Yoga im Jura nach der Methode von Sri B.K.S. Iyengar mit Pierre Gariel

von Mauricette Arweiler

Seit dem EURO-Yoga-Kongreß in London 1993 hegte ich den Wunsch, auch Mal mit französischen Yogis zu üben. Hatte mich doch seinerzeit die Delegation der Franzosen durch ihre hervorragende Organisation - ganz ohne Chauvinismus gesagt ziemlich beeindruckt! Die Übersetzung klappte so ausgezeichnet, daß der Meister sie einige Male dämpfen mußte: "the translators have not to speak louder than I".
So machte ich mich diesen Sommer auf, um eine Woche im Jura mit Pierre Gariel aus Lonsle-Saunier, Vize-Präsident der Association française des Enseignants de Yoga selon la méthode Iyengar, Paris zu arbeiten.

Pierre lernte ich bereits Anfang der 80er Jahre im Saarland kennen. Sein schlichtes Auftreten, seine einfache Art und vor allem sein Gleichmut, zeichneten ihn damals (wie heute) aus. Als blutige Anfängerin war es meine erste Berührung mit Iyengar-Yoga. Diese unvergeßliche Begegnung weckte schon damals mein Interesse für diese Yoga-Methode und ich fing an etwas regelmäßiger und vor allem anders zu üben. Danach hatte ich noch ein paar Mal Gelegenheit mit Pierre im Saarland zu arbeiten bevor ich später weitere Iyengar-Yoga-Lehrer wie z. B. Luise Wörle, Michael Forbes, Dharmapriya kennen und schätzen lernte. Doch zurück zum Thema, d. h. in den Jura.
"Les Cernois", süd-östlich von Lons-le-Saunier, unweit der Schweizer Grenze, mitten im Wald gelegen, so hieß das Haus wo wir untergebracht waren. Morgens von 7.30 bis 10.30 waren asanas angesagt. Mit zum Teil selbstgebastelten Hilfsmitteln konnte jeder auch die anspruchsvollste Haltung einnehmen. Einige Übungen zu zweit verhalfen uns dazu, die asanas erst einmal zu verinnerlichen, um sie danach alleine nachzuvollziehen. Ich möchte hier nur 2 Beispiele erwähnen:
Virabhadrasana II:
"Standhaltung im Liegen"!!! (mit Helfer)
Übender: in der Rückenlage, Füße gegen eine Wand genau wie im Stand (evtl. auf kleine Platten), Kreuzbein symmetrisch am Boden.
Helfer: eine Hand oberhalb des gebeugten Knies, die andere Hand auf der Beckenhälfte (Beckenkamm oder -Stachel) auf der Seite des gestreckten Beines, versucht man einerseits das Knie näher zum Boden zu führen, andererseits die Beckenhälfte mehr zu öffnen.
Will man nämlich im Stehen das eine korrigieren, geht es meistens auf Kosten des anderen.
Sirsasana "von der Rolle" für Neulinge (und solche, die glauben es richtig zu machen):
Man nehme eine Decke und rolle sie fest zusammen (faltenfrei versteht sich), binde sie mit einem Gurt, damit das ganze hält.
Übender: Vor einer Wand kniend bereitet er das Basis-Dreieck (Kopf + Unterarme) sorgfältig vor, streckt dann die Beine, den Po in Richtung Zimmerdecke bringen;
Helfer: legt die Rolle entlang der WS, zwischen die Schulterblätter, bis zum Übergang LWS-Kreuzbein (nicht darüber hinaus).
Der Übende drückt mit der WS die Rolle gegen die Wand, der Helfer fixiert mit seinen Füßen, die des Übenden, so verweilt man sthiram ca. l Min. Danach hebt der Übende 1 Bein, legt den Fuß gegen den Bauch des Helfers, danach das andere Bein. Der Helfer stemmt sich gegen die Füße des Übenden, dieser drückt immer noch die WS gegen die Rolle, besonders die LWS, so verweilt man sukham eine weitere Minute. Nun hebt der Übende ein Bein nach dem anderen und der Helfer hält die Fußgelenke oder hält die Hand davor, falls der Übende frühzeitig zurückkommen sollte, so hält man das sirsasana zunächst l Min. und steigert täglich um eine weitere Minute. Durch diese Vorgehensweise bekommt man von vornherein ein Gefühl für die korrekte Ausrichtung der WS, so daß keine "Banane" entsteht.

