Yoga und das Internet
Das Sulcus-ulnaris-syndrom
Eine Zivilisationserkrankung und ihre Heilung

(Auszug)

von Thomas Neuthart

Ich bin Yoga-Anfänger und betreibe seit noch nicht ganz einem Jahr Hatha-Yoga nach Iyengar. Nachdem mir sehr schnell klar war, dass Iyengar-Yoga eine höchst erstaunliche und wunderbare Wirkung auf meinen Körper, meinen Geist und meine Seele hat, hatte ich mir vor dem Sommer dieses Jahres ursprünglich vorgenommen, Yoga in diesem Sommer noch intensiver zu praktizieren und einige Asanas zu vertiefen. Dies sollte auch geschehen, wenngleich auf eine Art und Weise die ich so zuvor weder vermutet, noch erhofft hatte.

Nach einigen sehr langen Tagen hinter meinem PC, an denen der linke Arm für jeweils sehr viele Stunden nahezu unbewegt auf dem Tisch mit dem Ellenbogen aufgelegen hatte, schlief ich in einer Nacht auch noch unglücklich auf meinem linken Arm ein. Ich erwachte und hatte kein Gefühl mehr im äußeren Bereich der linken Hand. Hierbei dachte ich mir noch nicht allzuviel, kommt es doch häufiger vor, dass man/frau im Schlaf unglücklich auf Extremitäten zu liegen kommt und diese dann nach dem Erwachen immer noch "schlafen", "eingeschlafen" sind.

Doch diesmal hielt das taube Gefühl nach dem Duschen an. Mir war sofort klar, dass etwas vorgefallen war.

Meine linke Hand war im Bereich des kleinen Fingers, der äußeren Hälfte des Ringfingers und im Bereich der Außenkante der Hand völlig gefühllos. Das Taubheitsgefühl erinnerte mich an das Körpergefühl, dass nach einer medizinischen örtlichen Betäubung auftritt. Diese Taubheit hielt für den Rest des Tages an und besserte sich überhaupt nicht. Auch die darauffolgende Nacht mit ihrem Schlaf brachte keinerlei Verbesserung. Am nächsten Tag ging ich zum Arzt.

Mein Hausarzt ist Allgemeinmediziner, Arzt für Naturheilverfahren und Chiropraktiker. Er wendet sogenannte alternative Heilmethoden an und ich fühle mich bei ihm als Patient immer wieder erfreulich gut aufgehoben. Bei meiner "seltsamen", körperlichen Beeinträchtigung durch das Taubheitsgefühl in der Hand ging ich davon aus, dass er mir würde helfen können. Zu meinem Unglück war er jedoch im Urlaub. Ich wurde dann an einen Orthopäden verwiesen. Dieser diagnostizierte bei mir das sogenannte Sulcus-ulnaris-syndrom. Hinter diesem Begriff verbirgt sich eine durch Druck bedingte Schädigung des Ulnaris-Nerven. Der Ulnaris-Nerv ist für den Bereich der Hand verantwortlich, der bei mir von Taubheit befallen war; also des Bereiches der Handaußenkante sowie des kleinen Fingers und des außen gelegenen Teils des Ringfingers. Der Ulnaris-Nerv läuft aus der Schulter kommend durch den Arm und passiert den Ellenbogen durch einen tunnelartigen Kanal, der sehr weit Außen am Ellenbogen liegt. Durch ein sehr langes ununterbrochenes Aufliegen des Ellenbogens kann der Nerv dort einem permanenten Druck ausgesetzt sein. Hierdurch kann es, wie bei mir geschehen, passieren, dass der Nerv durch den Druck anschwillt und dann nicht mehr richtig in den Kanal passt, durch den er durch das Ellenbogengelenk geführt wird. Die Weite dieses Nervenkanals ist individuell verschieden stark ausgeprägt. Ist der Kanal bei einem Menschen eher eng, so kann es bei einem Anschwellen des Nervs durch permanenten Druck passieren, dass der Nerv nicht mehr in den Kanal hineinpasst. In einem solchen Fall erhält der Nerv dann durch den eigenen Kanal noch einmal einen zusätzlichen Druck, sodaß ein Kreislauf einsetzt, durch den sich der ohnehin bereits irritierte Nerv nicht mehr erholen kann und die Irritation bestehen bleibt. Die Folge davon ist ein beständig gegebenes Gefühl der Taubheit in dem beschriebenen Bereich der Hand, das nicht mehr schwindet. Der Orthopäde schlug eine Ultraschall-Bestrahlung des Ellenbogens vor. Sollte dies nicht ausreichen, so wurde mir eröffnet, würde ich "eine Spritze" erhalten und gegebenenfalls eine Spezial-Manschette, um den Arm ruhig zu stellen. Ich fuhr nach hause in der Gewißheit, dass dieses Taubheitsgefühl ernster zu nehmen ist, als ich es mir am Anfang hatte eingestehen wollen. Da ich ein Mensch bin, der, wenn von solchen Vorfällen betroffen, ein immenses Informationsbedürfnis hat, machte ich mich nach meinem Besuch bei dem Orthopäden daran, eigene Informationen über das Sulcus-ulnaris-syndrom einzuholen; dies zumal der Orthopäde nicht viel dazu gesagt hatte.

