Einführung in Pranayama von B.K.S. Iyengar

Übersetzung von Rita Keller

Teil IV

Die Kunst der Einatmung

Bevor wir im Pranayama mit "puraka" (Einatmung) beginnen, machen wir unsere Lungen und unser Gehirn passiv, indem wir den verbliebenen Atem mit Hilfe von "rechaka" (Ausatmung) abgeben.
Der Grund für das passive Abgeben des inneren verbliebenen Atems ist Bewußtsein im "prajna" zu schaffen, damit es das Element "Äther" erreicht und darüber hinaus Bereiche, die bekannt sind als "chidakasha oder hradyayakasha oder citishakti oder atmashakti". Dieses Gefühl erzeugt einen Zustand passiver Stille und Leere (shunya) in den Lungen sowie in der Intelligenz des Gehirns. Gleichzeitig wird eine passive Wachsamkeit (ashunya) im Sitz von "purusha" (der Intelligenz des Herzens) erfahren.
In diesem Augenblick verschmelzen shunya und ashunya miteinander, ein Zustand, bei dem alle 5 Elemente und vayus enger zueinanderkommen wie die Blütenblätter des Lotus, die sich schließen, wenn die Sonne untergeht.
In diesem Zustand von Frieden errichte die Deiche an den Toren von "puraka", um, ohne den Körper zu verhärten oder Schärfe im Klang zu erzeugen, die Energie der atmosphärischen Luft hereinzulassen.
Dann, beim puraka, beobachte feinfühlig wie diese "Vishva-chaitanya-shakti" in Kontakt mit "purusha" kommt, den Elementen Äther (Raum, Chitta), Luft (Berührung, Tastsinn, Intelligenz), Feuer (Bildung und Bewegung von Bewußtsein), Wasser (physiologisches Gleichgewicht von Luft) und Erde (Fülle und Festigkeit).

EINATMUNG AUSATMUNG
verwandelt vishva chaitanya shakti in vaiyaktika shakti verwandelt vaiyaktika shakti in vishva chaitanya shakti
die kosmische Energie vereinigt sich mit der individuellen Energie die individuelle Energie vereinigt sich mit der kosmischen Energie
purusha zu prakriti prakriti zu purusha
Äther zu Erde Erde zu Äther
führt zu Hridayakasha führt zu Mahadakasha

Das bedeutet, daß "puraka" zuerst mit "purusha" kommuniziert, dann folgt "citta, buddhi, ahamkara, manas, jnanendriya und karmendriya". Danach berührt es den inneren Raum (akasha), kommt dann durch Ausdehnung in Kontakt mit der "sukshma sharira" bestehend aus "citta, buddhi, ahamkara und manas" (vayu und tejas).
Von hier beginnt es zu expandieren (ap tattva) und umhüllt "karyasharira" oder "annamayakosha", den anatomischen Körper (pritvi tattva).
Wenn sich die latente innere "shakti" und "vishva-chaitanya-shakti" vereinen und ihre Identitäten verlieren, ist "puraka" vollständig. Dann expandieren alle Elemente im Körper und werden auf dynamische Weise aktiv.

