Atem - Prana in der Yogaphilosophie

Vortrag anläßlich des Jahrestreffens der B.K.S. Iyengar-Yoga-Vereinigung Deutschland e.V. vom 28.-30. Mai 1999, gehalten und jetzt für die abhyasa bearbeitet von Georgie Grütter

(Auszug)

1. Begriffsbestimmung

Der aus dem Sanskrit stammende Begriff "Prana" ist streng wörtlich genommen eigentlich unübersetzbar. Am besten ist es, mit Annäherungen zu operieren, wie z.B. dem Wort "Energie" oder der Betonung von "Atem" bzw. "Atmung" als Vorgänge, denen Leben, Bewußtsein und Erkenntnis zugrunde liegen. Annäherung bedeutet einerseits, das Augenmerk auf das persönliche Erfahren und Erleben des Atems zu lenken, als auch der Versuch, mittels Umschreibungen den zahlreichen Facetten von "Prana" einen Ausdruck zu geben.

Allgemein läßt sich sagen, daß Prana eine Kraft darstellt, die Lebendiges von Totem unterscheidet, die, sozusagen als universelles Prinzip, die Vielfalt lebendiger Phänomene durchhaucht und bewirkt, daß alles, vom Stoffwechsel der Zellen angefangen bis hinauf zur wärmespendenden Sonne von ihm erschaffen und erhalten wird. Die Geschichte der Yogaphilosophie ist reich an Metaphorik bzgl. des Prana-Prinzips. Beispiele wie: "Prana ist die Nabe im Rad des Lebens", oder "Prana ist Sein und Nichtsein in einem" verdeutlichen die anfänglich erwähnte Schwierigkeit, mit rationaler Begrifflichkeit dem Wesen von Prana näherzukommen. Ehrfurcht und Achtung vor dem quasi Unerklärlichen schwingen hier mit. Prana ist etwas Göttliches, Weltenschaffendes, Omnipotentes. Das von der modernen Physik als Energie bezeichnete Phänomen, das zwischen einem negativen und einem positiven Pol angesiedelt ist, trifft in etwa das Gemeinte. Jenes Feld zwischen den Polen, der Grund, auf dem Elektrizität, Schwerkraft, Wärme und Licht entstehen, sind Ausdruck der Kraft von Prana, die das lebendige Universum auf allen Ebenen zu durchdringen vermag. Mikro- und Makrokosmos, Geburt, Leben und Tod, unsere Gedanken, Erkenntnisse und Gefühle, alle Formen der Materie, das Spiel der Wolken und der Winde, die Rhythmen der Natur sind für das indische Denken Ausdruck des intelligenten Waltens von Prana. (Vgl. hierzu B.K.S. Iyengar, Licht auf Pranayama, S. 37ff)

2. Konzepte von Prana, die im Laufe der Geschichte der Yogaphilosophie entstanden sind

Seit der Zeit der Veden (ca. 1.500 – 800 v. Chr.) wurde Prana unermüdlich erforscht. Der Rigveda enthält einen Hymnus auf Prana, der hier als Windgott Vata personifiziert wird:

"Er fährt dahin auf luftig hohen Bahnen
und kommt nicht einen Tag zu Rast und Ruhe.
Der Wolken Freund, der Fromme, Erstgeborene,
wo stammt er her, von wannen mag er kommen?
Der Götter Hauch, dem Weltenall entsprossen,
er fährt dahin, wohin es ihn gelüstet.
Man hört sein Brausen wohl, doch niemand sieht ihn.
Auf, laßt uns Vata hoch mit Opfern ehren!"
 
(s.H.v. Glasenapp, Indische Geisteswelt, S. 19)

Auch im Atharvaveda wird Prana als Gottheit verehrt und erhält den Beinamen: "der ewig sich Bewegende", oder "Lebenshauch aller Wesen im Universum." Interessant ist die Theorie von den fünf Aspekten des Prana, wobei in vedischer Zeit bereits drei Atmungen: prana, vyana und apana, erwähnt werden. Nach Eliade handelt es sich um eine Atemdisziplin, die das Anhalten des Atems einschloss, jedoch nicht als ein Pranayama im klassischen Sinne betrachtet werden kann, sondern als Ekstasetechnik genutzt wurde. (vergl. M. Eliade, Yoga..., S. 113)

[...]

In diesen Momenten können wir ahnen, was sich hinter dem ständig sich bewegenden Geist befindet: der immer gegenwärtige Grund des reinen Bewußtseins. (vijnanamoya-kosa, anandamaya-kosa) (Zur Bedeutung des paranmaya-kosas. auch Vortrag von Prashant Iyengar, abhyasa Nr. 10, S. 3-4)

Fortsetzung in der nächsten abhyasa


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