In der 2. Hälfte des Seminars standen wir morgens um 7.30 auf der Wiese zum surya namaskar. Am Nachmittag von 16.30 bis 19.30 ging es meistens etwas gemäßigter zu, man konnte sich allerdings nicht immer darauf verlassen. Pranayma wurde dann geübt, wenn die vorhergehenden asanas dazu einluden. Die Schlußentspannungen, so detailliert wie die Ansage der übrigen asanas, bildeten morgens und abends nach getaner Arbeit einen wohltuenden und regenerierenden Abschluß.
Mich interessierte natürlich auch die Motivation der Gruppe. Keiner machte einen Hehl daraus, daß nur der körperliche Aspekt des Yoga der Grund ihres Übens und ihrer Mühe sei. Für einige war der Name Patanjali völlig unbekannt obwohl viele bereits seit langer Zeit Yogaübende sind. Was mich auch überraschte, war, daß die wenigsten selbst unterrichteten, obwohl manche wie schon erwähnt eine jahrelange Praxis hinter sich hatten; also keine pseudo-philo-psycho-therapeutischen Hintergründe.

Eine der Teilnehmerinnen kann ich nicht unerwähnt lassen, und zwar Huguette, 76 Jahre jung, die erst mit 50 Jahren zum Yoga kam, nachdem Ärzte ihr eine Zukunft im Rollstuhl in Aussicht gestellt hatten. Sie kennt heute ihren Körper sehr genau und weiß sehr wohl, was sie ihm zumuten kann. Es war bewundernswert, wie sie -gerade erst von erheblichen gesundheitlichen Problemen genesen - pinca mayurasana übte, behutsam und dennoch ausdauernd, jedoch ohne irgendwelchen Ehrgeiz oder Erwartung auf Erfolg, sondern nur aus Freude am Üben.

In den Pausen konnte man täglich an den Programmen der "grünen Animateure" des Hauses teilnehmen und bei ausgedehnten Wanderungen durch den Wald Spuren und Behausungen von Tieren entdecken, eine ganz besondere Art von Orchidee kennenlernen; auch im Bogenschießen wurden wir initiiert. Der nahegelegene Etang de l'Abbaye lud bei den hochsommerlichen Temperaturen geradezu zum Baden ein, manche taten es schon um 6.00 Uhr(!) wegen der herrlichen morgendlichen Stimmung. Eine große Wanderung (5 Stunden) mit Pierre brachte uns zur Halbzeit in die Schweiz. Den krönenden Abschluß bildete die für uns veranstaltete Generalprobe einer Musikschule, die auch in den "Cernois" anwesend war, am Klavier von Pierres Frau Judith begleitet.

Es war ein rundum gelungener Aufenthalt. Alles stimmte! Alles? fast alles... Die Küche bemühte sich zwar sehr, doch das vegetarische Essen beschränkte sich darauf, einfach nur fleischlos zu sein und somit nicht immer ausgewogen. Ich bin jedoch überzeugt, daß dies sich schon sehr bald ändern wird. Ansonsten war es für mich in vielerlei Hinsicht eine wertvolle Erfahrung. Einen Aufenthalt in Frankreich, den ich jedem empfehlen kann. Für diejenigen, die nicht genügend Französisch verstehen, wird es nächstes Jahr ein Seminar mit Übersetzung geben. Für Auskunft stehe ich gerne zur Verfügung.

In diesem Sinne...
Bon yoga (wie Pierre sagt)


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