Die Expansion der Intelligenz
Reflektionen über einen Intensivkurs bei den Iyengars, Januar 1996

von Mira Mehta

Salamba Sirsasana I - VariationDer 1. Januar 1996. Das neue Jahr fängt für mich mit einem Intensivkurs am Pune-Institute an. Obwohl Geeta die Hauptlehrerin war - er war sozusagen "ihr" Intensiv - ' hatten wir das Glück, den Unterricht von Guruji zu erleben, der sehr oft in den Klassen anwesend war, sowie von Prashant Iyengar, der den Kurs zum Ende übernahm. Dieses Mal waren die meisten Teilnehmer aus dem deutschsprachigen Raum bzw. aus angrenzenden Ländern Deutschland, Österreich, der Schweiz, Tschechien und Dänemark. Mit wenigen Ausnahmen sprachen sie alle fließend Englisch. Das Format des Kurses war wie üblich: Asanas am Vormittag zweieinhalb bis drei Stunden, Nachmittagsüben und Pranayama dreimal wöchentlich eine Stunde. Es gab zusätzlich eine Frage-Antwort-Stunde.

Am ersten Tag fragte Guruji: "Was ist der Zweck eines Intensiv-Kurses?" Die Antwort gab er selbst gleich dazu: um unserer Praxis mehr Tiefe zu geben. Während der Kurs sich entwickelte, entwickelte sich auch der Tiefgründigkeit des Yoga und die Fähigkeiten der menschlichen Psyche. Viele aus der Gruppe waren erst am Tag zuvor angereist und litten noch an Jetlag, weswegen wir den ersten Morgen mit "intensivem Ausruhen" verbrachten. Wir übten Baddhakonasana und Supta Baddhakonasana, Upavistakonasana, Virasana und Supta Virasana, Tadasana, Sirsasana, Sarvangasana, Halasana, Paschimottanasana und Savasana. Es wurde uns aber nicht erlaubt, die Haltungen auf eine faule oder schläfrige Art auszuführen. Wir mußten uns bemühen, die Knochen, Muskeln, Bänder, Haut und Fleisch eines jeden Gliedes so zu bewegen, daß seine Gestalt die korrekte Ausrichtung erhält. Wir schafften Raum in den Zellen, so daß sie Savasana üben konnten.

Guruji erklärte, daß wir in Yoga lernen, die Muskeln gleichzeitig zu dehnen und zu kontrahieren, was unseren natürlichen Tendenzen widerstrebt. Dadurch bewahren wir Länge bei einer Kontraktion und Halt bei einer Dehnung. Zum Beispiel tendieren in Baddhakonasana die Schienbeine und Leisten zu kontrahieren. Beide müssen gedehnt werden, damit die Knie nach unten kommen. Geeta zeigte, um die Schienbeine zu dehnen, muß man zuerst die inneren Bänder der Knie mit den Daumen befreien. Dann die Füße zusammenbringen und die Schienbeine verlängern. Dann die inneren Leisten zu den Knien hin dehnen. Schließlich die äußeren Oberschenkel senken.

Warum ist Yoga so schwierig? Guruji erläuterte am nächsten Tag: Im normalen Leben, wenn wir uns auf etwas konzentrieren - Musik, unsere Arbeit, auf etwas, das uns interessiert -, sind unsere mentalen Kräfte auf ein Objekt gerichtet, das außer uns liegt. Im Yoga müssen diese Kräfte nach innen gerichtet werden Wir selbst sind sowohl Subjekt wie Objekt der Konzentration. Dies bringt eine mentale Transformation mit sich. Erst muß der Geist in Frieden sein, dann muß er sich sammeln (sich um einen Punkt ausrichten). Diese Erklärung basiert auf Patanjali (Yoga Sutra III 11-12), der über verschiedene Arten der Transformation des Bewußtseins spricht. In den Sutras wird Versunkenheit im Subjekt (samahdi parinama) noch vor der gerichteten Konzentration (ekagrata parinama) behandelt. Wir müssen also zuerst einen reflektiven Zustand herbeiführen und von dort aus unser Konzentrationsvermögen einsetzen, um einen einzigen Punkt oder ein einziges Objekt zu erreichen.

