"Yoga verbindet" - Vortrag von B.K.S. Iyengar in Berlin, Oktober 1996

Übersetzung von Rita Keller und Michael Forbes

Teil 1.

Siehe Abhyasa 4, November 1996

Teil 2.

Raja Yoga / Hatha Yoga

Im Yoga gibt es verschiedene Mittel, das höchste zu erreichen. Wenn man einen Berggipfel erreichen möchte, gibt es unterschiedene Wege: Zick-Zack Pfade, gerade Pfade, falsche Pfade. Ein bestimmter Pfad mag viel Zeit brauchen, ein anderer nur wenig Zeit. Aber jeder Bergsteiger wird den Gipfel bequem erreichen, je nach intellektueller und körperlicher Kraft. Entsprechend ist Yoga aufgeteilt in jnana marga, bhakti marga, karma marga und yoga marga. Jnana Yoga, bhakti Yoga, karma Yoga Zusammen ergeben "Yogamarga". Wie kann man das als den Pfad des Yoga bezeichnen? Intellektuelle fingen an, mit Worten zu spielen. Sie deklarierten Patanjalis Yoga Sutras als "raja yoga" und Svatmaramas Yogabuch {Hatha-Yoga Pradipika) als "körperlichen" oder "Hatha"-Yoga. So fingen die Mißverständnisse an: z.B., daß so ein Yoga, wie die jungen Leute heute Abend vorgeführt haben, nur körperlicher Yoga sei; daß er nichts mit dem Geist zu tun habe. Bis heute weiß niemand, wo der Körper endet und der Geist beginnt, oder wo der Geist endet und die Seele beginnt. Sie gehen ineinander über. Ein Teil der Yogapraxis ist eine Durchdringung von außen nach innen, ein anderer Teil die Durchdringung von innen nach außen. Sie berührt alle drei Schichten des Menschen:
- Gott hat uns Hände und Füße gegeben, um Taten (karma) zu vollbringen.
- Gott hat uns Intelligenz gegeben, damit wir denken und arbeiten können (jnana).
- Er hat auch bhakti gegeben, den Weg der Liebe, das Gewissen oder Sitz des Herzens. Da wir diese drei Wege zu gehen haben (karma, jnana und bhakti), wurde Yoga als Grundlage gegeben, um unsere Taten, unser Denken und unsere Hingabe zu reinigen.
Es gibt keinen körperlichen Yoga, es gibt keinen raja Yoga. Dies wird in der Hatha Yoga Pradipika von Svatmarama so erklärt:
Indryarajamanaha. (Ich mache mit dem Sanskrit nicht weiter, weil Sie es wohl schwierig finden.) Das heißt, der Geist ist König der Sinne. Die Nerven sind König des Geistes. Und der Ton im Körper ist Meister der Nerven. Dies ist heute als Körper-Wissen bekannt.

Der Geist, die Nerven und der Ton

Man muß den Vibrationen der Bewegungen, die im Körper stattfinden, lauschen, um den Ton zu kennen. Ton gehört zum Element Äther. Die Vibration der Bewegung entsteht durch Äther. Das Element Luft (Intelligenz) wirkt auf den Geist, auf das Element Feuer. Die Atmungs- und Kreislaufsorgane sind mit dem Element Wasser oder Flüssigkeit verbunden und sorgen dafür, daß der äußere Körper, der feste Körper stabil wird.
So lautet die Lehre. Es gibt also keinen Raja-Yoga.
Der Geist ist der König der Sinne (König = Raja). Diese Aussage hat Gelehrte dazu bewogen, die beschriebene Praktiken als Raja-Yoga zu bezeichnen. Patanjali jedoch nennt sie nirgends Raja-Yoga, sondern Astanga-Yoga. Die Yoga-Sutras beschreiben eine gewaltige Vereinigung: Körper, Geist und Seele können nicht voneinander getrennt, sondern sollen miteinander verbunden werden. Das ist Yoga.

