Warum sind wir, wie wir sind?

von Prashant Iyengar

Vortrag anläßlich des 23jährigen Jahrestages des Institutes, gehalten am 17. Januar 1998 von Prashant Iyengar, übersetzt von Birgit Hamm, Karlsruhe

Vor einigen Tagen gingen Mr. Albert Einstein, Mr. Tom, Mr. Dick und Mr. Harry eine Straße in Poona entlang und entdeckten an einem großen Gebäude ein Schild mit folgender Aufschrift: Röntgeninstitut - Gehirnuntersuchung. Die vier Herren traten ein und stellten sich dem Arzt vor. „Wir möchten gerne wissen, warum ist Dr. Einstein so intelligent, warum ist Mr. Tom so leidenschaftlich, lüstern und triebhaft, warum ist Mr. Dick so dumm und starrköpfig, und warum ist Mr. Harry ein Heiliger, mitfühlend und göttlich? Da Sie hier Körper und Geist untersuchen, möchten wir Sie bitten herauszufinden, warum wir so sind, wie wir sind." Daraufhin entschuldigte sich der Arzt und sagte: „Tut mir leid, wir können Ihnen da nicht weiterhelfen."

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Bis zum heutigen Tag ist es so, daß die Medizin nur den Körper und nicht den Geist erforscht hat und immer noch glaubt, daß wir sind, was wir sind, und nicht so sein können, wie wir nicht sind. Die Medizin glaubt, den Menschen zu kennen, dabei hat sie jedoch nur die Systeme erforscht, aus denen der Mensch besteht: den Knochenbau, das Atem- und Verdauungssystem, den Kreislauf, das Drüsen- und das Nervensystem sowie das psychosensorische System usw. Obwohl man den Menschen aufgrund dieser Systeme erklären kann, reicht dies jedoch nicht aus. Der Pragmatismus kann nicht erklären, warum Einstein Einstein ist und wir wir sind. Das bedeutet, daß man noch viel erforschen muß, um herauszufinden, wie und was der Mensch ist. Die Wissenschaft, die sich nur mit Anatomie und Physiologie beschäftigt, weiß deshalb nur, was esoterische Physiologie ist, der Geist ist jedoch unerforscht. Die Röntgenbilder zeigen keinen Unterschied zwischen einem Heiligen und einem Rohling, einem triebhaften Menschen und einem Asketen, zwischen einem Intellektuellen und einem Dummen, einem Mutigen und einem Feigling. Anstatt nach seinem Körper beurteilt zu werden, sollte man den Menschen nach seinem Geist beurteilen. Kurioserweise findet sich das Sanskritwort „manas" im Englischen „man" wieder, ebenso in „human being". Würde man sonst nicht „hubody being" sagen, wenn der Mensch nur vom Körper beurteilt werden könnte? Der heutige Pragmatismus hat zwar auf der Erde und im Universum viel entdeckt, der Mensch jedoch bleibt ein unbekanntes Wesen.
Wenn der Geist wesentlich für den Menschen ist, woraus besteht dieser Geist dann? Sicherlich kann man ihn nicht mit einem der anatomischen Systeme erklären. Der Geist ist nichtstofflich, denn sonst läßt sich ein Unterschied zwischen Mr. Einstein, Mr. Tom, Mr. Dick und Mr. Harry nicht erklären. Die heutige Wissenschaft ist somit ungeeignet, unseren Geist zu erforschen. Es gibt jedoch eine Art esoterische Physiologie. Sie kann uns helfen, die Beschaffenheit des menschlichen Geistes zu entdecken. In den alten indischen Schriften ist der Geist klar dargestellt. Ich werde im folgenden versuchen, die Anatomie und Physiologie des Geistes, der Intelligenz und der Emotionen nahezubringen. Diese drei machen den Menschen aus und nicht die Hände, Beine, Brust und die Sinne. Die alten indischen Weisen kannten eine esoterische Physiologie, die den heutigen Pragmatikern unbekannt ist. Dieses Konzept ist in den Upanishaden als „Kosas" die 5 Schichten, genau dargestellt. Zweifellos muß der Yogaschüler die Anatomie und Physiologie des Körpers kennen; wichtiger ist jedoch die esoterische Physiologie. Als Yogaschüler arbeiten wir mehr mit dem Geist als mit dem Körper. Auch wenn wir mit dem Körper arbeiten, arbeiten wir für den Geist. Deshalb ist es notwendig zu wissen, wie der Geist zusammengesetzt ist. Das Konzept der 5 Schichten des Körpers, sollte denen bekannt sein, die Gurujis Bücher gelesen haben. Es gibt das Konzept des grobstofflichen und des kausalen Körpers, indem die unbekannten Aspekte des menschlichen Wesens dargestellt werden. Die alten Schriften sagen deshalb, daß man vor allem den Geist erforschen muß.
Der Mensch sollte an seinem Geist erkannt werden. Aber der heutige Pragmatismus ist weit davon entfernt, den Geist des Menschen zu kennen und so bleibt der Mensch den Menschen ein Geheimnis, während das Innere und das Äußere der Erde und selbst das Universum immer mehr erforscht werden.
Wenn der Mensch also aus Geist besteht, wie ist dieser Geist dann aufgebaut? Der Geist besteht nicht aus Skelett oder Muskelsystemen und auch nicht aus irgendeinem der anderen anatomischen Systeme. Der Geist besteht aus nichts und niemand wird einen Unterschied sehen, zwischen dem Geist von Mr. Einstein und dem Geist von Mr. Dick.
Zum Verstehen des Geistes ist deshalb die esoterische Physiologie, wie sie die Anatomie beschreibt, vollkommen unzureichend. Die esoterische Physiologie hingegen kann uns helfen, die Beschaffenheit des menschlichen Geistes zu erforschen. In den alten indischen Schriften gibt es eine klare Vorstellung davon, woraus der Geist besteht. Ich werde nachfolgend versuchen, die Anatomie und Physiologie des Geistes zu beschreiben und nicht die Anatomie und Physiologie des menschlichen Körpers.
Auf der geistigen Ebene besteht der Mensch aus Intelligenz, dem Geist und den Emotionen. Die heutigen Pragmatiker wissen nichts von der esoterischen Physiologie, wie sie die Weisen des alten Indiens in den Upanishaden niedergelegt haben. Es ist das Konzept der pansha-kosas, der 5 Schichten, die die Yogaschüler kennen sollten wie den Körper, denn im Yoga arbeiten wir mit dem Körper im Dienste des Geistes. Die 5 Schichten des Körpers „anamaya-kosa, pranamaya-kosa, manomaya-kosa, vijnanamaya-kosa, anandamaya-kosa", die Guruji in seinen Büchern näher erklärt, und das Prinzip des grobstofflichen Körpers, des feinstofflichen Körpers und des kausalen Körpers sind die beiden Konzepte, mit denen die unbekannten Aspekte des menschlichen Wesens beschrieben werden. Der Geist, mit dem wir die Dinge zu durchdringen versuchen, ist selbst unbekannt. Das ist das Dilemma unserer Zeit. Die spirituellen Wissenschaften haben schon immer darauf gedrungen, zuerst den Geist zu erforschen, mit dem wir die Welt der Erscheinungen untersuchen.