In einer anderen Stunde setzte sich Guruji erneut mit der Funktionsweise des Gehirns auseinander. Es gibt vier Gehirnlappen. Der untere Teil des Vorderhirns, hinter den Augenbrauen, ist der Sitz des Analysierenden, der obere Teil ist Sitz des Ego. Im unteren Teil des hinteren Gehirns wohnt Reflexion und im oberen Teil das Bewußtsein. Diese entsprechen den vier Katagorien des Patanjali (savitarka, nirvitarka, savicara, nirvicara). In Alltag benützen wir unentwegt das Vorderhirn; wir müssen dieses beruhigen und lernen, das hintere Gehirn zu benützen. Der Unterricht in dieser Stunde drehte sich um dieses Thema.

In Tadasana: Stellt euch vor, daß der Nacken wie die zwei Füße in Tadasana ist. Balanciert das Gehirn auf dem Nacken, wie ihr den Körper auf den zwei Füßen balanciert. Entsprechend ist es in Trikonasana, erklärte Guruji, daß die Rückseite der Beine wie das hintere Gehirn und die Vorderseite der Beine wie das vordere Gehirn sind. Wir sollten die Haltung vom hinteren Gehirn machen. Um einen reflektiven Zustand im Gehirn zu erzeugen, drehten wir den Kopf von der Unterseite des Schädels (von der rechten Seite des Schädels, wenn nach rechts gebeugt). Dabei bewegten wir uns von der Nasenwurzel, nicht von der Nasenspitze. Ein Gefühl von Gelassenheit und Einkehr entstand sofort.

In Parsvakonasana und Virabhadrasana II haben wir wieder an das hintere Gehirn gedacht, konkret in diesem Fall an die Kniekehle des sich beugenden Beines. Wieder haben wir sehr sorgfältig den Schädel und die Nasenwurzel gedreht. Die letzte Stehhaltung war Parsvottanasana: Die Anweisung war, das vordere Gehirn zum hinteren Gehirn der Beine zu bewegen, d.h. die Vorderseite der Beine zur Hinterseite zu bewegen.

Diese Stunde ging weiter mit Upavistakonasana, und dieses von Sirsasana, Halasana und Sarvangasana gefolgt. In den Umkehrhaltungen wurde das Thema der Bewegung der Vorderseite der Beine (des vorderen Gehirns) zur Hinterseite der Beine (zum hinteren Gehirn) wiederholt. Schließlich machten wir Virasana nach vorn, um die Beine auszuruhen und ihnen Savasana zu geben.

Sämtliche Unterrichtsstunden im Kurs waren ausgezeichnet. Es erstaunt mich immer wieder, wie die Iyengars jedes Mal einen frischen Zugang zu den Asanas und Pranayama finden. Hier ist ein kleines Goldstück aus einer Stunde der zweiten Woche, das die vorige Arbeit fortsetzte: Wir sollten die "actions" ( etwa " B e w e g u n g s i m p u 1 s e " [Anmerkung der Redaktion]) des Steißbeins und der N a s e n s c h e i d e w a n d synchronisieren. Bewegt in Trikonasana die rechte Seite der Nasenscheidewand, um mit dem rechten Auge die linke Hand anzuschauen. Wer sonst könnte oder würde auf ein so subtiles Abstimmen draufkommen?

Die Reichhaltigkeit der Haltungen zu erfahren, resultiert aus der Tiefe der eigenen Praxis. Bei einer Unterrichtsstunde in der dritten Woche waren Sirsasana, Halasana, Sarvangasana und Setubandha Sarvangasana Hauptthema. Es wurden einige Methoden gezeigt, damit wir die Ausrichtung des Kopfes in Sirsasana, in dem die Rückseite und Vorderseite des Schädels parallel zueinander sind, besser verstehen konnten.

Normalerweise kommt das Kinn nach vorne und der Nacken ist schräg, was eine unkorrekte Haltung verursacht. Um den Nacken zu korrigieren, legten wir eine Decke zu einem schmalen Streifen zusammen und stellten den Kopf darauf. Die ineinandergeflochtenen Finger hielten den hinteren Rand der Decke und die Ellbogen berührten die Seiten. Bei dieser Methode konnten die Unterarme fest in den Boden pressen und die Schultern sich heben. Foto 1

Eine andere Methode gab ein klares Gefühl für die Ausrichtung. Wir machten Sirsasana II an der Wand, wieder mit der Schädeldecke auf einer schmal zusammengelegten Decke. Foto 2 Die Hinterseite des Schädels, das Gesäß und die Fersen waren an der Wand, aber die Schultern nicht. Wir sollten den Lendenbereich nach hinten bringen. Dies gab das Gefühl der geraden Linie der Haltung. Wir erfuhren Kühle in den Augen.

