Chakras und nadis - Eine Einführung

von Karl Baier

Mit diesem Artikel möchte ich in zwei Grundbegriffe des Yoga einrühren, indem ich das mit ihnen Gemeinte von elementaren Leiberfahrungen her interpretiere. Ich hoffe dadurch Verständnishilfen und Anregungen für eine weiterführende Auseinandersetzung mit den alten Yogatexten und den Erfahrungen heutiger Yogapraxis zu geben.

1. Was ist ein chakra?

Die Bezeichnung "chakra" stammt aus dem Sanskrit und bedeutet ursprünglich Rad, Schwungrad, Kreis. Das Wort ist verwandt mit dem griechischen kyklos, das Kreis, Ring, Umkreis und ebenfalls Rad bedeutet, sowie mit dem lateinischen circulus, deutsch: Kreis, Umfang, Ring. Die chakras werden oft auch Padma genannt, was Lotosblume bedeutet. In bildlicher Form werden sie meist in Gestalt von Lotosblüten dargestellt. In diesen Namen liegt eine tiefe Symbolik, die zu der Erfahrung hinführen kann, die mit ihnen benannt wird.
Was besagen Rad und Lotos?
Ein Rad ist etwas Rundes. Das scheint eine Banalität zu sein, verliert aber sofort alle Selbstverständlichkeit, wenn man weiter frägt, was denn Rundheit bedeutet. Eine "runde Sache" bedarf keiner Ergänzung, ist in sich vollständig, vollkommen. Das Rad ist ein Vollkommenes, das in seiner Vollkommenheit aber nicht erstarrt ist, sondern drehbar, also beweglich bleibt. Beweglich sein heißt, eine Vergangenheit haben, die auf zukünftige Möglichkeiten offen ist. Die Bewegung des Sichdrehens ist ein kontinuierliches Fortschreiten in die Zukunft, das auf eine Mitte bezogen bleibt.
Ein Rad zum Sichdrehen bringen bedeutet etwas Vollkommenes in Bewegung setzen, so bringt z.B. der Buddha das Rad der Lehre in Bewegung, indem er seine vollendete Weisheit mitteilt, damit anderen die Möglichkeit des Heilwerdens eröffnet, ihnen eine heilvolle Zukunft gibt und damit auch seiner Erkenntnis eine Zukunft verleiht, die über sein Leben hinausweist.
Ein Rad ist etwas Rundes, das sich gleichmäßig, unabgelenkt und als Ganzes um etwas dreht. Das Worum es sich dreht, liegt nicht außerhalb des Rades, sondern bildet seine Mitte. Die Mitte des Rades, um die es sich dreht, bleibt unbewegt. Sie ist der ruhende Pol, der Angelpunkt, von dem alle Bewegung ausgeht und um den sich alles dreht. Die Lehre von den chakras weist uns darauf hin, daß wir solch einen ruhenden Pol in uns erfahren können. Was könnte das sein? Nach dem Meister Eckhart zugeschriebenen Traktat "Von der Abgeschiedenheit" gleicht die Abgeschiedenheit der Angel einer Tür, ein Bild, das dem des Rades und seiner Mitte nah verwandt ist. Die Tür entspricht dem äußeren Menschen, der sich in Tätigkeit befindet, durch die Pforte seiner Sinne die Welt einläßt und dabei die verschiedensten Stimmungen und Emotionen erfahrt. Der innere Mensch der Leiter und Führer der Sinne, Tätigkeiten und Gefühle, der unverwandt in Liebe Gott zugewandt ist, gleicht der Angel der Tür. Wenn nun die Tür auf- und zugeht, so bewegt sich das äußere Brett hin und her, und doch bleibt die Angel ruhig an ihrem Ort. Vielleicht sind die chakras Orte, an denen der innere Mensch, von dem der mittelalterliche Traktat spricht, die Haltung der Abgeschiedenheit, erwachen kann.
Die Verbindung von ruhender Mitte und bewegtem Umkreis, die durch das Bild von Tür und Angel dargestellt ist, ist beim Rad durch die Speichen besonders gut sichtbar. Es steht als Ganzes für das Zugleichsein von Bewegung und Ruhe, Einheit und Vielheit, Zentrum und Peripherie und zeigt Harmonie, Friede, Ganzsein in Zentriertheit als Geschehen, als Bewegung, die ihren Sinn in sich selbst hat.
Der Lotos ist eine exotische Pflanze, die am Grund von sumpfigen Seen und Teichen wurzelt und ihren Stengel bis an die Wasseroberfläche treibt. Die fast kreisrunden Blüten schwimmen auf der Wasseroberfläche. Der Lotos, der aus dem trüben Sumpf emporwächst und sich mit reiner Blüte dem Licht der Sonne öffnet, ist von alters her in Indien ein Symbol für geistige Entfaltung und Selbstwerdung. Er symbolisiert die Entwicklung des Menschen aus den dunklen Tiefen der Unwissenheit zur strahlenden Höhe des Erwachens. Der Buddha und andere heilige Wesen werden deshalb auf einem Lotosthron sitzend dargestellt. Der Lotos ist zugleich ein kosmisches Symbol für die Entfaltung der Schöpfung: "Wenn die göttliche Lebenssubstanz im Begriff ist, das All aus sich hervorzubringen, wächst aus den kosmischen Wassern ein tausendblättriger Lotos aus reinem Gold, strahlend wie die Sonne. Er ist Tür und Tor, Öffnung und Mund für den Schoß des Alls." (Heinrich Zimmer, Indische Mythen und Symbole, 102).
Die Bedeutung von Rad und Lotos bildet den Verständnishintergrund für den besonderen Sinn, den diese Ausdrücke in der Fachsprache des Yoga bekommen haben.