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Supta Baddha Konasana über ein Polster

Zurück zu den pansha-kosas. Die erste Hülle, nämlich anamaya-kosa werde ich hier nicht behandeln, denn sie gehört in den Bereich der esoterischen Physiologie, die in Anatomie- und Physiologie-Büchern hinreichend behandelt wird. Anamaya-kosa sind die Elemente, aus denen der menschliche Körper besteht, nämlich die Haut, das Fleisch, die Muskeln, das weiche Gewebe, das harte Gewebe, die Knochen, die Nerven, das Blut, das Sperma und die Eizellen. Wenn wir davon ausgehen, daß wir 5 Körper haben, mit anamaya-kosa als äußeren, sichtbaren Körper, so ist zweitens pranamaya-kosa, der innere Körper und drittens manomaya-kosa die nächste innere Schicht. Ihr folgt viertens vijnanamaya-kosa und schließlich fünftens der innerste Körper, anandamaya-kosa, das Zentrum, in dem die göttliche Gnade erfahren werden kann.
Erinnern wir uns an die Fragen, mit denen sich die vier Herren am Anfang vergeblich an den Arzt wendeten. Die Antwort, auf diese Fragen findet sich im pranamaya-kosa dem energetischen Körper. Alle Manifestationen sind auf Energie zurückzuführen. Deshalb die Wichtigkeit des von Energie durchdrungenen Körpers pranamaya-kosa. Auf der Ebene des pranamaya-kosa finden sich die Antworten zu Fragen, die nicht auf der esoterischen Ebene beantwortet werden können. Hätten die 4 Herren einen Yogi und nicht einen Arzt befragt, so hätte dieser ihnen zur Zufriedenheit Auskunft geben können. Die Mentalität des Menschen, seine Emotionen und sein Intellekt werden von der Schicht des pranamaya-kosa bestimmt, und es ist ein Irrtum zu denken, daß diese Energie nur in Yogis oder Menschen, die sich auf einem spirituellen Weg befinden, zur Wirkung kommt. Diese Energie wirkt nicht nur in jedem von uns, sondern sie macht uns zu dem, was wir sind. Pranamaya-kosa bestimmt, ob wir intelligent sind oder dumm, ob wir weise oder heilig oder triebhaft sind. In pranamaya-kosa liegt nicht nur die Antwort auf unsere Fragen, sondern auch die Möglichkeit, zu werden, was wir nicht sind. Denn pranamaya-kosa macht uns nicht nur zu dem, was wir sind, sondern ermöglicht uns auch zu werden, was wir nicht sind.
Wir sollen nun pranamaya-kosa näher untersuchen. Stellen wir also fest, daß es sechs Energiezentren in unserem Körper gibt. Diese Plexi liegen in der Wirbelsäule, die mehr ist als nur ein physiologischer und anatomischer Bestandteil des Körpers. Die Plexi, Energiezentren, oder auch Chakren, die man durch keine wissenschaftliche Apparatur erforschen kann, sind immateriell. Wir leben im Zeitalter des Pragmatismus, aber es ist nicht pragmatisch, nicht zu glauben, was wir nicht sehen, auch wenn unsere Ärzte und Wissenschaftler über einen solchen Ansatz lachen. Genausowenig pragmatisch ist es aber zu glauben, was wir sehen, denn die Dinge sind nicht immer so, wie wir sie sehen und es gibt viele Dinge, die wir gar nicht sehen können. Die heutige Astrophysik erklärt, daß das, was wir wissen, ein winziger Bruchteil dessen ist, was wir nicht wissen, und daß unsere Unwissenheit unendlich groß ist. Wenn die Schicht des pranamaya-kosa also für unseren mentalen, emotionalen und intellektuellen Zustand und Zuschnitt verantwortlich ist, erklärt sich auch, warum wir alle unterschiedlich sind. Niemals werden sich zwei Personen finden, die auf mentaler, intellektueller und emotionaler Ebene völlig identisch sind.
Der Grund dafür liegt darin, daß die 6 Chakren jeden von uns in unterschiedlicher Weise beeinflussen. Ich möchte dazu ein Beispiel geben, das unser logischer Verstand leicht erfassen kann. Elektrizität ist Energie. Strömt Elektrizität nun in eine Glühbirne, so entsteht Licht. Strömt die gleiche Menge an Elektrizität in einen Ofen, so entsteht Hitze, strömt sie in einen Hochofen, so wird sie in mehrere tausend Grad Hitze verwandelt, während in einem Kühlschrank Minusgrade entstehen. In einem Ventilator erzeugt sie Luftzug, eine Maschine fängt an zu arbeiten – die Elektrizität ist immer dieselbe, ihre Auswirkungen sind jedoch unterschiedlich und abhängig von dem Apparat, in dem sie sich manifestieren. Für den Menschen ist der Atem die Energie, die alles beeinflußt.
Der Atem seinerseits wird von den Chakren beeinflußt. Wenn wir uns z. B. vorstellen, daß eines der Chakren ein Hochofen ist, daß der Atem also unter dem Einfluß eines Hochofens steht, können wir uns vorstellen, wie ein Mensch ist, nämlich von Natur aus wütend, intolerant, überschäumend usw. Ein anderer Mensch, der hingegen unter dem Einfluß eines Chakras steht, das eher wie ein Kühlschrank ist, wird eiskalt sein, während ein Mensch, der unter dem Einfluß eines anderen Chakras steht, zum „workaholic" wird. Das Chakra also, das in einem Menschen dominiert, bestimmt seinen Geist, seinen Intellekt und seine Emotionen. Wenn wir also verstehen wollen, warum wir so und nicht anders sind, müssen wir die Natur und die Funktionen der sechs in der Wirbelsäule gelegenen Chakren erforschen.