Die Kunst der Ausatmung

Bevor die Ausatmung (rechaka) einsetzt, verwandelt sich die eingezogene Energie in individuelle Energie (valyak-tika shakti). Die Deiche auf den Wangenknochen werden in umgekehrter Reihenfolge zu der von "puraka" aufgebaut.
Im Prozeß von "rechaka" wird "prajna-purusha" erlaubt, sich mit Hilfe der Elemente Wasser, Feuer und Luft (feinstofflicher Körper) vom Element Erde (grobstofflicher Körper) zum Element Äther (kausaler Körper) hin zu bewegen.
Dann wird die Energie, die immer noch innerhalb des Körpers verweilt, unbewußt weiter bewegt, so daß der "sadhaka" nicht nur den Glanz von "purusha" verspürt, sondern die Vereinigung von "chidakasha" innerhalb des Körpers und "mahadakasha" außerhalb des Körpers.
Beim "puraka" berührt "shakti" zunächst als Objekt das feinste Element Äther und am Ende das grobstoffliche Element Erde und verwandelt sich zum Subjekt. Beim "rechaka" verläßt dieselbe "shakti" als Subjekt das grobstoffliche Element (pritvi tattva) und bewegt sich zum feinstofflichen Element, auch "akasha" genannt.
"Vyana vayu" hält die anderen Elemente fest, um sowohl beim "puraka" als auch beim "rechaka" die "shakti" mit Weichheit zu empfangen und loszulassen.
Beim "puraka" dehnen sich alle Elemente mit "purusha" aus und beim "rechaka" ziehen sie sich zurück um einen Status von Passivität zu erreichen und um innerhalb von "purusha" zu verschmelzen.
Am Ende von "puraka", bevor "rechaka" einsetzt, sowie am Ende von "rechaka" bevor "puraka" einsetzt, spürt man die Ganzheit (purnata).
Dieses "purnata" ist nichts anderes als das Strahlen von Göttlichkeit.

Die Kunst des Kumbhaka

"Kumbhaka" ist allgemein als das Anhalten des Atems oder als Pause zwischen "puraka-rechaka" und "rechaka-puraka" bekannt.
Die Zeit oder der Raum zwischen diesen zwei Bewegungen wird "kumbhaka" genannt. In der Praxis ist es jedoch die Kunst mit Stetigkeit und Ruhe die Funken von Göttlichkeit, die nach "puraka" und "rechaka" aufleuchten, festzuhalten und zu verlängern. Das ist "kumbhaka".

Vorsicht:

Übe keine "kumbhakas", bevor Du Dich nicht in "puraka" und "rechaka" gefestigt hast. Achte darauf, daß während des Übens von Pranayama weder ruckhafte Bewegungen noch Störungen in den inneren Elementen des Körpers entstehen.

Halte eine gute Balance zwischen Aktivität, Passivität, Beweglichkeit und Festigkeit.

In dem Augenblick, wo Du Störungen spürst, gibt es Turbulenzen in der "vishva-chaitanya-shakti" die nicht nur die Ruhe in den 5 "vayus", sondern auch in den 5 Hüllen des Körpers verursachen und Erschöpfung, Zittrigkeit und Angst zur Folge haben.

Es gibt 2 Arten von Kumbhaka:
"Antara-Kumbhaka" (Anhalten nach puraka) und "Bahya-Kumbhaka" (Anhalten nach rechaka). Sie wiederum haben Qualitäten wie "willentlich" und "unwillentlich" (nähere Einzelheiten siehe "Licht auf Yoga").

"Antara-kumbhaka"
Beim "antara-kumbhaka" oder Anhalten nach der Einatmung, unterstützen "vyand" und "samand" mit Hilfe von "apand" die eingesogene "shakti" und "prajna" und "udhana" stützen, während die Deiche greifen und halten.
In diesem "kumbhaka" werden "prakriti" und "purusha" auf dynamische Weise als eine einzige Einheit ruhig gehalten, und zwar gleichzeitig als Zuschauer und als Handelnde.

"Bahya-Kumbhaka"
Beim "bahya-kumbhaka" oder Anhalten nach der Ausatmung, hält "vyana", unterstützt "udhana", beruhigt "sainana" und unterstützt "apana" das "prana". "Apana" und "prana" kommen so ganz dicht zusammen, damit sich alle fünf Elemente und fünf Hüllen des Körpers nach innnen zu "purusha" bewegen, und um als passive Zuschauer einen passiven Zustand von Frieden (Ruhe) zu erfahren.
Beim Pranayama wird der Kontakt oder die Berührung mit Energie von der Intelligenz (sparsha) gespürt, wobei die Intelligenz das Element Luft ist.
Vibrationen im Pranayama (shabda) oder der Klang des Atems wird vom Element Äther wahrgenommen. Diese 2 Elemente spielen eine größere Rolle beim genauen Erlernen von Pranayama. Den Atem so zu formen, daß er den Körper erfaßt, ist die Aufgabe des Elementes Feuer und die Nivellierung der Energie wird angepaßt vom Element Wasser.

