Ein Yogaaufenthalt am Iyengar-Institut in Pune, Indien im August 1995

von Marai Heller-Liedke und Elke Kragh

Sprechen wir mit anderen über unseren Yogaaufenthalt in Pune, dann erfolgt oft der spontane Ausruf: "Toll!" War es wirklich so? Unsere Empfindungen lassen sich so nicht treffend beschreiben.

Wir stiegen aus dem Flugzeug und wurden eingehüllt in eine feuchte Wärme, die uns angenehm war und ein Gefühl der Weichheit im Körper hervorrief. Ein kurzes Aufatmen und Entspannen nach dem langen Flug: "Schön, wieder hier zu sein!" Vor vier Jahren waren wir schon einmal am Iyengar-Institut gewesen. Trotzdem wirkten die Eindrücke der nächsten Tage wie ein Schock auf uns: die Wärme, die Gerüche, die Farben, die Geräusche, die uns etliche Nächte nur unruhig schlafen ließen, die vielen Menschen und vor allem die krasse Armut, die am deutlichsten sichtbar wird in menschenunwürdigen Behausungen, die kaum gegen Regen schützen und in denen vielköpfige Familien leben, ohne Wasser, Stromanschluß und ohne jede Sanitäranlagen. Inmitten des Drecks überleben?! Und dann, welch ein Wunder: eine indische Schönheit entsteigt diesem Elend, voller Grazie, gehüllt in ein farbenprächtiges Gewand. Daneben geht ein Schulkind mit blauem Faltenrock und blütenweißer Bluse, frisch frisiert und riesige, rote Schleifen im Haar. Wir denken: "Gut, daß wir einige Tage vor dem Kursbeginn gekommen sind und ein wenig Zeit haben, damit sich die aufgescheuchten Sinne beruhigen können." So sind wir bald etwas gelassener und sehen zuversichtlich dem Anfang des Yoga-Unterrichts entgegen, der ohne entsprechende Vorbereitungszeit vielleicht den zweiten Schock bereitet hätte.

Im Büro des Instituts erfahren wir unsere Unterrichtszeiten. Wir sind dreimal in der Woche von 7.00 bis 9.00 Uhr und einmal von 18.00 bis 20.00 Uhr in der General Class und zweimal von 9:15 bis 11:15 Uhr in der Ladies' Class. Wir werden unterrichtet von Geeta und Prashant Iyengar, Tochter und Sohn von B. K. S. Iyengar, der von den Übenden Guruji genannt wird.
Nachmittags von 15:30 bis 17:30 Uhr können wir im Institut frei üben.
Wir sind positiv aufs Üben eingestellt, wollen uns einlassen, loslassen, lernen. Die General Classes sind sehr groß: 50 bis 70 Übende, drei Viertel davon Inder und Inderinnen, die anderen Ausländer, vorwiegend Yogalehrer aus aller Welt.
Geeta erscheint, setzt sich aufs Podium, legt die Handflächen aneinander - Pause - eine Lobpreisung auf Patanjali erfolgt - Pause - und dann geht's los: "Adho Mukha Savasana, Uttanasana, Adho Mukha, Uttanasana, Sirshasana, gents to the ropes, ladies take a chair, a blanket, a belt!" Wir brauchen einige Tage, um uns einzuhören. Das Schreien ist ungewohnt, auch unterscheiden sich Geeta und Prashant in der Betonung und Aussprache der Asanas. Die Folge der Übungen ist in den ersten Wochen schnell, dynamisch: Stehübungen, twistings, backbends, alles, so scheint es, kreuz und quer. Die Trends und Schwerpunkte können wir erahnen, sie sind jedoch oft nicht klar erkennbar.
Hier die Skizzierung einer häufig auftretenden typischen Situation: Wir haben die Anweisungen akustisch nur unvollständig verstanden, schauen uns um. Was machen die anderen? Auch nicht verstanden? Welche Hilfsmittel brauchen wir? Wir werden zur Eile angetrieben, was kein Wunder ist angesichts der Menge der Übenden. Alle rennen gleichzeitig in den kleinen Hilfsmittelraum mit dem engen Durchgang, um dann oft doch die Stühle einzeln rauszutragen, anstatt sie weiterzugeben. Inzwischen hat sich jemand unserer bereitgelegten Decken und Gurte bemächtigt; also ist noch einmal Eile angesagt!
Dann endlich das Asana selber! Kopfstand und Schulterstand fehlen an keinem Unterrichtstag. Es ist gut, wenn man fünf bis zehn Minuten frei im Kopfstand stehen kann, denn die Wandplätze sind schnell belegt. Und wer möchte schon im dichten Gedränge nach hinten umfällen? Also wird durchgehalten! Helfer gehen herum, greifen gelegentlich ein. Geeta ist bemüht, korrigiert. Im Hintergrund übt Guruji. Er sieht Fehlhaltungen, greift ein, schreit. Geeta schreit auch, was diesmal wegen der Massen einleuchtend erscheint, aber auch in den kleineren Gruppen vor vier Jahren praktiziert wurde.
Wir geben unser Bestes und geraten damit schon in die eigene "Falle". Aus unseren Kursen in Deutschland sind wir individuelle Korrektur gewohnt; nach Vorübungen gehen wir in das Asana, haben Zeit, "bei uns zu bleiben', eigene Grenzen zu erkennen und zu respektieren.
Hier in Pune geht alles sehr flink. Nach wenigen Vorübungen, zuweilen auch ohne Vorbereitung, kommt die Endhaltung. Schnell, schnell! Die Fähigkeit, bei sich zu bleiben, sich seine eigene Zeit zu nehmen, wird auf die Probe gestellt. So stehen Übende im Kopfstand mit knallrotem Kopf, gerötetem und gestauchtem Nacken - und halten durch. Auch wir spüren den Sog der Leistung und widerstehen nicht immer. Diejenigen, die mit den Sanskritnamen der Asanas nicht vertraut sind, sehen fragend zu den anderen. Gehört der Arm außen oder innen ans Knie? Wir sehen verschiedene Haltungen, eine Korrektur erfolgt oft nicht. Entweder ist die Anzahl der Helfer zu gering, oder sie sind im Korrigieren unerfahren. Vielleicht trifft auch beides zu.
Bei Prashant geht es häufiger in die Seile: Adho Mukha / Urdhva Mukha - dynamisch! Dann warten auf den Tritt ans Steißbein und zwischen die Schulterblätter..... Manche scheinen diesen Zugriff des Lehrers zu genießen, andere schreien kurz auf oder verzerren schmerzhaft ihr Gesicht. Mit Sicherheit ist die Empfindung intensiv. Wir warten, bis die Reihe an uns ist, und eigentlich geht es wieder sehr schnell. Der Gedanke: "Nicht verkrampfen!" schießt durch den Kopf, und dann ist es passiert, und wir sind froh, daß es vorbei ist. Hinterher fühlen wir uns zu unserer Überraschung ganz wohl. Aber was ist mit denen, die Rückenprobleme haben, Skoliose oder Bandscheibenschäden? Wir fragen uns dies mehrfach während des Kurses, zumal sich bei einigen Übenden "Problemzonen" voll entwickeln und verstärken.