Yoga und Hinduismus

Ich möchte nun auf eine andere Frage eingehen, die mir gestellt wurde. Die Frage hieß "Ist es notwendig, ein Hindu zu werden, wenn man Yoga üben möchte?" Um ihren Körper zu reinigen, um ihren Geist von Leiden und Gebrechen, von Neid, Wollust, Gier und Zorn frei zu halten? Gelten solche Störungen nur den Menschen einer bestimmten Religion, oder sind wir nicht alle für sie anfällig? Wollust, Zorn, Gier, Haß - diese sind in jedem Menschen vorhanden. Die Wissenschaft des Yoga bezweckt die Überwindung dieser emotionalen Krankheiten, die den Menschen körperlich und seelisch leiden lassen. Folglich hat Yoga nichts mit der hinduistischen Religion zu tun. Yoga ist eine Selbst-Kultur, eine universelle Kultur, da alle Menschen einer einzigen Rasse angehören. Eine "Hindu"-Religion gibt es nicht. Vielmehr existiert die ewige Religion. Eine Verwechslung herrscht, weil diese ewige Religion von Menschen ausgeübt wurde, die östlich des Sindu Flusses lebten und später Hindus genannt wurden. (Yoga ist in dieser Kultur entstanden.) Yoga hat mit Hinduismus nichts zu tun.
Yoga ist eine orientalische Wissenschaft. Heutzutage teilt man das Gehirn ein in einen frischen, neuen Teil und einen alten Teil: das hintere Gehirn ist das alte, das vordere Gehirn das neue. Folglich muß die orientalische Wissenschaft in Kontakt mit der okzidentalen Wissenschaft kommen. Die orientalische Wissenschaft ist das alte Gehirn (, das funktioniert,) und die okzidentale Wissenschaft ist das vordere Gehirn, das aggressive Gehirn. Bei der Ausübung von Yoga ist es wichtig zu wissen, daß das vordere Gehirn Aggression und das hintere Gehirn Synthese bewirkt, und daß das diese Synthese nicht nur die Integration von Körper, Wort, Werk und Weisheit beinhaltet, sondern auch die Vereinigung und das Ausgleichen zwischen den beiden Gehirnhälften. Dies ist das Geheimnis des Yoga. Religion spielt keine Rolle. Die Bedeutung von Religion kann man folgendermaßen verstehen: Betrachten Sie einen Menschen, der gefallen ist (physisch, moralisch, geistig, intellektuell und spirituell). Das, was bei jemandem, der im Zustand des Fallens ist (physisch, moralisch, geistig), das Fallen verhindert, das, was aufrechterhält und stützt, ist die wahre Bedeutung von Religion. Sie hat keine kulturellen Grenzen. Deshalb ist Yoga eine universelle Kultur.
Vor 2500 Jahren hat Patanjali die Wendung. sarvabhauma verwendet. Die Erde hieß bhumi (= Fundament). Jeder, der auf dieser Erde wohnt, wird von den ethischen und moralischen Empfehlungen und sonstigen Themen der Yoga Sutras angesprochen. Patanjali wendet sich mit diesen Sutras nicht nur an Hindus sondern an die ganze menschliche Rasse. (Yoga-Sutra II/31). Betrachten Sie Yoga nicht als ein östliches Thema, das nichts mit dem Westen zu tun hätte. Sie haben einen Geist, ich habe einen Geist. Sie haben ein Herz, ich habe ein Herz. Sie haben Sinnesorgane, ich habe Sinnesorgane. Ziel des Yoga ist Harmonie der verschiedenen Aspekte des Menschen und ein integriertes, intelligentes Denken aufzubauen.