Bei meiner Suche nach Informationen erwies sich einmal mehr das Internet als nahezu unerschöpfliche Quelle des Wissens. Zunächst einmal stellte ich fest, dass es auf den deutschen Seiten im World Wide Web (WWW) nicht allzu viel zu finden gab. Immerhin fand ich in einer neurologischen Sammlung häufig gestellter Fragen (FAQ) einen Patientenbericht, der meinem Fall ungefähr entsprach, und in einer darauf ergangenen Antwort eine Beschreibung des Sulcus-ulnaris-syndroms sowie des regulären Behandlungsverlaufs in deutscher Sprache (http://members.xoom.com/_XOOM/cfigge/neukfaq6.htm). Wesentlich detailliertere Beschreibungen und umfangreichere Informationen erhielt ich auf US-amerikanischen Seiten im www. Eine sehr gute Beschreibung des Sulcus-ulnaris-syndroms fand ich unter der Internet-Adresse www.soarmedical.com/medical-library/elbow/cubital-tunnel/index.html. Hier wurde die Erkrankung als Cubital-tunnel-syndrome bezeichnet. Als Cubital-Tunnel wurde der Kanal bezeichnet, durch den der Ulnaris-Nerv durch den Ellenbogen läuft. In dieser Beschreibung ist sehr anschaulich und teilweise illustriert beschrieben, was passiert, wenn der Ulnaris-Nerv auf Höhe des Ellenbogens durch Druck beschädigt wird. Eine weitere gute Beschreibung dieser Nervenschädigung fand ich unter der Addresse www.sechrest.com/mmg/ctd/cubtun.html. Im WWW lassen sich nicht wenige Beiträge von US-amerikanischen Patienten finden, die ihre Beschwerden beschreiben und über die Wirksamkeit und Unwirksamkeit von Behandlungen sprechen.

Nach meiner Internet-Recherche war mir klar, dass ich mir eine typische Zivilisationserkrankung zugezogen hatte.

Darüberhinaus war mir auch der übliche Behandlungsverlauf aufgezeigt worden. Die klassische Behandlung des Sulcus-ulnaris-syndroms läuft nach folgender Struktur ab:
Zuvorderst wird die Richtigkeit der Diagnose Sulcus-ulnaris-syndrom sowie der Grad der Schädigung des Ulnaris-Nerven durch ein neurologisches Testverfahren festgestellt. Hierbei kommen zwei Verfahren zur Anwendung. Durch das Elektromyogramm (EMG) und den Nervenleitgeschwindigkeitstest (NLG) wird die Muskeltätigkeit bzw. die Informationsweiterleitung des Nerven auf einen elektrischen Impuls hin festgestellt. Hieraus lassen sich Rückschlüsse auf den Grad der Erkrankung ziehen. Bei einer sehr schweren Nervenschädigung wirkt sich dies auch auf den muskulären Bereich aus. Die Muskulatur ist dann kraftloser. In meinem Falle lag glücklicherweise eine leichtere Schädigung vor. Es gab bei mir ausschließlich eine sensorische, nicht aber auch eine muskuläre Beeinträchtigung. Ich hatte auch zu keiner Zeit Schmerzen in der Hand, wie es bei schweren Schädigungen vorzukommen scheint. Meine Hand war in dem betroffenen Bereich nur vollständig taub. Nach dem neurologischen Test beginnt die Behandlung dann zunächst regelmäßig mit Ultraschall-Bestrahlungen. Bleiben diese fruchtlos, so wird dann eine spezielle Manschette verordnet, durch die der Arm ruhiggestellt wird. Bleiben alle Versuche, die permanente Reizung des Nerven zu beruhigen, ergebnislos, so bleibt als letztes Mittel eine Operation. Durch diese Operation wird der Nerv aus seinem Tunnel, durch den er den Ellenbogen durchläuft, herausgenommen und an eine andere Stelle des Armes verlagert, an der genug Platz für ihn ist. Bei dieser Operation wird der Oberarm aufgeschnitten und der Nerv nach der Entnahme aus dem Kanal durch Muskelgewebe geführt. Hierdurch soll dann der vorher gegebene permanente Druck durch den eigenen Kanal entfallen und der Nerv kann sich dann wieder beruhigen, was die Wiedererlangung des Gefühls mit sich bringen soll. Der Eingriff ist in den beiden o.g. englischsprachigen Websites detaillierter beschrieben. In den Diskussionsforen auf die ich bei meiner Internet-Recherche gestoßen bin, wurde vor dieser Operation immer wieder gewarnt. Betroffene berichteten davon, dass es mehr als ein halbes Jahr benötige, damit sich der Arm von diesem schweren Eingriff wieder erholt. Darüberhinaus sei nicht die Gewähr gegeben, dass sich das Gefühl in dem Ulnaris-Bereich der Hand anschließend wieder einstelle. Bei einem nicht vollständig zu gewährleistenden Erfolg der Operation, setze man/frau sich einem erheblichen Eingriff aus. Alle Patientenberichte, die von der Vornahme dieser Operation berichteten, rieten dringend davon ab, sich dieser Behandlung unterziehen zu lassen.