1. Muladhara-Chakra (an der Wurzel der Wirbelsäule, es umfaßt die ganze Gegend des Anus),

2. Svadhisthana-Chakra (im Genitalbereich),

3. Manipuraka-Chakra (im Bereich des Zwerchfells),

4. Anahata-Chakra (in der Herzgegend),

5. Vishuddha-Chakra (in der Kehle),

6. Ajna-Chakra (zwischen den Augenbrauen).

Muladhara-Chakra

Diese Chakren wurden bereits in den Yoga-, Tantra- und Vedanta-Schriften untersucht und beschrieben. Diesen Schriften zufolge ist das Muladhara-Chakra der Plexus, in dem die Energie ruht. Alle, die auf dem Yoga- oder einem anderen spirituellen Weg sind, werden mit den folgenden Unzulänglichkeiten konfrontiert: Es fehlt an Konzentration, an Beständigkeit, an Ruhe, an Heiterkeit, an Gleichmut, an einem vereitelten Geist, um nur einige der Mängel aufzuzählen und all das, obwohl wir diese Eigenschaften wünschen und anstreben. Wie kommt es, daß wir über diese Eigenschaften nicht verfügen?

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Viparita Dandasana über einen Stuhl

Das Potential, das wir zur spirituellen Weiterentwicklung brauchen, ist in uns vorhanden, aber es ruht in einem Zustand des Schlafes und deshalb können wir nicht sein, was wir sein wollen, obgleich wir wissen, was wir wollen. Wenn wir nun also dieses Chakra aktivieren, d. h. unser Prana unter den Einfluß dieses Chakras bringen, wird dieses ruhende Potential erweckt und wir werden zu dem, was wir nicht sind. Während wir einerseits also danach streben, gewisse Eigenschaften in uns zu erwecken, möchten wir andererseits, gewisse Eigenschaften, wie z. B. Unruhe, Leidenschaft, Unbeständigkeit, die wie ungezogene Kinder in uns sind, zum Schlafen bringen. Wenn wir Zugang zum Muladhara-Chakra haben, können wir diese ungezogenen Kinder zum Schlafen bringen und artige Kinder aufwecken und haben Zugang zu all den angestrebten Eigenschaften des Geistes, wie z. B. Heiterkeit, Ruhe, Gleichmut, Weisheit und Leidenschaftslosigkeit.
Es ist wichtig zu erkennen, daß jeder dieser Plexi zwei verschiedene Funktionen hat: eine erwünschte und eine unerwünschte. Der Plexus beeinflußt unser Prana also einerseits auf eine erwünschte und andererseits auf eine unerwünschte Art und Weise. Wir können uns also zum einen Zugang verschaffen zu all den gewünschten Eigenschaften, die bisher in uns schliefen, zum anderen müssen wir jedoch darauf achten, daß der Plexus nicht in unerwünschter Weise aktiv wird und unsere guten Eigenschaften außer Gefecht setzt. Im Muladhara-Chakra ruht alles, was wir zur Weiterentwicklung auf dem spirituellen und logischen Weg brauchen, deshalb also unser Bemühen, das Prana unter den Einfluß dieses Chakras zu bringen. Wie aber verschafft man sich Zugang zu den Chakren? Sie lassen sich nicht durch einen Schalter, durch Knopfdruck oder durch Fernbedienung ein- oder ausschalten. Der einzige Zugang zu den Chakren ist Dhyana, d. h. Meditation. Auch wenn niemand von uns wirklich in der Lage ist, zu meditieren, soll uns das nicht entmutigen, denn der Yoga hält Techniken bereit, mit denen wir uns durch Asanas, Pranayamas, Bandhas, Kriyas Zugang zu allen esoterischen Bereichen in uns erschließen können. Nochmals Meditation ist der perfekte Zugang zu den Chakren, aber es gibt andere Möglichkeiten, die Chakren in gewünschter Weise zu manipulieren, auch wenn sie vielleicht etwas weniger vollkommen sind. Wenn Asanas unterrichtet werden, kennt jeder Anweisungen, wie z. B.: Zieht den Bereich des Anus zusammen, macht das Gesäß fest, Steißbein nach innen, Kreuzbein nach innen. Diese Anweisungen haben sowohl einen expliziten als auch einen implizierten Aspekt und zielen darauf ab, das Muladhara-Chakra zu aktivieren.
Wenn wir also mit der Dynamik der Asanas vertraut sind, können wir uns durch die o.g. Techniken einen gewissen Zugang zu dem Chakra verschaffen, vorausgesetzt, wir wissen, wann, wie und wo diese Techniken richtig eingesetzt werden können. Das ist esoterische Physiologie. Die einfache Anweisung, den Bereich des Anus zusammenzuziehen, Gesäß fest, Steißbein nach innen, ist daher keine Anweisung für das Steißbein, sondern vielmehr eine Anweisung, mit der wir mit Hilfe des Steißbeins Zugang zum untersten Plexus schaffen. Wenn wir also wissen, wie und wann wir mit dem Steißbein arbeiten, so ist es eine Arbeit auf der esoterischen Ebene, mit der das Muladhara-Chakra vorsichtig stimuliert wird. Auf diese Weise werden gewisse positive Eigenschaften in uns erweckt, auch wenn dieser Zugang nicht ganz so vollkommen ist, wie Meditation. Asanas, Pranayamas, Bandhas, Mudras und yogische Techniken führen also dazu, daß das Chakra auf erwünschte und nicht mehr auf unerwünschte Weise funktioniert und wir unsere Unvollkommenheiten immer mehr überwinden können.
Solange das Chakra nicht in gewünschter Weise arbeitet, können bestimmte Eigenschaften auf mentaler, intellektueller und emotionaler Ebene nicht zum Ausdruck kommen. Wird aber das Chakra in gewünschter Weise stimuliert, wobei die unerwünschten Eigenschaften zur Ruhe gebracht werden, so wirkt sich dies auf unser ganzes Wesen aus. Das Muladhara-Chakra ist also eine Art Schatztruhe, in der alle Perlen, Diamanten und alle möglichen Schmuckstücke ruhen, die für eine spirituelle Weiterentwicklung unbedingt notwendig sind. Wenn es uns gelingt, diese Schatztruhe zu öffnen, haben wir die Möglichkeit, im tiefsten Sinne des Wortes, menschliche Wesen zu werden.

