Wir haben ein Ehrenmitglied ...

Vom eigenen Standort aus weitergehen

von Luise Wörle (aufgezeichnet von Dr. Bernhard Kleinschmidt)

Auf der Gründungsversammlung der IYVD in 1994 ist Luise Wörle zum Ehrenmitglied gewählt worden. Geben wir Ihr das Wort! Red.

Im Schulsport gehörte ich - ist das verwunderlich bei einer Yogalehrerin?- immer zu den Schlechtesten. Dabei hatte ich Freude, mich zu bewegen, tanzte viel und war begeisterte Eiskunstläuferin. Innerhalb dessen, was sich «Leibeserziehung» nannte, konnte ich meine Fähigkeiten aber nicht zur Entfaltung bringen. Für das, was ich machen konnte, war kein Raum. Statt dessen gab es Formen körperlicher Betätigung, für die ganz bestimmte Leistungskriterien galten - war da ein Raster, das definierte, ob man etwas konnte oder nicht, ob man eine gute oder schlechte Schülerin war. Das sah man, unerbittlich, an den Noten.

Ganz anders war es, als ich zum ersten Mal eine Stunde im Hatha-Yoga erlebte, wie es nach den Prinzipien von Iyengar unterrichtet wird. Nicht, daß ich mich weniger einsetzen mußte. Aber da war ein anderer Ansatz. Es war keine bestimmte Erwartung vorgegeben, was ich zu können hatte, um «gut» zu sein. Mein Yoga-Lehrer hat mich gewissermaßen genau da abgeholt, wo ich bezüglich Beweglichkeit und körperlicher Kraft stand. Es war durchaus legitim, bestimmte Bewegungen und Haltungen nicht zu können. Gerade das aber hat mich inspiriert, mich mit diesen Punkten auseinanderzusetzen. Später hat mir auch Iyengar selbst vielfach Wege aufgezeigt, an meinen Schwächen zu arbeiten. So konnte ich von dem Standort, den ich hatte, immer wieder weitergehen und weiß heute, da ich älter werde, daß ich unabhängig vom Alter auf diesem Weg immer etwas dazulernen kann.

Wie aber kommen wir zum Lernen, zum Üben? Iyengar spricht oft von Disziplin. Doch das ist nicht jenes autoritäre System, das uns in ein bestimmtes, fest vorgegebenes Schema preßt. Freilich muß ein gewisser äußerer Rahmen geschaffen werden, muß man sich anfänglich zu dem zwingen, was man sich vorgenommen hat, eine Freude an der Praxis vorausgesetzt. Die Frage der Disziplin hat sich aber für mich in dem Moment entschärft, als ich feststellte, daß ich nach dem morgend1ichen Üben einen besseren Einstieg in den Arbeitsalltag hatte, daß ich dem, was mir begegnete, in besserer Verfassung entgegentreten konnte. So entstand ganz allmählich ein inneres Bedürfnis, zu üben, und der Zwang trat immer mehr zurück. Nach einigen Jahren ist Yoga dann ein selbstverständlicher Bestandteil meines Lebens geworden.

Ist das Üben, die Praxis eines Weges, so in unser Leben integriert, müssen wir auf zwei Dinge achten. Wir dürfen unsere Übung nicht dazu mißbrauchen, Dinge zuzudecken. Das tun wir, wenn wir nicht achtsam üben oder wenn wir nur das praktizieren, was uns leicht fällt, wenn wir' vorhandene Härten überspielen. Das tun wir auch, wenn wir bei persönlichen oder beruflichen Problemen stur weiterüben, statt diese Probleme anzugehen und zu lösen. Und wir dürfen nicht abhängig vom Üben werden. Sollte es sich ergeben, daß wir uns etwa um einen kranken Menschen in unserer Nähe kümmern müssen oder daß wir aus Gründen, die unser Körper uns aufgibt, unsere Übung modifizieren müssen, dann darf unser Leben durch die so veränderten Umstände nicht zusammenbrechen. Die bis dahin praktizierte regelmäßige Übung kann aber ein Reservoir sein, eine Basis, von der man lange Zeit zehren kann.

Soll eine solche Haltung erreicht werden, ist das Modell der Vermittlung von entscheidender Bedeutung. Der Hauptaspekt von Iyengars pädagogischem Ansatz ist, daß der Lehrer sich auch als Schüler sieht. Auch als Lehrende darf man nie an einen Punkt kommen, an dem man sagt: Das ist es jetzt. Es darf keine Dualität zwischen Lehrenden und Lernenden geben, keine unüberwindliche Kluft zwischen jenen, die meinen, sich eine perfekte Beherrschung erworben zu haben und jenen, die gewissermaßen gar nichts können. Beide, Lehrende wie Lernende, verfügen über einen bestimmten Erfahrungsschatz. Wer lehrt, geht mit jenen, die lernen, ein Stück Weges gemeinsam, aber so, daß sie dann alleine weitergehen können. Freilich müssen Grundlagen im Sinne gewisser technischer Anweisungen vermittelt werden. Das allein reicht aber nicht aus. Den Lernenden muß auch Dynamik und die Fähigkeit gegeben werden, mit dem Erlernten zu spielen und es in die ganz eigene Praxis zu integrieren.

In meinem Unterricht geht es mir nicht darum, zu sagen: streckt oder dreht den Arm so oder so. Ich möchte die Achtsamkeit dafür schulen, was wirklich geschieht. Bei dieser Art von Yoga-Praxis geht es um genaues Hinschauen, Beobachten, um Sensibilität für die Signale des Körpers. Wir müssen lernen, sie zu integrieren, statt sie zu überspielen. Und vielleicht können wir das dann auf unser Verhältnis zur Umwelt übertragen, können die Achtsamkeit für die eigene Haltung ausdehnen auf das, was um uns herum geschieht. Wenn wir so mit anderen sprechen, können wir lernen, genau zuzuhören und die Achtsamkeit für ihre Aussagen nicht durch Rezepte zu überspielen, wie oder was sie etwa üben oder lernen sollten. Dies ist ein wichtiger Aspekt der Erziehung, der Bildung überhaupt. Sind wir in diesem Bereich tätig, so müssen wir selbst besonders achtsam und wach sein, um zuhören und verstehen zu können. Haben wir das gelernt, so werden wir keine Ratschläge geben, die im Grunde allein unsere festgefügten Positionen widerspiegeln, sondern Hinweise, die dem anderen in seiner ganz eigenen Situation gerecht werden, die ihm ermöglichen, da zu beginnen, wo er steht.


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