Über das Lehrer-Schülerverhältnis beim Lernen

Beim Unterricht hat es der Schüler mit dem Lehrer, dem Unterrichtsstoff und sich selbst zu tun. Wird ein Sachverhalt vermittelt, empfängt der Schüler die Information vermischt mit der Art und Weise der Vermittlung und der Persönlichkeit des Lehrers durch den Filter der eigenen Vorstellungen und etablierten Konzepte. Es kann dann im Unterricht etwa Folgendes passieren:

Eines schönen Morgens im großen Saal eines wohlbekannten Yogainstitutes die gewohnte Situation. Anweisungen, Üben und dann natürlich auch die anschaulichen Demonstrationen und Korrekturen an einzelnen Teilnehmern, wobei der Rest der Gruppe mehr oder weniger staunend zuschaut. An diesem Morgen ging es um Defekte in den Beinen, dann aber auch wieder der Hinweis: "könnt Ihr die Auswirkung dieses Defektes in den Schultern und Körperhälften sehen?" Obwohl den Unterrichtsfluß mit einer Frage zu unterbrechen ein risikoreiches Unterfangen ist, konnte ich mich nicht mehr beherrschen, die Frage brannte auf der Zunge und mußte einfach raus. Ich fragte also: "Wenn z.B. das linke Bein defekt ist, ist es dann die linke Schulter oder Körperhälfte, die betroffen ist oder die Rechte? Geht dieser Defekt diagonal oder geradlinig durch den Körper? Das Echo kam so schnell, ich hatte die Frage noch gar nicht richtig zu Ende gebracht und war perplex, als es gleich hieß : "Komm' her zum Vorzeigen!" Nun setzte bei mir die Verwirrung ein. Ach, er hat ja meine Frage gar nicht gehört; jetzt kriegst du gezeigt, wozu Schlaumeierei führt. Ich kam also zögernd vor. Ein Defekt in meinem linken Bein im Tadasana wurde, für alle offensichtlich gezeigt. Dann ging es in unvermindertem Tempo weiter." jetzt dreh' dich um! Gesicht zu den Teilnehmern gewandt! Dandasana!" Wieder Erklärungen, diesmal die Fersen. Auf einmal fällt mir auf: Moment mal, jetzt hat er sich wohl vertan. Eben war noch die Rede vom linken Bein, jetzt erklärt er einen Defekt an der rechten Ferse? Ging wohl doch alles etwas schnell. Mir scheint da kein Zusammenhang zu bestehen. Und hier setzt sich die Verwirrung fort, ich suche nach einer Bestätigung für meine Annahme, daß meine Frage nicht verstanden wurde und ich und mein Anliegen völlig übergangen wurden, anstatt wachsam und neutral zu bleiben.

Doch diesmal beiße ich mir auf die Zunge. Abwarten, beobachten, ruhig bleiben, sehn' was passiert und vielleicht noch erklärt wird. Doch, nichts weiter, das war's. Keine weiteren Erläuterungen über Zusammenhänge von geraden Linien und Diagonalen. Ist die Frage also völlig übergangen und vergessen?

Nach dem Unterricht läßt mich die Sache nicht mehr los. Ich grübele, habe wohl zu viele Bücher über Gurus gelesen und fange einfach noch einmal von vorne an' Was ist, wenn er die Frage sehr wohl und klar verstanden hat? Wo ist dann die Antwort in der Begebenheit verborgen ? Dann war es also kein Versehen, erst das linke Bein zu erklären und plötzlich, ohne Erklärung von Zusammenhängen auf die rechte Ferse überzuspringen! Und dann dämmert es: Kein Konzept, keine Regel, ob diagonal oder geradlinig. Man muß in jedem Moment neu schauen und die Basis, Füße und Beine, im Detail, nachhaltig korrigieren, dann sieht man schon, wie das den Rest des Körpers beeinflußt. Keine Zeitverschwendung also mit spekulativen Erklärungen von Zusammenhängen, was uns beim Üben nur von "hier und jetzt" trennt. Man greift sich einen defekten Körperteil heraus, korrigiert und gruppiert den Rest des Körpers um den korrigierten Teil neu herum, wie beim Auto, wo man ein Kugellager auswechselt und der Motor dann rund läuft. Hier ist also meine Antwort. Gleich stellt sich die nächste Frage: warum geht er scheinbar gar nicht auf meine Frage ein? Er läßt mich also grübeln, keine theoretische Antwort, er stopft nicht einfach eine Regel in meinen Kopf und verstärkt auf diese Weise meinen Hang zum Spekulieren. Denn auch zu sagen: es gibt keine Regel, ist immerhin auch noch eine Regel. Sicher, man könnte argumentieren: Das ist ja alles nur Deine Vorstellung und Einbildung. Also gehe ich zu ihm am nächsten Morgen und sage: "jetzt dämmert es; vielen Dank, es hat etwa 3 Stunden gedauert, das auszuklügeln, was Sie in nicht einmal 3 Minuten gestern vermittelt haben und was ich im gleichen Moment hätte lernen können." Gelächter, und in dem Moment weiß ich, daß es nicht nur meine Einbildung war. Er versteht sofort, was ich anspreche.

Der Nachgeschmack der Episode: Wie leicht schiebe ich noch meinem Lehrer den schwarzen Peter zu und verpasse dann den wichtigsten Teil des Unterrichtes. Ich werde vorsichtiger in der Beurteilung meines Lehrers. Ich fänge an, genauer hinzuhören, positiv zu belieben, daß heißt, davon auszugehen, daß ein Schatz von Wissen und Weisheit im Gesagten verborgen ist, den ich entdecken muß. Und ich fange an, das Unausgesprochene in meinem eigenen Unterricht zu kultivieren.

Meine Erfahrung damit soweit: Es erfrischt!

Viel Spaß beim Üben!

Gewidmet : Meinem Lehrer B.K.S. Iyengar, dem ich viel verdanke.
Gezeichnet : Ein Teilnehmer des 96 Intensives.


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