Vier Arten von Übenden, vier Arten von Übungspraxis

Nachdem er die menschliche Psyche studiert hat, definierte Patanjali vier Arten von Übenden: mäßig, mittelmäßig, eifrig und strebsam, intensiv. Die mäßigen teilte er wiederum in "mittelmäßig mäßig", "engagiert mäßig" und "strebsam mäßig" und so weiter. Wenn wir versuchen, dieses Schema zu Ende durchzudenken, werden wir wohl nie daraufkommen, auf welcher Ebene sich unsere Praktiken befinden. - Genauso wie es vier Arten von Schülern gibt, beschreibt die Hatha Yoga Pradipika vier Arten von Übungspraxis: konative (triebhafte), kognitive (erkenntnismäßige), mental-intellektuelle und spirituelle. Konative Tätigkeit besteht, wenn die Tatorgane und die Sinnesorgane so arbeiten, daß eine gymnastische Bewegung entsteht. Wenn die Sinnesorgane diese konative oder körperliche Aktion durchdringen, schicken sie die Meldung zum Geist "Ich habe diese Bewegung nicht verstanden. Bitte komm und führe mich." Darm bringt sich der Geist mit Hilfe der Sinnesorgane ein und beobachtet die verschiedenen Bewegungen des Körpers bzw. der Nerven.
Heute Nachmittag bei der Pressekonferenz kam eine Frage zum Thema afferente und efferente Nerven. Die Muskeln geben efferentes Wissen und die Haut afferente Information. Konative Tätigkeit ist mit den efferenten Nerven, kognitive Tätigkeit mit den afferenten Nerven verbunden. Das heißt, daß die Muskelspindeln eine Meldung zum Gehirn schicken und das Gehirn dann einen Befehl an die Muskelspindeln zurückschickt, wie sie reagieren sollen; wir nennen das jnana nadi. Wir nennen die Spindeln karma nadi und die Meldung von der äußersten inneren Schicht der Haut jnana nadi. Das Verständnis für karma, die Taten des physischen Körpers, und die Berührung von jnana durch die inneren Hautschichten bringt den Geist dazu, sich um den jeweiligen Körperteil zu kümmern. Der Geist kommt und sieht, versteht aber nicht, was er machen soll. Deshalb bittet er die Intelligenz, ihn zu führen, so daß er die Tatorgane und die Sinnesorgane unterrichten kann, wie sie sich vereinigen und zusammenarbeiten können. Der Geist bringt die Intelligenz zu jeder Pore unserer Haut, zu jeder Spindel, Faser und Sehne des Körpers. Die Intelligenz stabilisiert, beobachtet, versteht, führt und sorgt für ständiges Lernen, so daß Ausgeglichenheit im zellulären System und Reinheit im Blutkreislauf herrschen. Der Blutkreislauf wird unterstützt durch das Atmungssystem, damit die chemischen Vorgänge im Körper stattfinden können. Dies alles geschieht, damit sich das innere Selbst im Körper - ohne Hindernisse in Form von Krankheiten - bewegen kann. In diesem Sinne vereinigen sich Sadhana und Sadhaka (die Übung und der Übende), damit die Erfahrung von reiner Glückseligkeit, sowohl innen als außen, möglich wird. Das ist die Bedeutung und das Ziel von Yoga.

