Zwei verschiedene Menschen

von Ernst Adams

Es war einmal ein Atheist. Der lebte schon seit langem in einem Raum, welcher nur ein Fenster hatte. Dieses Fenster war schon seit vielen Jahren innen so sehr mit Staub bedeckt, daß es kaum noch Licht durchließ und es in dem Raum sehr düster war. Eines Tages kam dem Atheisten, der sich zwar an die Dunkelheit gewöhnt hatte, aber sehr unglücklich war, die Idee, am Fenster zu reiben. Mit viel Mühe konnte er die Schmutzschicht teilweise entfernen, und es fiel etwas von der Helligkeit des Tages in sein Zimmer. Der Mann war froh über seine Entdekkung und stolz auf seine Leistung. Er glaubte, er habe durch das Reiben am Fenster in seinem Raum Licht erzeugt. Er verstand das ganze zwar nicht, aber von nun an rieb er regelmäßig am Fenster und fand, daß damit sein Leben nicht mehr ganz so unerträglich sei.
In einem anderen Raum mit einem ähnlich beschmutzten Fenster lebte ein Mann, der an Gott glaubte. Trotz seines Glaubens, der im Lauf der Zeit nachgelassen hatte, war auch er sehr unglücklich. Obwohl er sich mit der Dunkelheit inzwischen abgefunden hätte, begann er eines Tages ohne eine bestimmte Absicht, das Fenster mühsam zu reinigen. Als es in seinem Zimmer allmählich heller wurde, war er überglücklich über seine Entdeckung und dankbar. Er erkannte, daß das Licht draußen schon immer dagewesen war und nun seinen Raum erfüllte. Er mußte nur den Weg frei machen.
Er starb als ein glücklicher Mensch.


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