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Pashimottanasana

Svatisthana-Chakra

Das zweite Chakra ist das Svatisthana-Chakra und befindet sich im Genitalbereich. Dieses Chakra beeinflußt die meisten von uns, es beeinflußt den Atem, den Energiefluß. Deshalb auch der Name: Svatisthana = Basis oder Fundament für das Ich. Svatisthanam: Wir sind, was wir sind, weil wir unter dem Einfluß das Svatisthana-Chakra stehen, in dem das Fundament für das Ich liegt. Dieser genitale Plexus beherrscht nicht nur die meisten Menschen, sondern auch die gesamte Biowelt, wobei wir uns hier nicht mit Tieren, Insekten, Pflanzen etc. beschäftigen wollen. Dieses Chakra ist verantwortlich dafür, daß unsere Vorlieben durch Sexualität und Sensualität bestimmt werden, die wiederum einen starken Einfluß auf unseren Geist, unseren Intellekt und unsere Emotionen haben. Hier liegt auch die Antwort auf die Frage, die wir uns am Anfang stellten: Warum ist Mr. Tom so lüstern? Mr. Tom wird vom Svatisthana-Chakra beherrscht.
Auch das Svatisthana-Chakra kann auf erwünschte oder unerwünschte Weise wirksam werden. Wirkt das Chakra auf unerwünschte Weise, so manifestiert sich eine Variation von Mr. Tom, ein Mensch also, der von seinen Trieben gesteuert wird. Wirkt das Chakra hingegen in erwünschter Weise, so katapultiert es uns über das Niveau von Sensualität und Sexualität hinaus auf eine höhere Ebene, jenseits der Triebe, wo das Chakra keine Wirkung mehr hat. Das ist Transzendenz. Wir sind aus eigener Kraft auf eine Ebene emporgestiegen, die religiöser, sublimer und spiritueller ist, und wir können ganz sicher immer diesen einen Schritt nach oben tun. Wenn wir über Lüsternheit, und Sensualität hinaussteigen, werden sich neue Horizonte für uns eröffnen. Man kann sich gut vorstellen, daß bei einem Menschen, bei dem die Leidenschaft vorherrscht, der Geist, der Intellekt und die Emotionen entsprechend geprägt werden, doch wissen wir, daß es möglich ist, sich der Herrschaft dieses Chakras zu entziehen und einen Schritt nach oben zu tun. Deshalb ist es wichtig, Zugang zum Svatisthana-Chakra zu finden. Für uns Yoga-Übende bedeutet das, immer wieder im Bereich des Beckens zu arbeiten, um das dortige Potential zu unserer Weiterentwicklung zu aktivieren. Supta Baddha Konasana über eine querliegende Decke z. B. ermöglicht einen solchen Zugang. Das gleiche gilt für Rückbeugen, in denen man mit der Atmung den Beckenbereich kontrolliert, wie z. B. Viparita Dandasana über einen Stuhl. Diese und viele andere Vorwärts- und Rückwärtsbeugen können helfen, daß wir uns dem negativen Einfluß des Svatisthana-Chakra entziehen.
Gleichzeitig können Asanas, Pranayamas, Bandhas, Mudras und verschiedene yogische Techniken, die uns Zugang zu diesem Chakra verschaffen, bewirken, daß es für uns in der gewünschten Weise arbeitet. An dieser Stelle möchte ich nochmals darauf hinweisen, daß die yogischen Techniken uns einen Zugang zu den Chakren ermöglichen, der so gewaltig ist, daß wir sein Potential nicht ausschöpfen können, auch wenn ein vollkommener Zugang zu den Chakren nur durch Dhyana (Meditation) erreicht werden kann.
Mit Hilfe der Asanas kann auf jeden Fall erreicht werden, daß das Svatisthana-Chakra nicht mehr auf unerwünschte, sondern auf nunmehr erwünschte Weise funktioniert. Das Geheimnis der Asanas besteht also in ihrer verborgenen Kraft, die Chakren günstig zu beeinflussen und somit schließlich unsere Persönlichkeit zu transformieren. Das beantwortet auch die Frage, warum Mr. Tom ist, wie er ist, und Mr. Harry ist, wie er ist.
Jetzt verstehen wir auch, warum Harry, der vierte Mann in unserer Geschichte, nicht von seinen Trieben beherrscht wurde: Sein Svatisthana-Chakra war in erwünschter Weise beeinflußt worden und hatte ihn auf eine spirituell höhere Ebene gehoben und seinen Geist, seinen Intellekt und seine Emotionen sublimiert.
Wir müssen uns darüber im klaren sein, daß unsere Atemkonstelation, abhängig von den verschiedenen Körperhaltungen in den einzelnen Asanas, ganz unterschiedlich ist. Wir atmen jetzt anders als in Viparita Dandasana auf einem Stuhl und wir können uns vorstellen, daß Prana in Pashimottanasana wiederum von einem anderen Chakra beeinflußt wird. Wir sehen also, daß sich die Asanas auf die esoterischen Aspekte unserer Physiologie auswirken.