In meinem Falle fruchteten die vorgenommenen Ultraschall-Bestrahlungen gar nicht. Ich war nun vor die Situation gestellt, mir von dem behandelnden Orthopäden "eine Spritze" geben zu lassen und mir danach gegebenenfalls eine Spezial-Manschette anbringen zu lassen. An den Horror der beschriebenen Operation dachte ich nicht, da die Schädigung meines Ulnaris-Nervs nicht so gravierend war, dass meine Muskeltätigkeit beeinträchtigt wurde. Nichstdestotrotz wollte ich sowohl "Spritze" als auch Manschette vermeiden. Also beschloß ich, die Zeit bis zum Eintreffen meines Hausarztes aus seinem Urlaub abzuwarten.

Mir war klar, dass mein Hausarzt mir durch die Anwendung alternativer Heilmethoden wesentlich effektiver würde helfen können, als eine klassisch schulmedizinisch-orthopädische Behandlung.

In der Folgezeit schonte ich meinen Arm sehr. Ich vermied es, den linken Ellenbogen irgendwo aufzulegen. Auch versuchte ich durch Kälte-Wärme-Wechsel, irgendwie Leben in meine taube Hand zu bekommen. Hierbei stellte ich fest, dass eine längere Kühlung des Ellenbogens, und insbesondere des Bereiches der dortigen Nerv-Irritation, eine Beruhigung des Nerven bewirkte. Nach jeweils einigen Minuten des Kühlens spürte ich das Gefühl in meine Hand zurückkehren; dies teilweise bis zu 70% des normalen Gefühl. Wenngleich dieses Gefühl nie lange anhielt und sich auf die Zeit des tatsächlichen Kühlens beschränkte, so vermittelte mir dieser Erfolg doch ein gutes Gefühl; zeigte es mir doch, dass mein irre geleiteter Nerv noch positiv zu beeinflussen war.

