Vom Sinn und Unsinn der Übung

von Dr. Karl Baier

Teil 1 (Im Heft Asana 1, Mai 1995):

Teil 2 (Im Heft Abhyasa 2, November 1995):

Teil 3 (hier):

Die erneuernde Wiederholung als Zeitgestalt der Übung

Ein zentraler Wesenszug des Übens wurde bisher noch nicht besprochen. Wenn jemand etwas nur einmal probiert und es dann kann oder auch nicht, so ist das jedenfalls noch keine Übung. Das mehrfache, regelmäßige Durchgehen der Sache, ihre Wiederholung macht die Übung erst zur Übung.

Am Verstehen des Sinn des Wiederholens hängt alles. Sehr viel von der Geringschätzung der Übung in unserer Gesellschaft, aber auch viel von unserem eigenen Mißmut beim Üben ist darauf zurückzuführen, daß uns das rechte Verständnis für das Wiederholen fehlt oder immer wieder abhanden kommt. Man empfindet die Übung dann bestenfalls als "ein notwendiges Übel, das Lehrer wie Schüler freudlos auf sich nehmen. Man leidet unter der »Geistlosigkeit« der Übungen, bei denen man immer dasselbe wiederholt und oft kaum merkbaren Fortschritt empfindet." (Bollnow, 13)

Wir wissen, daß sich unser Können nur im immer wiederholten Üben erhält und vertieft. Es rostet ein, wenn es der Mensch nicht durch beständiges Üben wiederholt. So nehmen wir zähneknirschend die Last der Wiederholung auf uns, die uns an sich öde und sinnlos vorkommt.

Wiederholung erscheint dabei mehr oder weniger als monotones Abspulen des immer Gleichen. Aber ist sie das? Oder geht es beim Wiederholen nicht im Grund um etwas ganz anderes?

Ein erster Wesenszug der Wiederholung in Bezug auf die Übung besteht darin, daß sie gewohnheitsbildend ist. Das Üben und das Geübte werden durch sie zur Gewohnheit. Die Gewohnheit im guten Sinn ist zu unterscheiden von ihren Verfallsformen, der bloßen Routine und der Verhaltensstereotypie. In dem Wort Gewohnheit steckt das Wort wohnen. Gewohnheit besagt demnach zunächst das Einwohnenkönnen, die Fähigkeit in etwas zu wohnen, ganz drin zu sein, so vertraut zu sein mit ihm, daß man sich in ihm gerne aufhält, sich selbst in ihm entfalten kann.

Die Gewohnheit ermöglicht durch das Vertrautsein, das sich durch sie einstellt, Entfaltung. Damit sind wir bei einem zweiten Wesenszug des Wiederholens. Ursprünglich verstanden ist das Wiederholen ein Holen, Einbringen, Versammeln dessen, was sich im bereits Geübten an Zukunftsmöglichkeiten verbirgt. Das Zurückkommen auf bereits Aus- und Eingeübtes nimmt es von Neuem auf und gibt der Bereitschaft zu ihm Zukunft. Nur durch die Wiederholung und in ihr ist Verwandlung möglich. Wenn ich heute die Hundestellung übe, dann sind darin alle Hundestellungen, die ich je geübt habe anwesend, und ich gebe ihnen durch mein jetziges Üben Zukunft. Die wahre Wiederholung repetiert also niemals einfach, sondern entdeckt Neues am Gewohnten und zwar indem sie der Sache auf den Grund geht und sie aus ihm neu werden läßt.

In der Wiederholung wird das Geübte einfacher. Es verliert die Kompliziertheit, wird schlichter, damit aber ursprünglicher und deshalb auch schwerer. Insofern Ruhe Aufruhen auf dem Grund besagt, kommt die Übung durch die auf den Grund gehende Wiederholung zur Ruhe, sie verliert die Unrast.

Das Sichüben im Dasein beim Üben von etwas

Bisher war vom Üben eines bestimmten Könnens die Rede. Dieses Üben ist immer ein Sichüben. Wir üben, wenn wir eine besondere Fertigkeit üben, immer uns selbst. Es geht um dein Klavierspielenkönnen oder Asanaausführenkönnen. Die im Ausüben eingeübte Fertigkeit ist je meine, deine. Aber das Sichüben ist noch weitreichender. Es umfaßt mehr als nur das in Bereitschaft Halten einer besonderen Möglichkeit des Daseins.

Das kann man sich klar machen, wenn man bedenkt, daß jede Übung in etwas eine bestimmte Grundhaltung zur Übung selbst verlangt. Bollnow hat diese für das Üben zuträgliche Haltung so beschrieben:

"Wo der Mensch zerstreut oder unaufmerksam ist, wo er seine Übungen nachlässig betreibt, wo er von schwerem Kummer belastet ist, von dem er sich in seinen Gedanken nicht losreissen kann, aber auch wo er vor freudiger Erwartung auf ein kommendes Ereignis zittert, erst recht aber wo er in der Schule durch äußeren Zwang zu ihm langweiligen Übungen angehalten wird, gegen deren Zumutung er sich innerlich auflehnt, überall da ist das Üben sinnlos, weil es nicht zum Erfolg führen kann. Die Übung verlangt vielmehr die selbstvergessene Hingabe an das zu übende Tun, den nicht nachlassenden Willen, das Tun so gut wie möglich und bei jeder Wiederholung besser als das vorige Mal zu machen. Die Übung fordert die Anspannung des ganzen Menschen.
 
