Gerechtigkeit ist Bedingung gegen Chaos und Tyrannei

Yehudi Menuhin beschreibt, wie sich Deutschland gewandelt hat.

Das Verständnis unseres zentralen Dilemmas verdanke ich einem großen deutschen Philosophen, dem Juden Constantin Brunner, der in Altona bei Hamburg geboren wurde und den größten Teil seines Lebens in Berlin verbrachte. ER hat nur dazu verholfen, das Paradoxon zu klären, das den Kern unserer Verwirrung bildet.

Es ist in folgender Frage ausgedrückt: "Wie konnte ein Volk, das in der Musik, in der Poesie und Literatur, in Wissenschaft und Philosophie, in Religion und Mystik – ich denke nicht nur an Meister Eckhart und Hölderlin – die Größten hervorgebracht hat: Wie konnte ein solches Volk sich auf den Völkermord einlassen, auf die Ermordung nicht nur seiner eigenen Kranken und Behinderten und seiner politischen Gegner, nicht nur der eigenen Zigeuner und Juden, sondern derer von ganz Europa?"

Nun gehörte der Genozid, wie wir wissen, im Altertum zu den Dauerunternehmungen der großen Kulturen. Heute wird das Massentöten fortgeführt in Afrika, in Europa, in Südostasien und selbst in der ältesten der Zivilisationen, in Indien. Gemordet wird immer noch sogar zwischen Christen, wie von jeher seit dem symbolträchtigen Brudermord, seit Kain und Abel.

Am nachhaltigsten wird das Gift der Schuldzuweisung auf andere durch die Schuld-Entledigung der bezichtigenden Partei, die damit für sich einen selbstgerechten Status der Überlegenheit beansprucht, in dessen Konsequenz Krieg und Genozid bereits angelegt erscheinen. Diese Zusammenhänge sind den meisten Deutschen heute glücklicherweise als Selbstverständlichkeiten geläufig, denn die Deutschen haben beide Rollen kennengelernt, die des Bezichtigers wie die des Angeklagten. Sie gleichen darin den Juden, und – in genauer Folge – den Palästinensern. Stets handelt es sich um das uralte Prinzip des Sündenbocks, des Opferlamms, das auch bei Christus zur Anwendung gelangt, der für unsere Sünden und Verbrechen gekreuzigt worden ist.

Das haßerfüllteste Verhalten von Menschen entsteht dort, wo der grundlegende verdrängt kreative Drang mit Mord und Gewalt einhergeht. Ich denke, daß Kinder schon mit schöpferischer Begabung geboren sind, daß wir sie aber zu früh in engen Gefängnissen des Denkens einschränken und die schöpferische Gabe töten, anstatt die Kinder zu zivilisieren – das Geschrei eines Neugeborenen ist eben noch kein Lied von Schubert. Aber dazu gehört die schöpferische Bildung.

Diese Verbindung gilt es zu sublimieren und in eine andere Form der Erfüllung durch Liebe und künstlerisches Schaffen hinauszuheben. Ich plädiere für Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist die Freiheit und Würde des Nächsten. Gerechtigkeit ist nicht dasselbe wie Barmherzigkeit, sie ist vielmehr die Grundbedingung, um das bedrohliche Chaos zu vermeiden, das zur Tyrannei fährt. Gerechtigkeit ist einfach die Gleichwertigkeit der beschützenden und der zugreifenden Verhaltensformen.

Alle Männer und Frauen jeglichen Alters und alle Kinder müssen das gleiche Recht auf Fürsorge, Ernährung, Unterkunft, Kleidung, Luft und Wasser, Gesundheit und Erziehung, auf Sport, Musik, Theater und Vergnügen haben, ohne jeden Unterschied. Diese Rechte bedürfen sämtlich des Schutzes. Wer sie schützen will, muß beide Gruppen im Auge haben, diejenigen, denen geholfen werden kann, und diejenigen, die Hilfe zu geben vermögen.

Seit dem Kriege sind die Regierungen Deutschlands Vorbilder im Streben nach Freiheit und Gerechtigkeit gewesen. Es bekommt stolzen Völkern, Völkern unabhängiger Nationen, ebenso wie einzelnen Menschen, Schuld und Reue zu kennen. Denn dies führt zu Menschlichkeit und Großzügigkeit, wie es das Verhalten der deutschen Bevölkerung im großen Ganzen belegt. Deutschland ist insofern in eine gesegnete Lage geraten, als es Reue ohne Rache erfahren kann. Und aus diesem Grund ist Deutschland wieder zu einer der führenden Nationen der Welt geworden. Aber die Überzeugung und die Verpflichtung, Gerechtigkeit zu fördern, darf nie nachlassen.

Aus der Rhein-Zeitung Nr 61 vom 13./14. März 1999


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