Vom Sinn und Unsinn der Übung

von Dr. Karl Baier

Der Weg ist die nie endende Übung
Graf Dürckheim

Teil 1 (Im Heft Asana 1, Mai 1995):

Teil 2 (hier):

Teil 3:

Die zwei Weisen des Übens: spontan und methodisch

Wenn man von den einfachen Grundzügen der Übung ausgeht, die ich bisher herausgearbeitet habe, und sich überlegt welche alltäglichen Betätigungen alle Übungen darstellen, so kommt man darauf, daß wir eigentlich sehr oft am Üben sind. Nicht nur Klavierspielen, Yogaüben, der Besuch im Fitnessstudio etc. fallen darunter. Auch das Kochen z.B. und vieles andere mehr kann als ein Können verstanden werden, das man durch Praxis einübt, behält und steigert. Es gibt kaum eine erworbene Fertigkeit des Menschen, die nicht durch Übung angeeignet und am Leben erhalten wird.
Zur Orientierung in diesem weiten Feld des Übens ist es sinnvoll zwei Grundformen des Übens vorläufig einander gegenüberzustellen: das spontane und das methodische.
Die spontane Übung ist eine Übung, die sich im Zug einer Tätigkeit von selbst ergibt. Das beste Beispiel hierfür geben uns die Kinder, die sich in ihrem Spielen beständig in verschiedensten Fertigkeiten üben, ohne daß das Moment des Übens als solches dabei von Bedeutung wäre. Beim spontanen Üben ist der Einstieg in die Übung noch nicht problematisch. Man kommt wie von selbst hinein und braucht auch auf den Vorgang des Übens nicht weiter zu achten. Auch wird das Geübte gar nicht als Geübtes gewußt.
Von diesem spielerischen Üben unterscheidet sich das als Übung eigens vorgenommene und mehr oder weniger systematisch ausgestattete Üben, das man auch methodisches Üben nennen kann. Das Methodische dieses Übens besteht darin, daß der Übung als solcher nun eine bestimmte regelmäßig wiederkehrende Übungszeit gegeben wird, in der das, was geübt wird, in einer der Sache entsprechenden Weise gegliedert und Schritt für Schritt auf einem bestimmten Weg angeeignet wird. Dabei kommt es immer wieder zu einer Unterbrechung des geübten Handlungszusammenhangs, um sich einer mißlungenen Einzelleistung zuzuwenden und sie isoliert für sich einzuüben. Die methodische Übung ist von Ernsthaftigkeit und Genauigkeit geprägt. Sie ist nicht zufrieden mit dem Unbestimmten und Ungenauen, sondern sie möchte das Geübte auf den Punkt bringen. Sie geht auf möglichst vollkommenes, fehlerfreies Gelingen des Ganzen.
Das methodische Üben birgt eine Gefahr in sich, die darin liegt, daß das Gekonnte an einer Leistung als Selbstzweck genommen und genossen wird. Artistik, hohle Virtuosität und eine vom Dasein des Übenden abgelöste Technik machen sich dann breit. "Aus dem einfachen an die Aufgabe hingegebenen Können entwickelt sich so die Virtuosität, die souveräne Beherrschung aller technischen Mittel, die bei allem ihrem bewundernswerten Können doch zugleich als kalt und seelenlos empfunden wird." (Bollnow, 47)
Methode ohne Spontaneität trocknet die Übung aus. Besonders wenn detaillierte Übungstechniken vorliegen, besteht die Gefahr, daß man das üben vergegenständlicht, von sich abtrennt. Das Geübte wird zur Fassade. Als Yogalehrer kann man das manchmal sehen: -Das Asana ist da, korrekt und brav ausgeführt, aber wo ist der Übende? Er ist verschwunden, vor dir steht ein unbewohntes Haus, das scheinbar kein Seelenfunke von innen erleuchtet.
Beim spontanen Üben, das dem inneren Ruf folgt und Neues durchspielt bleibt der Übende leichter sich selbst nahe. Doch Spontaneität ganz ohne Methode bleibt richtungslos und kann sich deshalb nicht zum Gang auf einem Weg entfalten.
Beide Übungsformen gehören also zusammen. Der Kindergeist des spielerischen, absichtslosen Übens, Humor und Gebet haben noch immer geholfen das Gespenst einer gehaltlosen Technikverfallenheit zu bannen. Jeder methodisch übende sollte sich deshalb in seiner Übung etwas Lächelndes, Spielerisches und Betendes bewahren.