Mit dem Beginn der Erkrankung hatte ich meine Yoga-Übungen eingestellt. Bis dahin hatte ich jeweils zweimal in der Woche in meiner Yogashala geübt und nahezu jeden Tag zuhause. Das Aussetzen der Asanas vermittelte mir ein überaus schlechtes Gefühl und führte zu sehr übler Laune bei mir. Sehr schnell fragte ich mich dann allerdings, ob ich eine Heilung meiner Hand nicht durch das Ausüben bestimmter Asanas vielleicht unterstützen könnte. Ich wußte, dass die allen Iyengar-Yoga praktizierenden Menschen wohl bekannte Mira Mehta auch über ein sehr umfangreiches Wissen hinsichtlich der Anwendung bestimmter Asanas zur Heilung von körperlichen Beeinträchtigungen verfügt. Ich beschloß, Mira Mehta meinen Fall zu schildern und sie nach ihrer Meinung dazu zu befragen. Mira Mehta und ihr Bruder Shyam Mehta, der Mitautor des berühmten Lehrbuches "Yoga Gymnastik für Entspannung, Energie und Wohlbefinden", betreiben gemeinsam mit Professor Krishna S. Arjunwadkar in London eine eigene Yoga-Schule mit dem Namen "The Yogic Path". Die Schule verfügt im Internet auch über eine Website. Die Addresse lautet: www.yogicpath.mcmail.com. Da ich mich bedingt durch meine Erkrankung und die dadurch notwendigen Einschränkungen sowie über den bisherigen Behandlungsverlauf nicht gerade in einem Zustand der Geduldsamkeit befand, nutzte ich das Internet-eigene schnelle Kommunikationssystem um mit Mira Mehta in Verbindung zu treten. Ich sandte ihr eine E-mail. Meine Freude war sehr groß als ich nach einigen Tagen eine Antwort erhielt. Diese E-mail von Mira Mehta stellte das erste Licht in der Dunkelheit dar. In ihrer Antwort auf meine Anfrage stellte Mira Mehta zuerst einmal fest, dass ich mit meinem bisherigen Übungsprogramm nicht fortfahren dürfe, für die Zeit der Erkrankung. Stattdessen schlug sie mir ein Programm vor, das sich insbesondere aus beruhigenden und erholenden Asanas zusammensetzte. Ich absolvierte dieses Programm in der nächsten Zeit täglich in folgender Reihenfolge und Intensität:

Supta virasana 7 Minuten
Supta baddha konasana 7 Minuten
Matsyasana 7 Minuten
Auf gekreuzten Polsterrollen liegen 5 Minuten
Janu sirsasana 4 Minuten auf jeder Seite
Tryanga mukhaikapda pascimottanasana 3 Minuten auf jeder Seite
Pascimottanasana 4 Minuten
Salamba sarvangasana (auf einem Stuhl) 5 Minuten
Ardha halasana 5 Minuten
Setu bandha sarvangasana ( auf einer Bank) 5 Minuten
Viparita karani 5 Minuten
Savasana (unterstützt durch ein Polster) 5-10 Minuten

Vom zeitlichen Umfang entsprach dieses Programm in etwa meinem täglichen Praktizieren der Asanas. Das jeweils längere Verweilen in den Stellungen empfand ich sofort als sehr wohltuend. Als ich das Programm zum zweiten Mal absolvierte gab es die ersten Reaktionen meines Körpers vor dem Hintergrund meiner Erkrankung.

Während ich einige Minuten in Supta virasana lag spürte ich plötzlich eine enorm starke Energiekonzentration in meinem linken Ellenbogen.

Dies ging einher mit dem Empfinden eines starken Kribbelns im Bereich des Ellenbogens und der Armbeuge. In dem selben Durchlauf des Programms gab es einige lautere Geräusche oberer Wirbel meiner Wirbelsäule jeweils zu Beginn von Janu sirsasana und Pascimottanasana. Nach dem dritten Durchlauf des Programms hatte ich zu meinem großen Erstaunen und zu meiner großen Freude ein Gefühl von ca. 80% in dem tauben Bereich der linken Hand während ich das Programm absolvierte. Nach einiger Zeit des Praktizierens dieses Programms hielt das Empfinden von ca. 80% des normalen Gefühls sogar einige Zeit über das jeweilige Ende des Programms hinaus an. Dies war die erste spürbare Verbesserung meines gesundheitlichen Zustandes seit ich mir den Nervenschaden zugezogen hatte.

Zwischenzeitlich war auch mein Arzt aus dem Urlaub zurückgekommen. [...]

[...]

Mira Mehta gebühren auch die allerletzten Worte meines Berichts. Ihre schnelle Hilfe durch die Übermittlung des effektiven Asana-Programms und dessen sofortiger Wirkung haben mir viel Mut gemacht und die Hoffnung zurückgegeben, dass ich wieder ein vollständiges Gefühl in der tauben Hand bekommen werde. Das Programm war, neben der Akupunktur, eine ganz wesentliche Hilfe bei der Heilung des Sulcus-ulnaris-syndroms. Die von Mira Mehta erhaltene Hilfe werde ich nie vergessen. Dieser Bericht sei ihr gewidmet.

Essen, den 25.10.1999

Thomas Neuthart

© Die Fotos sind aus dem CD-ROM - B.K.S. Iyengar: "Yoga For STRESS" und "Yoga For YOU" Kirloskar CS LTD. 1998 und aus dem Buch: Mehta, Silva, Mira & Shyam: Yoga - Gymnastik .... Christian Verlag


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