein Fachgebiet 1952 der westlichen Welt vor.
Allerdings spielt Iyengar, dessen 80. Geburtstag am 14. Dezember in Pune gefeiert wird, sehr wohl ein Instrument. Ein Instrument, das, wie er es ausdrückt, „das einzige Kapital ist, mit dem wir geboren werden.“
In der Verfeinerung und Perfektionierung dieses Instruments sieht der Künstler den Grund seines Daseins. Sein Lebenscredo, „Der Körper ist mein Tempel und die Asanas sind meine Gebete“, hat ihn vom kränkelnden, unterernährten Jugendlichen zum Yogalehrer von Weltklasse geführt, zum Dinner mit dem Belgischen Königshaus, zu einer Audienz beim Papst im Castel Candolfo. Vom Jungen mit einer maximalen Brustkorbweitung von 1,25 cm hat er sich entwickelt zum Yogacharya dessen Lungenvolumen (getestet in San Francisco) dem eines 25 jährigen olympischen Topathleten gleicht.

Iyengar mit Ramanand Patel
B.K.S. Iyengar zusammen mit Ramanand Patel in Virabhadrasana I
(Foto: Sony Studios, Pune)

Leider macht Padmashri Iyengar, der in Pune lebt und lehrt mehr Schlagzeilen im Westen, wenn über ihn berichtet wird. Seine Pionierarbeit, Yoga für die Massen anzubieten, erreichte ihren Höhepunkt als er 1993 im Cristal Palace in London 1000 Schüler und Schülerinnen unterrichtete. Das war einer der größten Yogakongresse überhaupt. Das Leiten von sogenannten Mega-Klassen (500 und mehr SchülerInnen) in Ländern wie Mauritius, Südafrika, USA, Canada, Holland, Italien, Spanien, Frankreich, Australien, Neuseeland und Japan hat Iyengar zu einer Art yogischem Columbus gemacht. Das Yogafestival 1998 (2.–14. Dezember), eine Gelegenheit seines Lebens und seiner Arbeit zu gedenken, ist auch ein solcher „800 und mehr“ Kongreß.

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Das offizielle „Geburtstagslogo“

Von Iyengar wird gesagt, daß er dem Yoga das gegeben hat, was Yoga selbst ihm vor vielen Jahren gab: Leben! Frage ihn nach seiner einzigartigen Reise und er sagt, „ich habe einzig mit dem Entschluß begonnen, von der Natur das zu bekommen, was sie nicht von allein geben wollte.“ Geboren in Bellur, Karnataka während der Grippeepidemie von 1918, haben er und seine Mutter nur knapp überlebt. Iyengar, das elfte von dreizehn Kindern in der Familie war die meiste Zeit seiner Kindheit aufgrund von Malaria, Tuberkulose, Typhus und Unterernährung bettlägerig. Dann kam das Schicksal ins Spiel. Skri T. Krishnamachar, ein berühmter Yogalehrer heiratete Iyengars ältere Schwester und führte den jungen Iyengar nach und nach in die Praxis des alten indischen Erbes ein. Dies wurde zum Wendepunkt seines Lebens. Er arbeitete hart (mit einer oft 10 Stunden überschreitenden Übungszeit) an der Perfektionierung dieser anspruchsvollen Positionen. Diese Arbeit legte den Grundstein für den weltweiten Bestseller, Ligth On Yoga (1964), übersetzt in diverse Sprachen und angesehen als die Bibel des Yoga (The British Wheel Of Yoga). Der Name Iyengar ist heute ein Synonym für Yoga geworden. Mit fast 4 Millionen Iyengar Yoga Praktizierenden, 180 Yoga-Zentren auf 6 Kontinenten, einem Auftrittsrekord von 10.000 Lehr-Demonstrationen an Orten wie der Harvard Universität, Carnegie Hall und der Davies Symphony Hall, einem Stern – Monoceros RA6h30m49sd+1 29 – der nach ihm benannt ist (registriert vom Ministry Of Federal Star Registration in Washington) und Erwähnung seines Namens unter den 2000 herausragenden Leuten des zwanzigsten Jahrhunderts, laut International Biograhpical Centre, Cambridge, England, eilt ihm seine Reputation voraus. Um es mit den Worten eines westlichen Schülers auszudrücken: „Eine Klasse mit Guruji zu haben, ist wie Kunst bei Michelangelo zu studieren, wenn man noch dabei ist, zu lernen, den Pinsel zu halten.“

Virabhadrasana I in der Gruppe
Und nun alle zusammen.
(Foto: Sony Studios, Pune)

Sein Institut in Pune, das Ramamani Iyengar Memorial Yoga Institute, seiner verstorbenen Frau gewidmet, ist zu einem Mekka für yogisches Lernen in der ganzen Welt geworden. Die älteste Tochter Geeta und sein Sohn Prashant sind in seine Fußstapfen getreten. Seine Einführung von Hilfsmitteln stellen, seitdem in längst vergangenen Zeiten Yogis den Gebrauch von Astgabeln, Stöcken, Steinen und anderen Objekten zur Verfeinerung ihrer Übungspraxis kannten, eine wichtige Weiterentwicklung auf dem Gebiet des Yoga dar.
Was aber in der weltweiten Yoga-Gemeinschaft mehr Reaktionen als selbst Iyengars „Unterrichtsgroßtaten“ hervorgerufen hat, ist sein feuriges Temperament und seine Schläge, die ihm die Spitznamen, „Der Löwe“ (während des Unterrichts) und „das Lamm“ (außerhalb der Klasse) eingetragen haben. Iyengar erklärt es so: „Ich weise auf etwas hin, nichts tut sich. Ein leichter Schlag und es passiert.“
Noch heute, mit 80 Jahren, fährt Iyengar fort, es möglich zu machen. Er sagt, „Die Perfektion entzieht sich uns, aber das sollte uns nicht unsere Anstrengung vermindern lassen. Es ist göttliche Unzufriedenheit, die mich antreibt.“
Selbst nach 65 Jahren Yoga brennt das Licht noch genauso stark und unnachgiebig.

Savasana für alle
Auch in Pune kommt am Ende Savasana
(Foto: Sony Studios, Pune)


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