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Sarvangasana

Manipuraka-Chakra

Das nächste Chakra ist das Manipuraka-Chakra im Bereich des Nabels. Im Svatisthana-Chakra ist der Sitz der Leidenschaft. Im Manipuraka-Chakra ist der Sitz der Angst, das Angstsyndrom, weshalb Bauch und Nabel sich zusammenziehen und hart werden, wenn wir uns fürchten. Haben sich, die Pragmatiker unserer Zeit, die davon ausgehen, daß die Angst im Kopf sitzt, jemals gefragt, warum sich die Gegend um den Nabel herum zusammenzieht, wenn wir uns fürchten? Die Angst sitzt im Bauch.
Nun ist es wichtig, zwei Arten von Angst zu unterscheiden, positive und negative Angst. Die positive Angst ist der Hauptfaktor für unsere Weiterentwicklung. Wir brauchen positiven Streß, wenn wir etwas leisten wollen. Ohne positive Angst werden wir niemals unser Bestes bringen können. Positive Angst ist gut für uns, negative Angst ist unser Verderben. Sie schwächt unseren Geist, läßt unseren Intellekt erstarren und setzt unsere Emotionen außer Funktion.
Wir alle wissen, wie sich negative Angst auswirkt. Ich brauche also nicht näher darauf einzugehen, wie unerwünscht sie ist. Ich möchte an dieser Stelle ein Beispiel geben, das zeigt, wie wichtig positive Angst für uns ist. Schulkinder, die immer spielen und niemals Hausaufgaben machen wollen, werden plötzlich zu introvertierten, konzentrierten Wesen, wenn eine Prüfung naht. Die positive Angst führt dazu, daß sie ihr Spiel vergessen und sich auf das Wesentliche konzentrieren. Wenn das Manipuraka-Chakra also in erwünschter Weise arbeitet, kann jeder einzelne von uns, die für ihn bestmögliche Leistung erbringen und gleichzeitig vergeht die negative Angst. Diejenigen von euch, die beobachtet haben, wie Guruji in den medical classes mit Patienten umgeht, die unter Angstzuständen, wie z. B. Minderwertigkeitsgefühl oder nervöse Vergeßlichkeit leiden, werden festgestellt haben, daß er diese Patienten Rückbeugen üben läßt. Rückbeugen wirken auf den Bereich der Nabelgegend und öffnen und entspannen den durch Angst verhärteten und verkrampften Bereich. Was für den Beobachter aussieht, wie ein körperliches Viparita Dandasana ist in Wirklichkeit – also nicht-körperlich. Denn durch die Dehnung im Nabelbereich kommt die Atmung sofort unter den Einfluß des Manipuraka-Chakras und hat eine Veränderung auf der geistigen Ebene zufolge. Der Patient verläßt die medical class in einem stabileren Zustand, weil das Manipuraka-Chakra nun das Prana in positiver Weise beeinflußt.
Das Angstsyndrom kann also durch Asanas, Pranayamas, Bandhas, Mudras und verschiedenen yogischen Kriyas erfolgreich bekämpft werden, während gleichzeitig das positive Angstgefühl unterstützt wird, so daß wir einen besseren Ausgangspunkt zur Weiterentwicklung haben. Darüber hinaus spielt das Manipuraka-Chakra eine sehr wichtige Rolle für den Geist eines Yogi. Im Nabelbereich befinden sich nicht nur das Verdauungssystem, sondern auch das Verdauungsfeuer, das bei einem Yogi in ganz besonderer Weise brennt. Nehmen wir an, daß wir beschließen, nur Äpfel und Milch zu uns zu nehmen. Wenn unser Verdauungssystem in Ordnung ist, wird es aufgrund dieser Ernährung nur bestimmte Enzyme hervorbringen können. Das Verdauungsfeuer eines Yogi hingegen, das völlig anders als unseres arbeitet, wird bei gleicher Ernährung darüber hinaus Enzyme für den Geist, für die Intelligenz und für die Emotionen hervorbringen. Die esoterische Physiologie sagt: Unser Geist ist, was wir essen. In den Upanishaden steht: Unser Geist entsteht durch unser Essen. Die wissenschaftliche Erklärung dafür ist ein anderes Thema, auf das ich heute nicht eingehen werde, nur eine Bemerkung noch: Da das Essen unseren Geist bestimmt, können wir unseren Geist nicht der Wirkung entziehen, die das Essen auf ihn ausübt. Bei uns wird das Essen umgesetzt in Enzyme und Fäkalien. Wenn bei einem Yogi hingegen das Prana vom Verdauungsfeuer beeinflußt wird, entsteht ein herausragender Geist, eine hervorragende Intelligenz und außergewöhnliche Emotionen.
Wir haben schon gesehen, wie negative Angst den Zugang zu unseren Leistungen und Fähigkeiten blockiert und stellen uns nun vor, daß unser Prana in positiver Weise vom Verdauungsfeuer beeinflußt wird und welche Auswirkungen dies auf unseren Geist, auf unseren Intellekt und auf unsere Emotionen hat.
Haben wir nicht alle schon zu erklären versucht, warum der eine mutig und der andere schüchtern ist? Verantwortlich dafür ist das Manipuraka-Chakra, das das Prana in positiver oder negativer Weise beeinflußt. Aus diesem Grund wird auch die yogische Psychotherapie im Angstkomplex, im Angstsyndrom, in nervöser Vergeßlichkeit etc. niemals medikamentös behandeln. Der Yogi wird in diesem Fall zur Heilung von Ängsten im Nabelbereich ansetzen, was erklärt, weshalb bei Angstzuständen Rückbeugen geübt werden.
Und noch ein Letztes zum Thema Angst. Wir alle glauben, daß Mut etwas Gutes und Angst etwas Schlechtes ist. Natürlich ist Mut eine positive Eigenschaft, aber wenn wir annehmen, daß die ganze Menschheit absolut furchtlos wäre, was würde passieren? Wir alle würden vernichtet werden. Was die Menschheit bisher vor dem Untergang bewahrt hat, ist die Angst. Ohne Angst wäre die menschliche Rasse schon längst ausgestorben. Warum? Angst gibt uns Abwehrmechanismen, ohne die wir nicht lebensfähig wären. Die Angst sorgt dafür, daß wir uns schützen, uns kleiden, in einem Haus wohnen, essen etc. Ohne Angst würden die Naturgewalten uns vernichten. Die alten indischen Schriften zählen Angst ebenso wie Nahrung, Schlaf und Sex zu den 4 Aspekten, die unbedingt lebensnotwendig sind. Positive Angst, die durch Asanas, Pranayamas und yogische Techniken hervorgebracht werden kann, hilft, das Angstsyndrom zu überwinden, ohne deshalb unangemessenen Mut zu entwickeln. Und noch etwas: Interessanterweise ist das weibliche Geschlecht vom Nabelplexus stark beeinflußt, weshalb Frauen ängstlicher sind als Männer. Dieses Chakra wirkt sich auf die Bioenergie der Frauen anders aus als auf die der Männer und sorgt dafür, daß Frauen ängstlicher sind. Was hat eine Frau, von der man sagt, sie sei männlich? Sie hat Mut und d. h. sie hat ungewöhnlich viel Mut für eine Frau und das macht sie männlich. Das weibliche Geschlecht hat einen leichteren Zugang zum Nabelplexus und kann deshalb auch unter positivem Streß besser arbeiten. Das ist alles, was ich heute über das Manipuraka-Chakra sagen möchte.

