Einführung in Pranayama von B.K.S. Iyengar

Übersetzung von Rita Keller

Teil III

Jalandhara Bandha oder Kinnverschluß

Beim Pranayama mit geöffneten Nasenflügeln baue mit Hilfe von "prajna" an den Eingangstoren der Einatmung Deiche, und zwar am unteren Wangenknochen, dem oberen Gaumen und der oberen Luftröhre.
Zur Errichtung von natürlichen Deichen für die Pranyamapraktiken führten die Yogis "Jalandhara Bandha" oder den Kinnverschluß ein.
Dieser Kinnverschluß hilft "prajna" das innere "prana" als auch das einströmende "prana" genau zu kontrollieren, einen rhythmischen Fluß und eine gute Verteilung zu erreichen.
Die Deiche für die ausströmende Energie müssen am Zwerchfell, den äußeren Interkostalmuskeln der Brust, der Luftröhre und den oberen Wangenknochen errichtet werden.
Für die wechselseitige Nasenatmung errichte die Deiche für die Einatmung am inneren Saum der Nasenflügel und für die Ausatmung am äußeren Saum der Nasenflügel. Erst wenn Du die verschiedenen Stellen zur Errichtung der Deiche kennst, kannst Du mit der wechselseitigen Nasenatmung beginnen.
Wenn der Atem von seinen vorgegebenen Pfaden abweicht, fließt er gewaltsam ein und ebenso gewaltsam aus. Diese Art von "tiefen Atemzügen" kann nicht als Pranayama bezeichnet werden.
Beim Pranayama ist es die Aufgabe des "sadhaka" (Übenden) dafür zu sorgen, daß bei der Einatmung die Energie rief in den Körper eindringt und aufgesogen wird, und bei der Ausatmung, daß "prana" wie durch die Schleusentore eines Wasserreservoirs langsam abgegeben wird, so daß Zeit entsteht, in der die Energie im System absorbiert und gespeichert wird.
Bei der Einatmung (puraka) bewegt sich die äußere Haut des Rückens zunächst nach unten und dann zum Körper, während die innere Haut auf der Vorderseite sich ausdehnt und sich öffnet, ohne dabei die äußere Haut des Brustkorbs auf der Vorderseite zu stören. Die innere Haut auf der Rückseite und die innere Haut auf der Vorderseite fungieren als Spiegel und als reflektierte Spiegel.
Bei der Ausatmung (rechaka) wird die Haut an der inneren Rückseite und an der inneren Vorderseite angehoben und wach gehalten.
Dann wird der Atem in Form von "rechaka" mit Hilfe der äußeren Haut der vorderen Brust abgegeben.
Wenn man gleichmäßige Passivität an der inneren und äußeren Haut der Vorder- und Rückseite des Rumpfes spürt, ohne daß die Wirbelsäule in sich zusammensinkt oder sich krümmt und die Brust einfällt, dann ist "rechaka" vollständig.

Die Kunst des Sitzens

Bevor Du Dich zum Pranayama hinsetzt. solltest Du wissen, wie man richtig sitzt, so daß keine Turbulenzen im Körper entstehen.. Du mußt genau den mittleren Teil des Steißbeinendes kennen und so sitzen, daß er senkrecht zum Boden steht. Wenn Du diesen Punkt wie den Südpol behandelst, dann wisse auch, daß der zentrale Teil des Kopfes der Wirbelsäule der Nordpol ist.
Jalandhara Bandha lehrt diesen Bereich genau auszumachen und hilft so den Rest der Wirbelsäule auszurichten, so daß die Wirbelsäule fließt. Es ist als ob man einen Wirbelkörper auf den anderen stellt, wie man auch bei einem Steinhaus einen Ziegelstein auf den anderen schichtet.
Diese Ausrichtung hilft dem "Sadhaka" (Übenden) die Bewegung der 5 Elemente im Pranayamaprozeß zu verstehen.
Jede Vorwärtsbewegung oder Rückwärtsdehnung bedeutet eine Störung oder ein Ungleichgewicht in den Elementen.
Um Tadasana zu lernen, plazieren und breiten wir die Hügel des hinteren Fußes gleichmäßig aus, um stehen zu können.
In gleicher Weise müssen wir lernen, die Sitzbeinhöcker zu gebrauchen, als wären sie die Hügel des Gesäßes in der sitzenden Haltung. Spanne die Leisten nicht an, sondern entspanne sie. Bringe das Zentrum der Sitzbeinhöcker und die Krone bzw. den mittleren Teil der Schenkel, der den Boden berührt, in solch eine Position, daß das Wasserelement des Körpers sein Niveau auf den Sitzbeinen, den Leisten und den Füßen findet. Ebenso halte die Rückseite und die Vorderseite der freien Rippen parallel zueinander.