Aber umgekehrt würde auch eine zu große, krampfhafte Anstrengung den Erfolg des Übens gefährden. Wo um jeden Preis ein Ergebnis erzwungen werden soll, bleibt dieses gerade aus, und zwar um so mehr, je verzweifelter sich der Mensch darum bemüht. Die im Üben erstrebte Leistung gelingt auf der andern Seite nur in einer gelösten Seelenverfassung. Diese beiden Seiten, Anspannung und Gelöstheit, müssen sich verbinden, wenn das Üben zum richtigen Ergebnis führen soll. Es ist ein Zustand stiller gesammelter Heiterkeit, in der keine Sorge den Menschen beunruhigt und keine übermäßige Eile ihn vorantreibt." (Bollnow, 55)
 

Das gelassen-gespannte Üben geschieht in langsamer Eile, mit einer Sorgfalt, die ohne Säumnis das Notwendige tut, keine unnütze Zeit verliert, aber auch nichts erzwingen will, sich die nötige Zeit läßt. Dazu ist es notwendig auf Eigenwillen zu verzichten, von Emotionen nicht überschwemmt zu werden, Ängstlichkeiten ebenso wie übertriebenen Ehrgeiz und die Neigung zum Hasten loszulassen und auf das hier und heute Mögliche zu achten, das der Verfassung, in der sich der Übende befindet, entspricht.

Diese Haltung wird nicht nur zum erfolgreichen üben vorausgesetzt. Vielmehr bringt das Üben, wie ebenfalls Bollnow herausstreicht, wenn man es mit einem Minimum an gutem Willen einmal begonnen hat, Schritt für Schritt die Haltung auch selbst hervor, die zu seinem Vollzug erforderlich ist. Wer sich so übt, sammelt sich und ist in der Übung als ganzer Mensch gesammelt da.

Es ist leicht einzusehen, daß die Tugend der gelassenen Entschlossenheit, nicht nur für die Übung in etwas Bestimmten, sondern für unser Dasein überhaupt von Bedeutung ist. Die sich beim rechten Üben ausbreitende Gesammeltheit bedeutet eine Umstimmung des gesamten Weltbezugs.

Andererseits sind ja auch die Nachlässigkeit und Zerstreutheit, die überspannte Hast ebenso wie die Mutlosigkeit, die uns beim Üben in die Quere kommen können, keine isolierten Schwächen, die nichts mit unserem Leben außerhalb der Übungsstunde zu tun hätten. Es zeigt sich in diesen Einstellungen zur Übung etwas von unserer Grundhaltung zum Dasein überhaupt.

Die Sammlung des Übenden kann zum eigentlichen Zweck der Übung werden. Dann wird die Übung in etwas, die auf den Erwerb und Steigerung einer bestimmten Fertigkeit gerichtet ist, zum exercitium ad integrum, zur Übung im Ganzsein, die einen Weg bildet, der zur Verwandlung des ganzen Menschen führt.

Iyengar-Yoga ist, wie jede seriöse Form des Yoga, ein solches exercitium ad integrum. Ausgegangen wird von der Übung in der Fertigkeit bestimmte leibliche Haltungen auszuführen, die Variationen von elementaren Grundmöglichkeiten des Sichhaltens im Stehen, Sitzen, Liegen, Strecken, Beugen und Drehen darstellen. Die Übung zielt scheinbar auf das möglichst perfekte Ausführen dieser Haltungen. Wäre Asanaüben nur dies, so liefe es auf eine an Höchstleistungen orientierte Sportart hinaus. Doch die Verwandlung, um die es in Wahrheit geht, geschieht nicht in der Richtung des intendierten Ziels, sondern quasi im Rücken des Tuns. Die Feinkorrekturen der Haltung, die große Achtsamkeit erfordern, die Genauigkeit im Ausrichten, Anspannen und Loslassen, sind notwendig, aber kein Selbstzweck. Sie dienen der Einstimmung der Leiblichkeit des Übenden auf ein gesammeltes, in wohlgespannter Gelassenheit freies Verhältnis zur Welt und auf ein Zulassen der verborgenen Anwesenheit ihres tragenden Grundes.

Zum Abschluß sei noch einmal Dürckheim zu zitieren. Was er über die Übung der rechten Haltung sagt, läßt sich ohne Abstriche auf den Iyengar-Yoga übertragen: "Es bedarf langer Übung. Der Erfolg dieser Übung tritt aber umso schneller ein, als man sie nicht nur als eine Körperbewegung, also wie einen Körpertrick, durchführt, sondern im vollen Bewußtsein der [...] einhergehenden Veränderung des Ich-Weltgefühls. Dieses Gefühl [...] leitet, wenn die Übung sich richtig fortsetzt, eine ganze Entwicklung ein, die mehr bedeutet als eine neue Haltung des alten Menschen. Bald steht der Mensch nicht nur anders, sondern als ein anderer da. [...] Dieses wird dann immer mehr an der veränderten Weise die Welt zu sehen und zu nehmen, ihre Nöte zu ertragen und in ihr zu bestehen, offenbar." (Dürckheim, 118-119)

Literatur

Karlfried Graf Dürckheim: Hara. Die Erdmitte des Menschen, Weilheim (5.Aufl.) 1972.

Otto Friedrich Bollnow: Vom Geist des Übens. Eine Rückbesinnung auf elementare didaktische Erfahrungen, Stäfa (3. durchges. und erw. Auflage) 1991. Hier ist die Gelegenheit, Ernst Adams zu danken, der mich vor Jahren auf das ausgezeichnete Büchlein von Bollnow hingewiesen hat und damit mein Nachdenken über die Übung in Gang brachte.


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