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Setu Bandha Sarvangasana

Anahata-Chakra

Nun weiter zum Anahata-Chakra. So wie das Zentrum der Angst im Nabelbereich liegt, liegt das Zentrum des Mitleidens und der Liebe im Herzen. Wieder haben Frauen einen leichteren Zugang zu diesem Bereich als Männer, denn ihre Bioenergie wird vom Anahata-Chakra stark beeinflußt. Im Gegensatz zu den Männern funktionieren Frauen besser, wenn sie die feinen, seidigen Bande der Liebe fühlen.
Die Liebe spinnt seidene Fäden, mit denen die Frauen gut umgehen können, während sich die Männer dadurch eingeengt und unwohl fühlen. Die Damen werden mir hier sicher zustimmen. Die Frau ist bereit, für einen geliebten Mann vieles aufzugeben, was im umgekehrten Fall den Männern eher schwerfällt. Deshalb haben Männer auch Mühe, ihre schlechten Gewohnheiten aufzugeben, auch wenn die geliebte Frau sie bittet: „Liebling, rauche nicht mehr, trinke nicht mehr!" Hier nützen die Bande der Liebe nicht.
Darüber hinaus übernimmt die Frau die wichtigste Rolle innerhalb der Familie. Denn was hält eine Familie zusammen, wenn nicht die Bande der Liebe? Die Frau übernimmt Verantwortung und tut ihr Bestes – der Mann tut sein Bestes, um sich dieser Verantwortung zu entziehen. Mehr noch, oft scheint es, als ob die Männer vorsätzlich die Familienbande zerschlagen, die die Frau mit all ihren Kräften dann wieder zu knüpfen versucht. Der Grund ist, wie schon gesagt, daß Frauen unter den Banden der Liebe aufblühen, während Männer von diesen Banden nichts wissen wollen. Das soll nicht heißen, daß Männer unfähig sind zu lieben, sie wollen sich lediglich nicht gebunden fühlen.
Auf der Gefühlsebene, immer wenn es um Hingabe oder Religiosität, Glauben und Verehrung geht, sind Frauen in Tempeln und Kirchen zahlreicher vertreten als Männer. Aus diesem Grund sind es auch Frauen, die die alten Traditionen aufrecht erhalten, weil sie in ihnen mehr verwurzelt sind.
Wenn das Herzchakra die Lebensenergie in gewünschter Weise beeinflußt, verwandeln sich Geist, Intelligenz und Emotionen in wahre Schatztruhen. Wenn Geist, Intelligenz und Emotionen im Einklang miteinander sind, entsteht eine integrierte Persönlichkeit. Außerdem ist das Herz eine große mystische Höhle des Spirituellen und Göttlichen, es ist das sanctum sanctorum. Wenn wir also Zugang zum Mystizismus und zu religiösen Erfahrungen haben wollen, müssen wir den Zugang zum Herzplexus finden, d. h. wir müssen unsere Bioenergie unter die Kontrolle des Anahata-Chakras bringen, so daß sich unser Geist, unsere Intelligenz und unsere Emotionen so entwickeln, daß wir auf dem Pfad der Mystik wandern können, der ins Königreich der Meditation führt. Wenn wir uns als Yogi weiterentwickeln wollen, sollten wir wissen, welchen Stellenwert das Herzchakra für unsere Entwicklung hat.

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Viparita Karani

Vishuddha-Chakra

Es folgt das Vishuddha-Chakra im Bereich der Kehle. Und hier eine höchst erstaunliche Information: Dieser Plexus ist das Zentrum des Denkmechanismus. Wir alle haben gelernt, daß das Gehirn Sitz der Gedanken und des Denkmechanismus ist. Die esoterische Philosophie belehrt uns jedoch eines Besseren: Der Gedankenmechanismus hat seinen Ursprung in der Kehle. Wie kann man diese Behauptung nun rational erklären? Guruji behandelt eine überspannte Person, die unter einem immerwährenden Ansturm von Gedanken leidet, indem er diese Person ständig den Bereich der Kehle entspannen läßt. Wenn die Spannung nur im Gehirn wäre, warum sollte Guruji darauf bestehen, daß der Bereich der Kehle sich entspannt? Und noch eine Erklärung. Könnten wir ohne Kehle sprechen? Wir alle wissen, daß die Kehle zum Sprechen unbedingt nötig ist und je mehr wir sprechen oder gar geschwätzig sind, desto mehr benutzen wir unsere Kehle. Was ist das Denken, wenn nicht ein stummes Reden, ein schweigendes Sprechen, bei dem man die Kehle, wenn auch lautlos, benutzt? Dies erklärt wohl, weshalb das Denken und der Gedankenmechanismus seinen Ursprung in der Kehle haben. Deshalb auch im Unterricht unsere ständige Ermahnung „Entspannt die Kehle!", besonders, wenn wir sehen, daß jemand zuviel Spannung hat.
Vielleicht habt ihr schon die Erfahrung gemacht, daß Haltungen wie Sarvangasana, Setu Bandha Sarvangasana, Viparita Karani, bei denen, die Brust das Kinn berührt, unseren geistigen Zustand verändern. Wenn wir feststellen, daß nach Sarvangasana, Setu Bandha Sarvangasana oder Viparita Karani unser Geist entspannt ist, sollten wir erkennen, daß diese Haltungen nicht auf den Kopf wirken, sondern auf die Kehle, wo – laut esoterischer Philosophie und yogischem Wissen – der Denkmechanismus seinen Ursprung hat.
Wenn andererseits der Geist nicht überaktiv, sondern träge ist (z.B. bei dickköpfigen Menschen), kann die Geistestätigkeit durch beispielsweise Rückbeugen, Übungen in den Seilen, Dehnung des Kehlbereiches angeregt werden. Wenn Sarvangasana (Kontraktion des Kehlbereiches) und Rückbeugen (Dehnen des Kehlbereiches) richtig angewendet werden, haben sie eine ausgleichende Wirkung, auf sowohl hyperaktiver als auch zu träger Geistestätigkeit. Wenn wir die Asanas benutzen, um das Kehlchakra in erwünschter Weise zu beeinflussen, müssen wir wissen, wie, wo und warum wir das tun.
Wie ich schon sagte, soll man den Menschen an seinem Geist erkennen. Was macht aber den Geist aus? Wir sind, was wir sind, weil wir bestimmte Gedanken haben. Der Geist ist wie ein Gebäude und unsere Gedanken sind wie die Bausteine, aus denen dieses Gebäude besteht. Leidenschaftliche Gedanken machen uns leidenschaftlich, edle Gedanken machen uns edel. Sind unsere Gedanken weltlich, so bleiben wir der Welt verhaftet, sind die Gedanken ätherisch, so werden wir ätherisch, sind sie materiell, so sind auch wir materiell, wenn unsere Gedanken spirituell sind, so werden wir spirituell. All unser Sein und Werden wird durch unseren Denkmechanismus geprägt. Wir sind das, was wir denken, wir werden sein, was wir denken und wir können werden, was wir denken. Wenn wir andererseits nicht zufrieden mit dem sind, was wir sind, können wir uns verändern, indem wir den Denkmechanismus verändern, d. h. die alten Bausteine müssen entfernt und durch neue im Vishuddha-Chakra produzierte Bausteine ersetzt werden.
Vishuddha bedeutet Reinigung und da wir alle danach streben, unseren Geist, unseren Verstand und unsere Emotionen, mehr und mehr zu reinigen, müssen wir also im Kehlchakra ansetzen. Wenn das Vishuddha-Chakra in unerwünschter Weise arbeitet, sind unsere Gedanken wild, leidenschaftlich, lüstern, krankhaft und somit untypisch für die Gattung Mensch. Wenn das Chakra in gewünschter Weise funktioniert, verfügen wir über den geistigen, intellektuellen und emotionalen Rahmen, der uns zum Dhyana-, Bhakti- oder Jnana-Yogi macht. Wenn wir also werden wollen, was wir nicht sind, müssen wir bei diesem Chakra mit Asanas, Pranayamas, Bandhas, Mudras und logischen Kriyas ansetzen. Allerdings sollten wir genau wissen, was wir anstreben, ob wir also – wie schon gesagt – unseren Verstand schärfen wollen oder ob wir eher unser Zuviel an Gedanken beruhigen möchten. Wir alle wissen, daß wir als Yoga-Übende eine gewisse geistige, intellektuelle und emotionale Stärke brauchen, wenn unser Leben nicht aufgrund gestörter Emotionen, geistiger Unausgeglichenheit und Mangel an intellektueller Stabilität und Stärke scheitern soll. Wenn wir also die geistigen, intellektuellen und emotionalen Voraussetzungen für unsere Weiterentwicklung schaffen wollen, so ist dies nur möglich, wenn wir Zugang zum Vishuddha-Chakra haben.