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2. Die chakras im Yoga

Chakra nennt man im Yoga nicht nur, aber vor allem entlang der Wirbelsäule, in Hals und Kopf gelegene Orte, in denen jeweils der ganze Mensch mit bestimmten Seinsmöglichkeiten in Bezug zur Welt und zum Göttlichen zentriert ist. Die Yogaübung zielt darauf mit Hilfe der in jedem Menschen schlummernden göttlichen Kreativität (kundalini, von kundala, zusammengerollt) die inneren Lotosblüten aufblühen zu lassen. In den Texten des Tantrismus werden bis zu 30 verschiedene chakras erwähnt. Sieben davon sind besonders wichtig.
Die im Mittelalter bis ins Detail ausgebildete indische Lehre von den chakras hat diese mit einer Fülle von Entsprechungen und Allegorien betrachtet, die in unserer Zeit und wohl auch schon damals im Einzelnen nur schwer in lebendige Erfahrung überführbar sind. Um heute einen schöpferischen und echten, nicht bloß eingebildeten Zugang zu den chakras zu gewinnen, ist es notwendig, den dogmatischen Ballast weitgehend beiseite zu lassen und auf die einfachen leiblichen Erfahrungen zurückzugehen, die der Lehre von den chakras und ihr verwandten Lehren aus anderen Kulturen zugrundeliegen.