Wir denken, daß sich diejenigen, die an einem Yogakurs in Pune teilnehmen wollen, auf folgendes einstellen sollten:
1. Voraussetzung ist ein guter gesundheitlicher Allgemeinzustand. Auf individuelle Krankheiten kann in der General Class nur bedingt und in einzelnen Fällen eingegangen werden. Für besondere gesundheitliche Probleme gibt es die Medical Class, in der Kranke von Guruji, Geeta und einer größeren Anzahl Helfer betreut werden.
2. Die Praktizierenden müssen eigenverantwortlich üben. Dies ist natürlich auch in Deutschland angesagt, doch wird diese Fähigkeit in Pune noch mehr gefordert.
3. Die Übenden müssen sicher und gerne im Kopfstand stehen, ohne Verkrampfung. Auch im Schulterstand sollten sie sich wohl fühlen.
4. Das Lehrer-Schüler-Verhältnis ist grundsätzlich anders als bei uns. Immer ist da eine Distanz, es wird eine Art von Respekt erwartet, die so für uns ungewohnt ist.
5. Das Schreien der Lehrer und der zuweilen "rüde Ton" sollten für die Zeit des Aufenthalts hingenommen werden können.
6. Während des vierwöchigen Yogakurses gibt es keine begleitenden yogaphilosophischen Vorträge oder Gespräche. Die Bibliothek steht jedoch für Studien zur Verfügung.
7. Die vielfältigen Eindrücke vom indischen Alltag können tief bewegen. Dadurch kann die Yoga-Praxis beeinflußt werden. Wir waren froh, daß wir zu zweit waren. So hatten wir immer wieder die Gelegenheit zum Gedankenaustausch. Wir konnten diskutieren, unsere Gefühle klären, entwirren und modifizieren.

Gegen Ende fragten wir uns:
- Haben wir etwas dazugelernt?
- Sind wir beweglicher geworden oder durch die Anstrengung eher noch steifer?
- Möchten wir wieder hinfahren?
Alte drei Fragen beschäftigen uns noch bis heute.
Von unserem Aufenthalt geblieben ist auf jeden Fall eine respektvolle Grundeinstellung dem Iyengar-Institut gegenüber, trotz einiger Zweifel und Bedenken. Dieses Gefühl der Achtung mischt sich mit liebevoller Zuneigung, besonders Geeta gegenüber, die zwar eine rauhe Schale zeigt, aber dennoch sehr viel Wärme ausstrahlt.
Und noch etwas ist uns durch die Reise nach Pune klar geworden: Hier in Deutschland haben wir wirklich gute Lehrer, die Yoga nach der Iyengar-Methode fachkundig und sensibel in relativ kleinen Gruppen vermitteln und teilweise den europäischen Bedürfnissen angepaßt haben.

Inzwischen sind etliche Wochen vergangen. Unser Yoga-Alltag in München hat wieder begonnen. Hierbei merken wir, was der eigentliche Gewinn unserer Fahrt gewesen ist: Eine verstärkte Motivation zum sorgfältigen und beständigen Üben ohne Selbstgerechtigkeit, ohne Ausweichmanöver und ohne sich selbst etwas vorzumachen.


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