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Sirsasana

Ajna-Chakra

Zum Schluß nun das Ajna-Chakra, wobei es wichtig ist zu wissen, daß „ajna’ Atmung bedeutet.
Für uns alle gilt die Maxime: „Leichter gesagt als getan." Für den Yogi hingegen gilt das Gegenteil: „Leichter getan als gesagt". Der Grund für diese umgekehrte Maxime liegt im starken Willen des Yogi. Im Gegensatz zu uns wird alles, was er will Regel, Vorschrift, Gesetz, Ordnung. Wir hingegen versprechen so viel, daß wir nur wenig davon halten können und darüber hinaus geben wir noch Versprechen, von denen wir im voraus wissen, daß wir sie nicht halten können. Darin liegt auch der größte Mangel und die größte Sorge der Menschheit: Wir sind nicht in der Lage, das, was wir wünschen, zu verwirklichen. Warum sagen wir so oft: „Ich bin auch nur ein Mensch mit Schwächen und Fehlern." Es ist das Eingeständnis einer unzureichenden Funktion des Ajna-Chakras, das uns Vieles sagen aber nur Weniges tun läßt. Wenn hingegen das Ajna-Chakra die Bioenergie beeinflußt, wie es bei einem Yogi der Fall ist, werden Wünsche zu „ajnas", d.h. zu Geboten.
Wenn das Ajna-Chakra in gewünschter Weise arbeitet, wird der Mensch zu einem Yogi. Funktioniert es in unerwünschter Weise wird der Mensch zu einem Hitler, zu einem Tyrannen. Wir alle wissen, was passierte, als Hitler seinen starken Willen anderen Menschen aufzwang. Wenn das Ajna-Chakra also in unerwünschter Weise arbeitet, wird der Mensch zu einem Unmenschen. Arbeitet das Ajna-Chakra sehr schwach, so entstehen Menschen wie ihr und ich. Aber auch in diesem Fall können wir uns durch Asanas besseren Zugang zu diesem Chakra verschaffen. Kommt ein absolut antriebs- und willenloser Mensch zu Guruji, so wird er angewiesen, seine Aufmerksamkeit auf den Punkt zwischen den Augenbrauen zu konzentrieren, den Blick zur Stirn zu lenken, um dieses Chakra zu stimulieren. Das Simha-Mudra (Simhasana) z. B. kann Zugang zu diesem Bereich verschaffen. Aber Achtung: Diesem Chakra sollte man mit größtmöglicher Vorsicht begegnen. Nur Guruji kann einem Patienten Prumatristi unterrichten. Wenn ihr oder ich oder andere Lehrer dies versuchen, so ist es ein Spiel mit dem Feuer.
Es ist äußerst gefährlich, sich psychisch oder mental auf dieses Chakra zu konzentrieren. Deshalb möchte ich nochmals davor warnen, ohne einen erfahrenen Lehrer dieses Chakra beeinflussen zu wollen. Die meisten Meditationsschulen haben mit diesem Chakra herumexperiementiert, was allzu oft eine Störung des Nervensystems zur Folge hatte. Diese sogenannten spirituellen Sucher, die nur üben, um das spirituelle Licht zu finden, haben am Ende nichts außer ständigen Kopfschmerzen, weil das Nervensystem durch die Konzentration auf diesen Bereich stark geschädigt wurde.
Im 8. Kapitel der Bhagavadgita wird genau beschrieben, wer sich auf dieses Chakra konzentrieren sollte. Es wird deutlich, daß nur der Yogi, der am Ende seines letzten Lebens steht, um die vollkommene Freiheit zu erlangen, nur ein solcher Mensch, der zum letzten Mal dem Tod gegenübersteht, darf sich in eben dieser Situation auf das Ajna-Chakra konzentrieren.
Viele Meditationsschulen haben diese Meditation aus der Bhagavadgita übernommen, ohne jedoch darauf zu achten, daß Lord Krishna ausdrücklich darauf hinweist, daß diese Meditation nur für einen Yogi geeignet ist, der seinem letzten Tod gegenübersteht und anschließend die absolute Freiheit (Moksha, Kavalja, Nirvana) erlangen wird. Nur ein einziges Mal darf der Yogi auf diese Weise meditieren, danach verläßt er seinen Körper. Die Meditation auf das Ajna-Chakra ist also eine Technik, um den letzten Tod zu sterben, nicht aber, um das Leben zu leben. Deshalb meine Warnung.
Immerhin haben aber auch Yogis wie wir Zugang zum Ajna-Chakra durch Haltungen, wie z.B. Sirsasana und Sarvangasana. Wenn wir diese mit der richtigen Psycho- und Biodynamik und im Rahmen der richtigen Übungsfolgen ausführen, werden wir sicher unsere Willenskraft stärken. Dies führt schließlich dazu, daß die o.g. Maxime immer weniger für uns gilt, und wir mehr und mehr unseren eigenen Erwartungen entsprechen können.
Abschließend zum Ajna-Chakra noch eine wahre Geschichte, die ich im Gegensatz zu der am Anfang meines Vortrages, nicht erfunden habe:
