Geeta Iyengar: Yama und Niyama

Übersetzung aus dem Englischen von Luise Wörle (Original in EuroYoga News)

Bei einem britischen Intensive-Kurs wurde an Geeta Iyengar folgende Frage gestellt:
Yama und Niyama sind die ersten beiden Stufen des YogaWeges. Im Westen werden die Studenten meist durch Asanas in Yoga eingeführt. Erzieht uns das Üben der Asanas angemessen in Yama und Niyama oder sollten wir für uns selbst und für unsere Kursteilnehmer mehr Gewicht auf diesen Bereich legen?

Geetas Antwort:

Yoga besteht aus 8 Gliedern: Yama, Niyama, Asana, Pranayama, Pratyahara, Dharana, Dhyana, Samadhi. Der Weise Patanjali sagt nicht, daß das Stufen von Yoga seien, es sind vielmehr die Aspekte des Yoga. "Anga" bedeutet Teil oder Glied. Ein Glied kann nicht das Ganze sein und kann gleichzeitig auch nicht vom Ganzen getrennt werden. Alle Teile und Glieder zusammen schaffen die Gesamtheit, Yoga ist eine vollständige Übungspraxis und deshalb werden all diese Aspekte gemeinsam geübt.

Durch die Einführung von Yama und Niyama ganz am Anfang möchte Patanjali den Schüler (sadhaka) darauf vorbereiten, daß er die Übung des Yoga (sadhana) vor dem richtigen moralischen Hintergrund, mit einem ausgewogenen Verhalten, einer angemessenen seelischen und geistigen Haltung und in Demut beginnt. Diese Voraussetzungen und Qualitäten können nicht in einem Tag aufgebaut werden. Man wird nicht vom ersten Augenblick des Yoga-Übens an die Vorschriften "Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit... "in die Tat umsetzen können. Das Einüben der ethischen Verhaltensweisen wird diese Eigenschaften (von selbst) entwickeln, da sie zum Ausdruck einer guten Lebensform gehören. Diese beiden Glieder des Yoga, Yama und Niyama, müssen bis zum Lebensende befolgt werden. Das Verfeinern des Yoga-Übens verfeinert auch die Übung von Yama und Niyama. Yama und Niyama können weder gelehrt noch erzwungen werden. Sie erfordern Vorbereitung und die entsprechende Einstellung auf allen Ebenen unserer körperlichen, geistigen und seelischen Fähigkeiten. Das Üben der Asanas beginnt jedoch an den vertrauten Bereichen des Körpers, die der Erfahrung zugänglich sind. Das Üben der Asanas verändert die physischen und psychischen Abläufe. Die Umkehrhaltugen wie Sirsasana und Sarvangasana wirken auf das Drüsensystem und verändern allmählich die mentale Haltung des Schülers so, daß sie für die Prinzipien von Yama und Niyama offen ist. Die Übung der Asanas formt Körper und Geist in der Weise, daß man die Disziplin von Yama und Niyama befolgen kann. Dadurch wiederum werden seelisches Gleichgewicht und der Wunsch nach vollwertiger und mäßiger Ernährung gefördert. Das Verdauungssystem sendet Rückmeldungen an das Gehirn, z.B. eine Abneigung gegen zu scharfe Speisen oder übermäßiges Essen. Das ist Shoucha oder körperliche Reinheit.

Das Üben der Asanas befreit den Geist von gewohnheitsmäßigen Gedanken. Oft verweilt man in Tagträumen, hört Anweisungen nur nebenher, und man erzeugt dumpfe Stellen (black holes) in Körper und Geist. Ein Meister richtet unsere Achtsamkeit auf diese black holes und läßt uns daran arbeiten, die Dunkelheit, die durch unsere Stimmung und unsere Gedanken herbeigeführt wurde, zu durchdringen. Die korrekte physische Haltung, unterstützt durch ganz bewußte konzentrierte geistige Hinwendung ergibt mentales Gleichgewicht und verändert die innere Haltung. Diese Veränderungen sind die Prinzipien von Yama und Niyama.

Neben den Veränderungen der Anatomie, des Stoffwechsels und des hormonellen Gleichgewichts helfen die Asanas auch, das innere Bewußtsein und Gewissen zu unterstützen. Wenn man etwas falsch macht, meldet sich das Gewissen. Guruji trifft uns oft genau an den Stellen, an denen wir einen Fehler begehen. Das mag unser Ego verletzen, aber gleichzeitig entwickelt es auch unser Gewissen. Wir können den Fehler nicht wiederholen. Herz und Gehirn werden durch Yama und Niyama gereinigt. Yama und Niyama in den Asanas verleihen uns das Urteilsvermögen, das für die Erhaltung des Gleichgewichtes von Körperenergie und seelischen Kräften benötigt wird. Von diesem Blickwinkel ist es praktisch nachvollziehbar. Deshalb wird sowohl für die östlichen als auch für die westlichen Menschen die Einführung in Yoga durch Asanas gegeben, sodaß wir den bekannten Bereich sehr gut kennen, bevor wir beginnen, die unbekannte oder spirituelle Welt zu erforschen. Unser Körper beispielsweise ist nicht durch unseren eigenen Entschluß zu uns gekommen. Er wurde uns gegeben, geschenkt. Er ist das einzige Kapital, das wir haben, mit dem wir die Reise unseres Lebens beginnen können. Deshalb beginnt die (moralische) Praxis damit/daß wir Kraft, Stärke, Nachsicht, Geduld und Ausdauer aufbauen. Wenn wir den Körper mißbrauchen, brechen wir die Prinzipien von Yama und Niyama. So baut die Übung der asanas indirekt die ethische Disziplin auf, auch wenn sie, oberflächlich betrachtet, als physische Bewegungen erscheinen mögen.

Die Übung der Asanas erzieht uns in angemessener Weise, unser Gewissen anzufachen, die Yamas und Niyamas zu befolgen. Wenn man beginnt, in die Tiefe des Asana-Übens mehr vorzudringen, wird auch die Tiefe von Yama und Niyama besser verstanden. Man braucht die Schüler nur auf die Prinzipien von Yama und Niyama aufmerksam zu machen, so daß sie ihre Asana-Praxis nicht durch wechselnde Stimmungen und Modeströmungen in die Irre leiten. Daran kann man sehen, daß das Asana-Üben immer wieder ausführliche Korrekturen benötigt, sodaß man die Werte der anderen Aspekte des Yoga verstehen kann. Ich würde sagen, daß ohne Asana-Praxis diese ersten beiden Glieder mehr oder weniger theoretisch verstanden werden können. Durch intensives Üben der Asanas kann man die innere Achtsamkeit entwickeln, die später die Willenskraft stärken und diese Prinzipien mit Vertrauen und Kraft festigen wird.


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