Das Üben als schöpferische Einheit von Einüben und Ausüben

Dieser Punkt ergänzt den bereits anfangs erwähnten Grundzug der Übung: daß es nämlich ein Lernen im Vollzug ist.
Einüben meint die Aneignung des noch nicht Gekonnten durch ein sich übersteigendes Vollziehen des Schongekonnten. Ausüben ist das Übergehen des Könnens in den Vollzug dessen, was es beherrscht.
Einüben und Ausüben gehen in der gelingenden Übung so auseinander hervor, daß das Einüben zugleich Ausüben und das Ausüben zugleich ein Einüben ist. In ihrer Verklammerung steigern sie sich wechselseitig.
Einüben ist die Bewegung der Übung auf ein Können hin, das noch nicht verfügbar ist, sondern erst gelernt werden soll. Der Übende lädt sich gleichsam mit einer Möglichkeit auf, die ihm aus dem Unmöglichen zukommt. Diese Bewegung geschieht aber durch Ausübung. Nur einer der ausgeübt hat, kann eingeübt sein.
Das Ausüben wiederum ist nur dann ganz anwesend, wenn es zugleich in einem gewissen Maß ein sich nach dem bislang Nichtgekonnten ausspannendes Einüben bleibt. Wo das Ausführen von Eingeübtem nicht dieses sich übersteigende Moment hat, wird es zur bloßen Routine und das Können verblaßt. Wo Ausübung bloße Ausführung wird und nicht Einübung bleibt, verliert sie die Berührung mit der unverbrauchbaren Neuheit des Auszuübenden,
wird zur Routine, verliert die Spannung. Auch die Ausübung lebt also aus dem Bezug zum noch nicht Gekonnten, das das Können gewährt.
Nur simple, mechanisierbare Tätigkeiten sind auf reine Ausübung von Eingeübtem zu reduzieren. Die Aus-Übung ist dann aber eigentlich keine Übung mehr, sondern bloße Anwendung von Gelerntem. Bei schöpferischen Tätigkeiten ist Ausüben immer auch Einüben. "Nur im Bangen um das Gelingen ist das Können echt. Es erstarrt, wo es zur Sicherheit des »Gekonnten« wird. " (Bollnow. 53) Das heißt die Möglichkeit des Nichtvollbringenkönnens, die das Üben zum Wagnis macht, wird beim behaglichen Aufenthalt im sicher Gekonnten gemieden, was aber auf Dauer nicht nur das Einüben zum Stillstand bringt, sondern auch die Ausübung langweilig werden läßt.
Die erregende Grenzlinie zwischen Können und Nichtkönnen ist, im Bild gesprochen, das Seil auf dem der schöpferisch Übende tanzt, immer in der Gefahr entweder in die fade Routine oder in das Mißglücken durch Überforderung seiner selbst abzustürzen. Iyengar spricht diesen Zusammenhang an, wenn er sagt, der Übende habe den beschränkten Umkreis des Bekannten (schon Eingeübten) auszumessen, um in das Offene des Unbekannten (das das bislang nicht Gekonnte ermöglicht) hineinzugehen, aus dem ihm neue Möglichkeiten zuwachsen. Wie alles Erkennen aus dem je immer größeren Unerkannten gespeist wird, so alles Können aus dem Nichtkönnen.
Oben war schon von der Gefahr die Rede, daß das methodische Üben zur kalten Virtuosität führen kann. Solange das Gekonnte der Übung als Gabe aus dem nicht Machbaren, Unverfügbaren, das alles Können gewährt, erfahren und geübt wird, ist diese Gefahr nicht gegeben. Sie entsteht, wenn man die Berührung mit der Quelle allen Übens verliert und nur mehr sich selber im Gekonnten spiegelt. Das Einüben des Nichtgekonnten ist recht verstanden kein sich aus eigener Kraft übersteigen, keine Expansion des kleinen Ich, sondern die Teilhabe an neuen, aus der verborgenen Fülle des Seins gewährten Möglichkeiten. Die Übung wird schöpferisch und bleibt lebendig, wo sie sich auf der Grenze zwischen Können und Nichtkönnen öffnet für das Einströmen des göttlichen prana, der alles ermöglichenden Möglichkeit. Das meinte ich, als ich oben davon sprach, die Übung sollte vom Geist des Gebets beflügelt sein.
Nach der Erörterung des Übens in seinem spontanen und methodischen Aspekt, sowie als Einheit von Ein- und Ausüben, wende ich mich nun dem Geübten zu. Einiges davon kam bereits zur Sprache, weil man ja das Strukturgefüge der Übung nicht wirklich in einzelne Momente auseinandertrennen kann, die ohne Bezug aufeinander darstellbar wären.

