Die Behandlung von chronischen Leiden mit Yoga - Schmerzen im unteren Rücken

von Sam N. Motivala und Rajvi H. Mehta übersetzt von Hermann Traitteur

Teil 1

Die Wirbelsäule ist der subtilste Teil des grobstofflichen, menschlichen Körpers. Sie kontrolliert nicht nur alle anatomisch möglichen Körperbewegungen, sondern sie reguliert auch die Kopf- und Gesichtsbewegungen. Sie nimmt Einfluß und steuert unser geistig-seelisches Befinden. Die Wirbelsäule ist eine Kette, die aus 32 Gliedern (= Wirbeln) besteht, die alle zusammenarbeiten. Stärke und Schwäche werden von einem Glied zum anderen übertragen. Wird eines dieser Kettenglieder überbeansprucht, wird es schwach und nützt sich allmählich ab. Andere Glieder werden gezwungen, die Extra-Last zu übernehmen, bis auch sie schließlich kollabieren.

[...] die Wirbelsäule wird in eine Hals-, eine Brust- und eine Lendenregion unterteilt. Die Hals- und die Lendenwirbelsäule werden am meisten beansprucht und sind die empfindlichsten Regionen. Schmerzen treten deshalb besonders hier am häufigsten auf. In diesem Artikel soll die Lendenwirbelsäule diskutiert werden. Sie trägt fast die gesamte Körperlast und 80% der Bevölkerung erfährt zu irgendeinem Zeitpunkt in ihrem Leben Schmerzen im unteren Rücken. Ist es wirklich notwendig, derartige Schmerzen zu erfahren? Können wir nicht lernen, Beeinträchtigungen zu bemerken, ohne dabei gleich zu leiden? "Schmerzen, die bereits da sind und Schmerzen die in der Zukunft auf uns warten, können von Yoga-Übenden vermieden werden. "heyam dukham anagatam" - Yoga Sutra II.16 Langsam beginnt der Schmerz sich zu steigern, ohne daß wir ihn gleich wahrnehmen, aber erst dann, wenn er akut wird, erst dann erkennen wir den Schaden, den er anrichten kann.

Der weise Patanjali erklärt Schmerz folgendermaßen: "avidya ksetiram uttaresam prasupta tanu vicchina udaranam" - Yoga Sutra II.4 "Unwissenheit ist die Ursache aller Schmerzen und Leiden, ob sie latent, abgeschwächt, zeitweilig oder dauerhaft akut sind."Der Schmerz gedeiht im fruchtbaren Boden (ksefram) der Unwissenheit (avidya), er wächst zu einem chronisch dumpfen Schmerz (uttaresam) heran, der zu einer ernsthaften Schmerzattacke (vicchina) führt. Viele schieben die Schuld für derartige Schmerzattacken auf äußerliche Ereignisse oder Gegenstände. "oh, mein Rücken tut so weh, weil ich diese schwere Tasche gehoben habe" oder "seitdem ich abgespült habe, habe ich Rückenschmerzen". Es ist notwendig zu erkennen, daß diese äußerlichen Ereignisse oder Gegenstände Ausdruck eines tieferliegenden Schadens (nimitam) sind. Dieser Schaden wird sich eines Tages durch einen akuten, dauerhaften Schmerz Ausdruck verleihen und macht sofortiges Handeln notwendig. Latente schmerzen sollten deshalb nicht ignoriert werden, sie sollten im Frühstadium ausgeschaltet werden, bevor sie ihren kräfteraubenden, dauerhaft akuten Zustand erreichen.

Die Hauptursache von Rückenschmerzen ist eine Fehlbelastung des Rückens: schlechte Haltungsgewohnheiten, wenig oder inkorrektes Körpertraining und falsche Bewegungsabläufe beim Heben von Lasten. Solche Gewohnheiten schwächen die Rückenmuskeln und beeinträchtigen die Funktion unserer "Stoßdämpfer", den Bandscheiben. In einigen Extremfällen können derartige Fehlbelastungen in einem Bandscheibenvorfall enden. Auslöser sind häufig unwesentliche Rückenverletzungen.

Techniken, die chronische Rückenschmerzen verhindern oder heilen, werden leichter verstanden, wenn eine klare Vorstellung vom architektonischen Aufbau der Wirbelsäule besteht. Infektionen, Verletzungen und Knochenbrüche können ebenfalls Rückenschmerzen verursachen, darauf soll in diesem Artikel nicht eingegangen werden.

Die Lendenwirbelsäule

Weil die Lendenwirbelsäule fast das ganze Körpergewicht tragen muß, ist sie der am meisten beanspruchte Teil des Rückens. [...] sie besteht aus 5 Wirbeln, der unterste Lendenwirbel sitzt auf dem Kreuzbein.

Bandscheiben

Die Bandscheiben befinden sich zwischen den Wirbelkörpern. Jede Bandscheibe besteht aus einer festen Kapsel, die einem Faserring gleicht und "anulus fibrosus" genannt wird. In der Kapsel ist eine gallertartige Flüssigkeit eingeschlossen, die "nucleus pulposus" heißt. Die Bandscheibe verhält sich wie ein Stoßdämpfer: sie wird zusammengedrückt, sobald ein Gewicht auf ihr lastet, sie nimmt ihre ursprüngliche Form wieder an, sobald sie entlastet wird. Wenn die Wirbelsäule keine Bandscheiben besäße, würden die Wirbel aufeinander reiben und sich schnell aufbrauchen. Die gallertartige Struktur der Bandscheiben verteilt den Druck auf die gesamte Wirbelsäule.