3. Die der Lehre von den chakras zugrundeliegende Leiberfahrung

Man kann die chakras verstehen als leibliche Orte der Sammlung.
Was bedeutet Sammlung, Zentrierung? Was ist eine zentrierte Haltung oder Bewegung? Das ist geradeheraus schwer zu sagen. Fragen wir deshalb zunächst andersherum: Wie verhält sich jemand, der unzentriert ist?
Eine Form von Unzentriertheit ist das Zerstreutsein. Man tut dies und jenes, ohne recht dabei zu sein, vergißt Sachen, übersieht andere, verzettelt sich und kommt nicht weiter. Der Zerstreute ist immer woanders, aber auch dort nicht wirklich. Er ist irgendwie weg. Auch wenn jemand etwas Schockierendes, Überwältigendes aufregte, sagt man in der Umgangssprache "Er war ganz auseinander". Er war außer sich, völlig weg.
Das Unzentriertsein, Auseinandersein ist ein Wegsein, bei dem wir nicht selber da und anwesend sind. Wir sind bei anderem, ohne uns selbst mitzunehmen. Dem Verhalten fehlt die Verankerung in unserm Selbst. Es ist ruhelos und flüchtig, unbeständig.
Wenn es jemand gelingt, sich aus der Zerstreutheit oder Aufgeregtheit zurückzuholen, dann hat sie/er seine fünf Sinne wieder beieinander, ist wieder ganz da und kann sich die Zeit lassen, ruhig und achtsam wahrzunehmen und zu handeln. Diese Verfassung nennt man Zentriertheit.
Wer zentriert da ist, ist deswegen nicht isoliert. Zentrierung bedeutet nicht auf sich fixiert zu sein. Das zeigt sich an gehemmten oder depressiven Menschen, die auf ihre Weise ebenfalls unzentriert sind. Sie können sich nicht öffnen und aus sich herausgehen. Wo die Offenheit ausbleibt, kann auch die Mitte, um die sich die Offenheit sammelt und von der sie ausstrahlt, nicht zum Vorschein kommen.
Zentriert sind wir offener für anderes als in unzentriertem Zustand, aber das Offensein hebt uns nicht einfach so über uns hinweg, daß wir uns dabei verlieren, sondern so, daß wir selber mitgehen und dabei bleiben. Wir bleiben in uns verankert. Die Verankerung im Selbst ist nicht etwas, das man eigenmächtig herstellen und aufrechterhalten könnte. Das Insichruhen ist nur möglich als Aufruhen auf dem tragenden, göttlichen Grund, in dessen haltender Gegenwart das Selbst des Menschen erwacht.
Zentrierung als Verankerung der Offenheit ist etwas, das mit unserem Leib zu tun hat. Das Offen- bzw. Verschlossensein für unsere Welt und die Beziehungen in ihr ist immer leiblich. Und auch das Insichruhenkönnen und die Selbstpräsenz in der Bezogenheit auf anderes und aus dem göttlichen Geheimnis, ist ein leibliches Geschehen. Die Gesammeltheit ist nur wirklich vollziehbar, insofern wir leiblich verankert und offen sind.
Die leiblichen Orte, in denen zentriert wir unsere Weltoffenheit vollziehen, können unterschiedlich sein. Frage Dich nur: In welchem Leibbereich bin ich jetzt vor allem anwesend? Von wo aus bin ich leiblich da? Nach einem guten Essen wird der Verankerungsort des Weltbezuges vermutlich anders gelagert sein, als nach einem anstrengenden Arbeitstag, oder dem Anhören eines komplizierten Vortrages. Bestimmte Weltbezüge nehmen jeweils bestimmte Leibbereiche besonders in Anspruch. Wenn wir uns achtsam in einem bestimmten Teil unseres Leibes sammeln, geht uns damit sein Weltbezug auf, wir werden uns bewußt, was für Verhaltensweisen uns von dort aus leiblich offen stehen.
Das chakra als Verankerungsort eines Weltbezugs ist der Ort, wo uns die Welt auf diese besondere Weise trifft, uns angeht und besonders berührt. Wenn wir unabgelenkt auf so einen Ort gesammelt sind, dann bündelt sich unser ganzes Dasein in ihm, aber nicht so daß wir uns dort verschließen, sondern so, daß wir uns als dort leiblich Betroffene für das, was uns angeht, öffnen.