Eine praktische Demonstration

Ich wurde gefragt, ob eine praktische Demonstration stattfinden kann. Vor etwa 25 Jahren trat ich in München öffentlich im Leopoldtheater auf. Danach habe ich bei meinen Deutschlandbesuchen keinen öffentliche Performances mehr gegeben. Ich dachte, nachdem ich 60 geworden war, sollte ich keine öffentlichen Auftritte mehr geben. Ich versuche sie zu vermeiden und ich vermeide sie immer noch. Leider bin ich aber nun von der Liebe und Zuneigung meiner Schüler gefangen. Obwohl mir Yoga vollkommene Zufriedenheit in allen Aspekten des Lebens gegeben hat und ich Freiheit erlebt habe, widerfährt es mir, daß meine Schüler mich fesseln und mich von der höchsten Glückseligkeit zurückhalten. Ich habe in meinem Leben etwa 12.000 bis 15.000 Solo-Vorführungen gegeben, jede ohne Pause und von einer Dauer von drei bis dreieinhalb Stunden. Ein Mann, eine Show, wo Millionen von Menschen mich gesehen haben. Heute übe ich zu Hause, aber ich habe aufgehört, öffentliche Vorführungen zu geben. Die letzte Vorführung war bei meinem 70. Geburtstag.
Viele Deutsche, die Indien zum Studium der Physiotherapie oder Sportmedizin besucht haben, haben mich gebeten, speziell für sie eine Vorführung zu machen und zu zeigen, wie Yoga Athleten helfen kann. Glücklicherweise oder unglücklicherweise habe ich Menschen Yoga unterrichtet, die aus allen sozialen Bereichen stammten, auch Philosophen. Sie brauchen nicht zu meinen (nach den bisherigen Ausführungen), Yoga wäre nur ein philosophisches Thema. Ich habe Menschen, die an körperlichen Gebrechen litten, unterrichtet, Menschen, die kein Verständnis für Yoga hatten, und ebenso andere, die großartiges Verständnis dafür hatten. Ich habe das Glück gehabt, die Psyche der verschiedenen Menschen, vom Straßenkehrer bis hin zum höchsten Intellektuellen, durch das Unterrichten von Yoga kennenlernen zu dürfen. Also mußte ich im Alter von 72 eine Vorführung geben. Und drei Jahre später wieder. Nun werde ich in zwei Monaten 78. Ich denke nicht, daß es für mich gut ist aufzutreten aus dem einfachen Grunde, daß der alte Baum sehr schnell austrocknet. Aber ich habe viele junge Menschen aufgebaut und ich glaube, daß diese jungen Menschen, die eine große körperliche Kraft besitzen, hervortreten sollten. So wird die Yoga-Nachkommenschaft für die Gesundheit der Menschheit gesichert. Ich bitte nun meine deutschen Schüler sowie die Schüler, die mit mir hergereist sind, auf die Bühne zu kommen, damit ich den praktischen Wert des Yoga erklären kann.

Den Älteren die Philosophie des Körpers

Ich bin ein Übender - aber als älterer Mitbürger sehe ich: auf der ganzen Welt haben die Senioren Angst, irgendwas zu unternehmen, und sind von anderen Menschen abhängig. Was ich als Betagter gelernt habe, ist, daß die Philosophie des Yoga den jüngeren Menschen beigebracht werden muß, die ihre Lebenskraft und Vitalität mißbrauchen. Alte Menschen haben alles verloren. Weil sie alles Materielle verloren haben, ist das Leben für sie eine Philosophie. Sie haben allem wegen ihrer Schwächen entsagt. Ich als älterer Mensch möchte ihnen die Philosophie des Körpers geben und den Jüngeren die wahre Philosophie des Yoga. Man kann diese zwei vermischen, sich selbst formen und mit ewiger Gesundheit leben, mit dem ewigen Fluß des dynamischen Lebens, des positiven Lebens, nicht des negativen Lebens. Das Leben bloß zu verlängern ist negatives Leben. Ein dynamisches Leben, mit frischem Geist, mit frischen Zellen und frischem Körper ist ein positives, dynamisches Leben, eine dynamische Gesundheit.

Seien Sie ein zündendes Licht

So, wenn Sie Geduld haben, werden wir versuchen, ein paar Stellungen zu präsentieren. Yoga ist unendlich, wie ein Ozean, er kann nicht zeitlich begrenzt werden. Wir erfahren das Unendliche heute Abend in einer begrenzten Zeit. Ich weiß, daß sie viel Geduld haben. Ich habe eine solche Stille bei einem Publikum nur in Deutschland erlebt. Bei einem derart toleranten und geduldigen Volk bin ich mir sicher, daß Yoga zu ihnen besser als zu irgendeinem anderen Volk der Welt paßt. Darum nehmen Sie es bitte und seien Sie ein zündendes Licht für andere Völker. Zeigen Sie wie man bei den ganzen Umbrüchen in der Welt mit Toleranz und Geduld leben kann. Leben Sie unseren Brüdern und Schwestern vor, Ost oder West, Nord oder Süd, wie es möglich ist, mit dieser Geduld, mit dieser Toleranz und mit dieser Beharrlichkeit als eine menschliche Rasse zu leben.


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