Die Elemente und "vayus" ("Winde") und ihre Bewegungen

Die 5 Elemente des Körpers, nämlich Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther (pritvi, ap, tejas, vayu und akasha) sind bekannt als anatomische, physiologische, psychologische oder mentale, intellektuelle und kausale Hüllen (s. Tabelle unten).
Sie sind miteinander verwoben und verbunden und bei der Ausführung von Asanas muß der Übende auf sie achten.
Auf gleiche Weise sind die 5 "vayus" (prana, apana, samana, vyana und udhana) mit den 5 Elementen verbunden. Beim Üben von Pranayama mußt Du aufmerksam die 5 Elemente beobachten und sie auf die "vayus" abstimmen.

INTERAKTION DER 5 ELEMENTE MIT DEN KOSHAS UND PRANAS
5 Elemente
(Pancha Mahabhuta)
5 Hüllen
(Pancha Koshas)
5 Pranas
Erde Annamaya Kosha
(Anatomischer Körper)
Apana
Wasser Pranamaya Kosha
(Physiologischer Körper)
Prana
Feuer Manomaya Kosha
(Psychologischer Körper)
Samana
Luft Vijnanamaya Kosha
(Intellektueller Körper)
Vyana
Äther Anandamaya Kosha
(Kausaler Körper)
Udhana

"Apana vayu" stellt das Element Erde dar (pritvi), "prana vayu" das Element Wasser (ap), "samana vayu" das Element Feuer (tejas), "vyana vayu" das Element Luft und "udhana vayu" das Element Äther (akasha).
Beim "puraka" (Einatmung) wirkt "apana" (pritvi tattva) wie ein Sprungbrett für "vishva-chaitanya-shakti", um mit Hilfe von "samana" (tejas tattva) nach innen zu gelangen, um "prana" aufzunehmen, während "vyana" (vayutattva) die vom Körper aufgenommene Energie verteilt. Die Kette endet mit "udhana" (akasha tattva). Damit ist "puraka" vollständig.
Beim "puraka", wendet sich "purusha" nach außen, "prakriti" zu, erfaßt die 5 Elemente und "vayus" und verschmilzt dann mit "prakriti".
Beim "rechaka" (Ausatmung) wird "samana vayu" (tejas) beruhigt, vyana vayu" (vayu) stabilisiert die "vishva-chaitanya-shakti" und wandelt sie mit Hilfe von "apana vayu" (pritvi) in "vaiyaktika shakti" um, und "udhana vayu" kontrolliert und entläßt "prana" (ap), bis es den Inneren Raum (akasha) erreicht und das Gefühl von Passivität und Ruhe in allen 5 Hüllen und in den 5 "vayus" erfahren wird. Hier bewegt sich "prakriti" zu "purusha" und verschmilzt mit "purusha".

Die Essenz von Pranayama

Die Regulierung des Flusses der lebensspendenden Energie (prana) hängt von purusha als "prajna" und der universellen kosmischen Energie als "vishva-chaitanya-shakti" ab. Diese Zwei "prajna" und "vishva-chaitanya-shakti" spielen eine wichtige Rolle bei der Schaffung von inneren Deichen im Körper für die harmonische Bewegung von Energie und ihre Verteilung im Körper.
Bei der Pranayama-Einatmung zählt nicht nur die Länge des Atems, sondern auch wie die "vishva-chaitanya-shakti" mit dem kausalen Körper (karana sharira), dem feinstofflichen Körper (sukshma sharira) und dem grobstofflichen Körper (karya sharira) kommuniziert, und wie sie sich mit ihnen am Ende der Einatmung verbindet.
Wenn "vishva-chaitanya-shakti" den inneren Körper betritt - erwacht und erhebt sich dieselbe latente "shakti", die im Körper schlummert, um die eintretende "shakti" zu empfangen und sie so zu verteilen, daß sie alle Bereiche des Rumpfes bis hin zur Haut berührt. Wenn die Haut die Berührung spürt, bedeutet das, daß "vishva-chaitanya-shakti" den Zenit der Einatmung erreicht hat.
Bei der Pranayama-Ausatmung vergrößert sich die "vishva-chaitanya-shakti" zu "vaiyaktika shakti" und entläßt dann den Atem vom grobstofflichen Körper zum feinstofflichen Körper und von feinstofflichen Körper zum kausalen Körper. Von hier entwickelt sie sich weiter. Sie verliert ihre manifeste Form und wird im "prajna-purusha" zur unmanifesten Form.
Dieser Zustand zeigt das Ende von "rechaka" an.

(Fortsetzung in der nächsten Ausgabe)


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