Salamba Sirsasana II

Als Nächstes versuchten wir Baddha Hasta Sirsasana genauso an der Wand. Wir verschränkten unsere Arme vor dem Kopf und unter der Decke. Foto 3

Baddha Hasta Sirsasana

Salamba Sirsasana I Variation

Dann machten wir normales Sirsasana an der Wand, wobei wir die Decke zwei Zentimeter von der Wand weg brachten, um Platz für die Finger zu schaffen. Da der Kopf nun weg von der Wand war, brachten wir die Fersen ebenfalls zwei Zentimeter von der Wand weg. Foto 4

Salamba Sirsasana I Variation

Nun kamen wir zur Raummitte und hielten einen Holzklotz hinter dem Kopf in Sirsasana, um mehr Bewußtsein und Sensitivität in die Hände zu bringen. Wir belebten die Handgelenke dadurch, daß wir den Klotz zwischen den parallel gestellten Handflächen hielten. Foto 5 Dann hielten wir den Klotz zwischen aufwärts gerichteten Handflächen, die Daumen pressten in den Boden. Foto 6 Schließlich griffen wir den flachgestellten Klotz mit den Fingern und machten die Handgelenke parallel zueinander. Foto 7

Salamba Sirsasana I Variation Salamba Sirsasana I Variation

Nachdem uns diese zahlreichen Methoden für die Arbeit in Sirsasana gezeigt worden sind, übten wir Halasana und Sarvangasana. Im Ersteren hielten wir den Klotz zwischen den Handflächen mit den Armen nach hinten gestreckt. Foto 8 Durch diese Unterstützung konnten wir die Flanken und die Achselhöhlen-Brust-Gegend anheben (z.T. mit ein wenig Nachhilfe durch einen Assistenten). Um einen vergleichbaren Bewegungsimpuls in Sarvangasana zu schaffen, nahmen wir die Hände vom Rücken weg und pressten mit angewinkelten Armen die Ellbogen fest in den Boden. Foto 9

Salamba Sarvangasana I Variation

Halasana

Zum Schluß übten wir Setubandha Sarvangasana auf drei verschiedene Weisen, alle jedoch mit den Füßen an der Wand. So konnten wir den Brustkorb und das Brustbein sowie die Hüften und das Steißbein anheben. Die ersten beiden Versuche waren mit gebeugten Beinen, näher oder weiter weg von der Wand, der letzte mit geraden Beinen. Fotos 10, 11 und 12

Setu Bandha Sarvangasana - Variation

Setu Bandha Sarvangasana - Variation

Setu Bandha Sarvangasana

In dieser Stunde wurde kein Savasana geübt. Geeta erklärte, daß unser Brustkörbe nun offen wären und daß sie nicht wollte, daß sie während der Entspannung wieder zusammensinken sollten.

Parallel zum Asana-Unterricht gab es auch Pranayama-Stunden.

Diese waren darauf ausgerichtet, unserer eigenen Praxis ein solides Fundament zu geben. Savasana, Ujjayi (Technik des vollen Ein- und Ausatmens. A.d.R.) und Antara Kumbhaka (Technik des Atemanhaltens nach dem Einatmen. A.d.R.) wurden zusammen mit der Kunst des Sitzens und des Liegens gelehrt. Geeta betonte nachdrücklich, daß, egal mit welchen Techniken wir arbeiteten, die Entwicklung des eigenen Bewußtseins das Wichtigste sei, sonst würde Pranayama mechanisch und bedeutungslos werden: "Ihr solltet zuerst euer eigenes Atmen und eure eigenen Ungleichmäßigkeiten beobachten. Das getan, dann könnt ihr mit den gelernten Techniken beginnen". Üblicherweise fangen wir mit Techniken an, die uns beigebracht wurden; dies hilft aber leztenendes nicht, weil es nicht unser eigenes Verständnis aufbaut.

In der Frage-Antwort-Stunde, die sie am Ende der zweiten Woche abhielt, gab Geeta eindeutige Erklärungen zu Fragen der Praxis. Wie man üben sollte, wenn ein Meniskus entfernt wurde, wenn ein Bein kürzer ist, wenn Gelenke entzündet sind u.s.w. Die Tiefe ihres Wissens ist erstaunlich.