Vor ungefähr 300 Jahren lebte ein ausgezeichneter und sehr beliebter Musiker in Südindien. Er hatte viele Schüler, darunter auch Mitglieder von königlichen Familien und jeder hielt ihn für den größten Musiker seiner Zeit. Sein 60. Geburtstag war Anlaß zu einem prunkvollen Fest. Die Menschen strömten herbei, um dem großen Musiker ihre Verehrung zu zeigen. Blumengirlanden, Kokosnüsse und Süßigkeiten häuften sich und sogar Silber, Gold und Juwelen. Als die Feier dem Ende zuging, näherte sich ein Bettler dem Eingang des Festzeltes und beschwor die Wächter, ihn einzulassen, denn auch er sei Schüler des großen Meisters und wollte ihm seine Verehrung darbringen. Die Wächter wollten ihm den Zugang verweigern, da seine Kleidung nicht überall seinen Körper bedeckte und an vielen Stellen zerrissen war. Zu ihrem eigenen Erstaunen jedoch stellten sie fest, daß sie dem Bettler sein Anliegen nicht verweigern konnten. So baten sie den Bettler zu warten und gingen hinein, um den großen Musiker zu fragen, ob ein Mensch, der aussah wie ein Bettler, vorgelassen werden dürfe.
„Laßt ihn kommen!" war die Antwort des Meisters. Der Bettler betrat sodann das Festzelt und näherte sich dem Meister und fragte: „Meister erkennst du mich?" Der Meister antwortete: „Sicher erkenne ich dich!" Nun sprach der Bettler: „Auch ich bin gekommen, um dir etwas zu schenken." Da der Bettler ganz offensichtlich mit leeren Händen vor ihm stand, tröstete ihn der Meister: „Mein lieber Schüler, ich bin hoch erfreut, daß du gekommen ist. Ich habe dich lange nicht gesehen, und ich bin froh, daß du an diesem Tag zu mir gekommen bist. Mach dir keine Sorgen, weil deine Hände leer sind." Der Bettler aber sagte: „Meister, ich weiß, daß ich nichts in meinen Händen halte, aber ich bin nicht gekommen, um euch etwas zu schenken. Ich bin gekommen, um euch alles zu geben."
Diese Worte erstaunten den Meister. „Bitte erlaubt mir, euch alles zu geben." Und der große Musiker sagte: „So soll es sein." Der Bettler fiel darauf hin zu Füßen seines Meisters und sagte: „Adcharya ich schenke dir mein ganzes Leben". Und verneigte sich mit einem letzten Atemzug. Die anderen Gäste, die das Geschehen beobachtet hatten, fragten den Meister ungläubig, wie das passieren konnte. Dieser antwortete: „Der Bettler hatte durch Musik, durch Nada-Sadhana, Zugang zu seinem Ajna-Chakra. Und so konnte er seinen Wunsch verwirklichen."
Es ist eine menschliche Eigenart zu dem geliebten Wesen zu sagen: „Dir schenke ich mein Leben" – und der Geliebte weiß, daß er dieses Geschenk nicht bekommen kann und der Liebende weiß, daß er dieses Geschenk nicht geben kann. Dennoch wird dieses Versprechen immer wieder gegeben. Wenn uns der Zugang zum Ajna-Chakra offensteht, können wir unsere Versprechen halten und unsere Wünsche verwirklichen.
Soweit also mein Versuch, mit meinen eigenen Worten die Anatomie und Physiologie des Geistes, der Intelligenz und der Emotionen zu erklären, um die es in der esoterischen Physiologie geht. Wir haben erfahren, daß wir durch die Bestimmung unserer Energie oder unseres Pranas eine Antwort auf die Frage finden, warum wir sind, was wir sind und wenn wir das wünschen, mit Hilfe der yogischen Techniken eine Veränderung herbeiführen können. Die yogischen Techniken geben uns einen hervorragenden Zugang zu dem geistigen Potential in uns und darum geht es im pranamaya-kosa, was wiederum nur eine der Schichten der esoterischen Physiologie ist.
Die Antwort auf die Frage, warum haben wir eine spezifische pranamaya-kosa, wird dann auch nicht mehr von pranamaya-kosa, sondern von manomaya-kosa gegeben. Denn pranamaya-kosa erklärt, warum wir sind, wie wir sind. Wohingegen manomaya-kosa erklärt, weshalb wir die Infrastruktur bekommen, die uns zu dem macht, was wir sind. Pranamaya gibt die Infrastruktur. Die Antwort auf die Frage nach der Infrastruktur gibt manomaya-kosa, aber das ist heute nicht unser, Thema.

Ich hoffe, ihr wißt nun etwas mehr über die Struktur des Geistes, der Intelligenz und der Emotionen innerhalb unseres Körpers, über die kein Bildschirm Auskunft geben kann.

Krishna pranamastu / Ich grüße Lord Krishna

 


Die Abbildung der Chakren stammt
aus folgendem Buch:


sivan.jpg (5824 Byte)
Sivananda Yoga Zentrum
Yoga für alle Lebensstufen
Gräfe und Unzer Verlag, München
Die Abbildungen der Asanas stammen
aus dem Buch:


metha.jpg (5685 Byte)

Silva, Mira & Shyam Metha
Yoga Gymnastik
Christian Verlag, München

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