Beim Sitzen und Stehen herrscht in den Bandscheiben der Lendenwirbelsäule ein andauernder Druck. Hier, im unteren Rücken sind die Bandscheiben viel dicker und größer als in der Halswirbelsäule, sie schützen die Lendenwirbel, besonders bei starken Belastungen.

Das Rückenmark

Das Rückenmark beginnt dort, wo das Gehirn endet, und zwar an der Schädelbasis. Es reicht im Wirbelkanal, der sich im Zentrum der Wirbelkörper befindet, 45 cm nach unten. Aus dem Rückenmark treten paarweise Nervenwurzeln aus, die sich wie Äste auf jeder Körperhälfte verzweigen. Insgesamt gibt es 31 Paare derartiger Spinalnerven, deren Wurzeln aus den Wirbeln (den Zwischenwirbellöchern) hervortreten.

[...] Taubheit, Kribbeln oder Schmerzen in verschiedenen Bereichen des Rückens und der unteren Extremitäten können auftreten, wenn Nervenwurzeln der Lendenwirbelsäule gereizt werden.

Enstehungsmechanismen von Rückenschmerzen, Bandscheibenschäden oder Bandscheibenvorwölbungen

Während der natürlichen Bewegungen der Wirbelsäule werden Bandscheiben zusammengedrückt und gewinnen anschließend wieder ihre ursprüngliche Form. Stellen sie sich vor, die Bandscheiben wären ein Mütze, die auf dem Kopf getragen wird. Stellen sie sich vor, der Kopf wäre der Wirbelkörper. Wenn die Mütze schief sitzt, sollte sie wieder gerade gerückt werden. Ähnlich, wenn die Bandscheibe schief liegt, sollte auch sie wieder gerade gezogen werden. Einige Leute neigen dazu die linke Seite der Wirbelsäule mehr als die rechte zu strecken oder andersherum. Die Muskeln auf der überstreckten Seite werden überbeansprucht, die auf der anderen Seite unterbeansprucht. Die Muskeln der überstreckten Seite ermüden, sie geben nach und die Bandscheibe ist jetzt zusätzlicher Belastung ausgesetzt.

Um sich die Mechanik der Wirbelsäule bildhaft vorstellen zu können bitte ich Sie ihren Zeigefinger als Beispiel zu betrachten. Die Fingerknöchel entsprechen den Wirbelkörpern und die Knochen zwischen den Knöcheln entsprechen den Bandscheiben. Wenn man den Zeigefinger kritisch betrachtet, bemerkt man möglicherweise, daß der Abstand zwischen den Knöcheln an der Fingerinnenseite (nahe des kleinen Fingers) und an der Fingeraußenseite (nahe des Daumens) nicht gleich groß ist. Die Knöchel erscheinen unter Umständen etwas verkippt. Übermäßig schiefe Fingerknöchel führen zu verstärkter Abnutzung, besonders an der verkippten Seite, was allgemein Fingerarthrose genannt wird. Die Rückenmuskeln und die Bandscheiben sind nicht so hart wie der Knochen zwischen den Knöcheln, deshalb führt gerade eine dauerhafte einseitige Überdehnung der Rückens zur Überbelastung der Muskeln und zum Verschleiß der Bandscheibe.

Ein Teil der Bandscheibe kann sich nach außen vorwölben. Dies kann zu Schmerzen führen, besonders wenn die Vorwölbung auf eine Nervenwurzel drückt. Frühe Stadien können auch schmerzfrei ablaufen. Wenn Schmerzen auftreten, zeigen sich diese möglicherweise genau an der Stelle der Vorwölbung. Wird auf eine Nervenwurzel Druck ausgeübt, so kann der Schmerz lokal auftreten, sich auf den Rücken ausbreiten, er kann in die Hüften oder in die Beine strahlen. Wo überall Schmerzen entstehen, das hängt davon ab, welche Nerven irritiert sind. Die Bandscheiben, die am häufigsten zu Vorwölbungen neigen, sind die zwischen dem 4. und dem 5. Lendenwirbel (L4-L5) und die zwischen dem 5. Lendenwirbel und dem Kreuzbein (L5-S1).

Bandscheibenvorfall oder Bandscheibenbruch

Eine Vorwölbung der Bandscheibe kann in einem Bruch der Bandscheibe gipfeln, der allgemein Bandscheibenvorfall genannt wird. Hier gleitet die Bandscheibe nicht aus ihrer normalen Position, sondern die Kapsel der Bandscheibe wird schwach und reißt. Das Innere der Bandscheibe, das gallertartige Material, wird herausgedrückt und bricht aus. Dieser ausgebrochene Teil wiederum kann auf Nervenwurzeln drücken. Bei einem Bandscheibenvorfall handelt es sich um einen Bruch des Faserrings, der zu einem Ausbruch des flüssigen Kerns führt. Es handelt sich nicht um eine Verlagerung der Bandscheibe, was oft mißverstanden wird (besonders im englischen Sprachraum Bandscheibenvorfall = "slipped disc").

In unserer nächsten Ausgabe erscheint der 2. Teil:
es werden Prinzipien der Yogatherapie vorgestellt, besonders eingegangen wird auf die Behandlung von Rückenschmerzen


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