Geeta überkam gegen Ende des Kurses ein grippaler Infekt und Prashant übernahm für die letzten drei Tage den Unterricht. Er hat einen anderen Unterrichtsstil, der den von Geeta sehr gut ergänzt. Er stellte Fragen, die uns zum Nachdenken anregten, und erläuterte die Yoga-Praxis aus verschiedenen Perspektiven. Zum Beispiel fragte er "Woran merkt ihr, daß ihr eine Haltung beendet habt?" Er fuhr fort: "Ihr kennt so viele Anweisungen, es ist wie essen, essen, essen, essen. Aber irgendwann muß das Zu-Sich-Nehmen aufhören und es muß ein Verdauen stattfinden. - Oder, es ist wie die Malerei. Wenn man einfach immer weiter malt und malt wird das Bild so verdorben. Wie weiß man, wann aufzuhören? An einem bestimmten Tag kann man nur das Beste geben - man kann nicht besser als das Beste. Oft jedoch, ringt Ihr weiter, bis die Haltung keine Haltung mehr ist. Man muß wissen, wann es Zeit ist, der Haltung den letzten Feinschliff zu geben. Um eine Haltung zu machen und zu beenden, muß man Kraft anwenden. Was ist diese Kraft? Sie ist die pranische Energie". Diesen Gedanken verfolgend übten wir dann Stehhaltungen, indem wir das Einatmen und Ausatmen mit unseren Bewegungen synchronisierten.

Prashant machte uns auf einen anderen wichtigen und oft vernachlässigten Aspekt der Haltungen aufmerksam: das Auflösen einer Haltung. Es ist genauso wichtig, mit Achtsamkeit aus der Haltung herauszukommen als es ist, sie einzunehmen. Diese Art zu arbeiten baut Kraft und Koordination auf, aber, noch wichtiger, sie entwickelt den reflektiven oder "synthetischen" Modus des Geistes. Während wir in eine Haltung hineingehen, machen wir von unserer analytischen Fähigkeit Gebrauch und überlegen kontinuierlich, was wir als Nächstes machen sollen. Wenn wir aus der Haltung herauskommen, müssen wir hingegen unsere Bewegungsimpulse aufrechterhalten und überlegen, "was ist verlorengegangen?". Die Haltung auf diese Weise zu synthesieren, entwickelt einen Geist frei von Ego.

In seinen Pranayama-Klassen, in denen er Savasana, Ujjayi und Viloma I (Einatmen in Stufen mit Anhalten) unterrichtet, war Prashant ebenso einsichtsreich. Er erzählte vom primären Zweck von Pranayama, von der Aneignung von Weisheit, nicht etwa von pranischer Energie. Das wird erreicht durch die Entspannung der Nerven, die an den Sinnesorganen und am Gehirn angeschlossen sind. Durch Pranayama läßt sogar das Gehirn selbst seine Spannung los und wird für verschiedene Zustände und Erfahrungen offen.

Um bei meinen Eindrücken aus dem Kurs abzuschließen: Es war entzückend, den Unterricht von allen drei Iyengars zu haben. Alle unterrichten mit Witz, Humor, Lebendigkeit und aus einem scheinbar unerschöpflichen Fundus von Wissen. Jeder trägt etwas Einmaliges bei. Geeta ist überaus praktisch und flechtet immer wieder ihre medizinischen Kenntnisse in ihre Erklärungen ein. Auf fast unheimliche Weise passen ihre objektiven Anweisungen oft zu den subjektiven Bedürfnissen der Schüler. Prashant ist ein Denker und Poet. Guruji ist immer noch unvergleichlich. Sein Feuerähnliches Wesen spornt ihn an, uns herauszufordern, immer mehr zu tun und zu verstehen, über unsere Beschränkungen hinauszugehen und das Unbekannte zu erforschen. Die Schönheit dieses Kurses war für mich, daß wir die verschiedenen Persönlichkeiten und Herangehensweisen von Guruji, Geeta und Prashant genießen konnten und erkennen, daß ungeachtet ihrer Unterschiede sie eine einheitliche Lehre übermitteln.

Vielen Dank Mira, daß du diesen Artikel
noch rechtzeitig eingeschickt hast! die Redaktion.
Übersetzung aus dem Englischen
© 1996 Michael Forbes


Nächste Seite© 1999 IYVD