4. Die nadis

Das Wort nadi wird oft von der Wurzel nad abgeleitet, was einen hohlen Stengel, Klang, Schwingung, Resonanz bedeuten kann. Arthur Avalon zitiert eine indische Quelle, die nadi von dieser Wurzel nad ableitet und gibt dafür die Bedeutung "Bewegung, Antrieb" an. Die Herkunft von der Wurzel nad ist heute aber wissenschaftlich umstritten.
Nadi kann Röhre, Ader, Welle, Fluß bedeuten. In der indischen Medizin ist es eine Bezeichnung für die Blutgefäße. Die Anzahl und Einteilung der nadis variiert. Die Texte sprechen von 72000, 300000 und mehr nadis, die den Leib von Kopf bis Fuß durchziehen. Damit soll wohl nur gesagt werden, daß es unzählbar viele davon gibt. Vierzehn davon sind besonders wichtig und unter diesen Vierzehn ragen wiederum drei heraus, die im Hathayoga besonders wichtig sind: ida, pingala und sushumna. Darüber später noch mehr.
Man hat die nadis immer wieder als vorhandene Röhren verstanden, die entweder anatomisch nachweisbar sind, und den im Westen bekannten Adern, Nerven etc. entsprechen oder irgendwie feinstofflicher Art sind.
Nadi kann aber nicht nur die vorhandene Leitung sein, in der etwas fließt, sondern das Fließen selbst bedeuten, das sich seine Bahn im Fließen erst schafft. Von der Selbsterfahrung in der Yogapraxis ausgehend, wird man wohl der zweiten Deutung den Vorzug zu geben haben. Die nadis sind zuerst etwas in der Selbsterfahrung gegebenes. Sie meinen Weisen, wie uns unser Leib im Spüren zugänglich ist, keine objektiv feststellbaren, anatomischen Strukturen. Nadis sind Möglichkeiten der leiblichen Selbsterfahrung. Nicht dinghaft vorhandene Röhren, sondern die mannigfaltig strömende Lebendigkeit, die wir im eigenen Leib spüren. Sie sind in unserem Leibspüren erfahrbar, insofern sie erweckt, intensiviert und gelenkt werden, durch Bewegung, durch Atmung und Aufmerksamkeit. Sie existieren also nicht als feststellbare Gegenstände, sondern sind eine Art unseres Selbstvollzuges. Du bist deine nadis, sie sind Teil deines Seins. Nadis sind nicht Röhren in denen etwas fließt, sondern Richtungen des Fließens selbst als leibliche Regung. Ich spüre mich von da nach dorthin fließend, eine kontinuierliche Richtung lebend. Die nadis sind im Leibfeld wie Meeresströmungen im Ozean. Der Golfstrom und die anderen Strömungen verlaufen nicht in Röhren. Sie sind nur Richtungen des Strömens. Daß die Erfahrung des Fließens zentral ist für die nadis zeigt sich auch darin, daß die Haupt-nadis mit den Namen der heiligen Flüsse Indiens benannt werden: Ganga, Jamuna, Sarasvati.
Wichtig für den Yoga ist die Einsicht, daß die nadis besonders die sushumna meist verunreinigt, undurchlässig sind, was dem Fortschritt im Yoga im Weg steht. "Sind die nadis mit Unreinigkeiten angefüllt, so kann der Atem nicht durch die Mitte gehen. Wie soll da ... das Ziel des Weges erreicht werden." (Hatha Pradipika II, 4). Spezielle Reinigungsübungen bzw. Asanapraxis wirkt dem entgegen. Wenn die nadis verstopft sind, bleibt das fließende Sichöffnen des Leibes stecken, was u.a. zu verschiedenen Schmerzen, nervösen Symptomen und Krankheiten führt.
"Wenn aber das Reinigen der Nadis zustandekommt, so zeigen sich sicher auch äußerlich die Zeichen: Schlankheit und Schönheit des Körpers. Folge der Reinigung der nadis ist beliebiges Anhalten des Atems, Anfachung des Verdauungsfeuers und Krankheitslosigkeit." (Hatha Pradipika II, 18-19). Und weiter: "Wenn durch Pranayama die nadis gereinigt worden sind, dann kann die Atmung den Eingang der sushumna öffnen und in sie eingehen. Wenn der Atem in der Mitte verläuft entsteht Ruhe des Geistes." (ebd. 11, 41-42).

Die Füße Vishnus. In der esoterischen Überlieferung des Hinduismus enthalten die Ferse und die Großzehe feinstoffliche Kanäle, die nur den Nadis der Wirbelsäule an Bedeutung nachstehen. Durch die Nadis der Füße strömt die Ur-Energie in den Körper ein. Rajasthan, 18. Jh.
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© Die Abbildung stammt aus dem Buch: Ajit Mookerjee "Kundalini", Origo Verlag)