Das Geübte: In-Bereitschaft-Halten eines Könnens.

Was wird geübt? Bei dem Geübten handelt es sich zunächst jeweils um eine Fertigkeit, ein Können, etwa das Klavierspielen oder Radfahrenkönnen. Übt der Mensch, weil er etwas kann, oder weil er etwas nicht kann? Wäre er unfähig zum Klavierspielen, so wäre der Versuch es zu üben von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Andererseits, wenn er schon Klavierspielen kann, was hat es dann noch für einen Sinn zu üben?
Offensichtlich ist hier ein zweifacher Sinn von Können zu unterscheiden. Jeder kann Klavierspielen lernen, aber deshalb ist nicht jeder schon ein Könner am Klavier. Es besteht ein Unterschied zwischen der Möglichkeit Klavier zu spielen bei dem, der er es noch nicht gelernt hat, aber lernen kann, und bei dem, der sich diese Möglichkeit angeeignet hat, aber vielleicht gerade nicht vollzieht.
Das Können im ersten Sinn, in der mittelalterlichen Philosophie dispositio genannt, ist das Erwerbenkönnen einer Fertigkeit. Nur wenn das Erwerbenkönnen einer Fertigkeit, die Disposition zu einem Können schon vorliegt, kann das Erwerben selbst, seine Einübung stattfinden.
Das Können im zweiten Sinn meint dagegen das Vollbringenkönnen 0der Fertigkeit, das erst durch Übung erlernt wird. Im Mittelalter wurde dieses Können als habitus bezeichnet. Etwas habituell können meint in voller Bereitschaft dazu stehen, das Können selbst in Bereitschaft halten. Das Gehaltensein in der Bereitschaft ist die Weise wie das Können wirklich anwesend ist. So ist z.B. das Können eines asana nicht nur anwesend, solange man diese bestimmte Yogahaltung ausführt. Denn das habituelle Können besteht nicht primär im Ausführen; es entsteht und bewährt sich nur darin. Das Können der asana ist anwesend als das Bereitsein für die Haltungen, ob diese nun gerade praktiziert werden, oder nicht. Die Frage nach dem Sinn der Übung von asanas ist nur zu beantworten, wenn man sagen kann, was das Sichhalten in der Bereitschaft zu diesen Haltungen für den Menschen bedeutet. In welcher Verfassung hält sich der Mensch, wenn er sich durch die Übung bereithält für das Vollbringen der asanas?

Dr. Karl Baier.

Nur zum privaten Gebrauch bestimmt. Fortsetzung folgt.


Nächste Seite © 2000 IYVD