5. Ida, pingala und sushumna

Die drei Haupt-nadis sind, wie oben schon erwähnt, ida, pingala und sushumna. Ida bedeutet ursprünglich "Spende, Opfergabe", pingala "rotbraun" und sushumna "sehr gnädig, huldvoll".
Der Verlauf von ida und pingala wird unterschiedlich beschrieben. Nach einer Auffassung gehen sie aus dem unteren Ende der Wirbelsäule hervor und schlängeln sich ihr entlang nach oben, wobei sie von links nach rechts und von rechts nach links wechseln und sich in den chakras kreuzen. Eine ähnliche Darstellung läßt sie sich ebenfalls schlängelnd nach oben bewegen, aber so, daß sie sich nicht an den Orten der chakras kreuzen, sondern dazwischen. Nach einer dritten Auffassung laufen sie gerade nach oben, die eine links, die andere rechts von der Wirbelsäule.
Es gibt also keine genau festliegende Verlaufsform, sondern einen Spielraum von Möglichkeiten, wobei es immer darum geht, die Öffnung der linken und rechten Seite des Leibes zu erfahren. Diese Öffnung ist mit zwei gegensätzlichen Weisen des In-der-Welt-Seins verbunden, zwischen denen der Fortgang des Lebens hin- und herschwingt. Mit unserer linken Seite sind wir anders da, wohnen wir dem Raum anders ein, als mit unserer rechten. Mit dem linken Bein gehen wir anders, als mit dem rechten. Die eine Hand handelt nicht wie die andere. Das linke Auge sieht anders als das rechte. Wann hörst Du mehr mit dem rechten, wann mehr mit dem linken Ohr hin?

Detlef Lauf - Das Bild als Symbol im Tantrismus - Moos Verlag

Die Art und Weise des linksseitigen und rechtsseitigen Daseins werden in der Lehre von ida und pingala näher charakterisiert, indem eine Reihe von Entsprechungen angegeben wird. Die häufigsten symbolischen Namen für ida und pingala sind Sonne und Mond. Auch mit Tag und Nacht werden sie verglichen. Ida wird der linken Seite zugeordnet und als weiblich, kühlend und von blasser Farbe beschrieben. Der ursprüngliche Wortsinn "Opfergabe" weist auf die Fähigkeit der Hingabe. Der Akzent dieses inneren Strömens liegt auf Rezeptivität, Empfänglichkeit, Ruhe. Ida steht für unsere Nachtseite, die erholsame Kühle, den Schlaf und das Träumen. Pingala ist zur rechten Seite gehörend, männlich, leuchtend rot und erwärmend. Das erhitzende Tätigsein, Aussichherausgehen und (Er-)zeugen, die Tagseite unseres Lebens wird angesprochen.
Sushumna verläuft immer in der Mitte, manchmal in, manchmal vor der Wirbelsäule. Sie leuchtet in reinem Weiß und ist der leibliche Austragungsort einer Seinsweise, die über die mit den beiden anderen nadis verbundenen Möglichkeiten hinausführt. Ihr Name besagt, daß sie ein Ort der Gnade, also der Gotteserfahrung ist. Deshalb wird sie auch brahma-nadi genannt. Während das Wechselspiel der beiden anderen nadis unser zeitliches Dasein ausmacht, ist sushumna das Strömen, das die Zeit verzehrt, indem es zur Quelle der Zeit in der Ewigkeit zurückfließt.
Die zentrale Idee, die in den verschiedenen Yoga-Texten immer wiederkehrt, ist die, daß man die beiden seitlichen nadis vereinigen soll, um dadurch sushumna, die Mitte, aufleben zu lassen. Damit sind wir wieder bei der Erfahrung der leiblichen Zentrierung angelangt, die uns schon als Verständnisschlüssel für die Lehre von den chakras diente. Wo der Mensch sich gesammelt im Gleichgewicht hält, erfährt er sich als nicht zerrissen in links und rechts, d.h. in die verschiedenen Kräfte seines links- und rechtsseitigen Daseins, auch nicht als zwischen beiden haltlos hin und her schwankend, sondern als in sich geeintes Wesen, das frei von Einseitigkeit aus der Mitte lebt. Von dort aus sind wir zugleich frei für die Entfaltung und das Zusammenspiel unserer konträren Seinsmöglichkeiten, ohne ihnen verhaftet zu sein.

Literatur:

Die Literatur zum Thema ist uferlos und von unterschiedlichster Qualität. Zur Lektüre seien hier nur die einschlägigen Kapitel aus: Berufsverband Deutscher Yogalehrer (Hrsg.): Der Weg des Yoga. Handbuch für Übende und Lehrende, Petersberg 1991, empfohlen. Dort findet man auch weitere Literaturhinweise.


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