FUNKTIONEN von PRANA und ELEMENTE im PRANAYAMA
5 Elemente (Panch Mahabhuta) Panchvayus Einatmung (Puraka) Antara Kumbhaka (Halten nach Einatmung) Ausatmung (Rechaka) Bahya Kumbhaka (Halten nach Ausatmung)
Erde Apana Sprungbrett hilft vyana / samana hilft vyana hält/ unterstützt
Wasser Pana Gefäß hält passiv kommt apana nahe
Feuer Samana Bewegung um Apana zu helfen unterstützt d. eingezogene Energie wird beruhigt wirkt beruhigend
Luft Vyana spreizt, dehnt aus unterstützt d. eingezogene Energie hält / wandelt um hält
Äther Udhana endet greift / stützt kontrolliert / gibt frei stützt

Das Element Erde gibt Stabilität. Das heißt, daß beim Pranayama alle Elemente und alle vayus im Einklang miteinander arbeiten.
Wenn beim Üben von Pranayama das Element Erde gestört wird, dann spürt man ein Zittern in den Nerven und "pranavayu" wird schnell eingezogen. Wenn das Gehirn und die Augen unter Spannung stehen, ist das Element Feuer zu aggressiv oder "samana vayu" wird zu stark aktiviert.
In diesem Fall mußt Du lernen "vyana vayu" zu gebrauchen. Denn "vyana vayu" sorgt dafür, daß die anderen Elemente stabil bleiben. (S. Tabelle oben)

PRANAYAMA: Ein Quell von Karma, Jnana und Bhakti:

So wie Materie für Handlung (karma) steht, Energie für Wissen (jnana) und das Leben im Bewußtsein von Göttlichkeit für "bhakti", wird Pranayama zur Quelle von karma marga, jnana marga und bhakti marga. Karma marga lehrt die Kunst zu Sitzen, die Kultivierung der Deiche, den Einsatz des Körpers und die Anpassung der fünf Elemente, der fünf tanmatras und fünf vayus. Jnana marga lehrt puraka und antara kumbhaka. Bhakti marga lehrt rechaka und bahya kumbhaka. Wenn man Öl von einem Gefäß in ein anderes gießt, fließt es sanft ohne Spritzer. Achte darauf, daß auch die ein- und ausströmende vishva-chaitanya-shakti so fließt wie das Öl, das von einem Gefäß ins andere gegossen wird. Der Körper ist das Gefäß. Puraka-rechaka ist das Öl und "purusha" hält das Gefäß.

Karma
(Handlung)
Jnana
(Wissen)
Bhakti
(Funken von Göttlichkeit)
| | |
Panch Vayu Antara Kumbhaka
(Halten nach Einatmung)
Ausatmung
(Rechaka)
+ + +
5 Qualitäten der Materie
(Panch tanmatra)
Einatmung
(Puraka)
Bahya Kumbhaka
(Halten nach Ausatmung)
+    
5 Elemente
(Panch Mahabhutas)
   
| | |
P R A N A Y A M A

Das Öl, das Gefäß und der Halter des Gefäßes sollen im Einklang miteinander gehen und sich entsprechend anpassen. Dies ist das Geheimnis um Pranayama zu meistern. Patanjali spricht vom Sieg über die "vayus" und ihre Auswirkungen im 3. Kapitel Sutra 40-44. Folglich wird das Üben von Pranayama zum homa-kunda, zum geheiligten Platz für Prana, um Bewußtheit in buddhi und citta zu erwecken, um purusha als prajna-purusha zu erfahren und zwar nicht als Objekt sondern als Subjekt und dann jene prajna-purusha dem höchsten Gott hinzugeben. Es ist eine Reise von der Materie zum Bewußtsein und vom Bewußtsein zu Gott. Das Gefährt, das Dich vom Nullpunkt des Lebens zum Zenit der Vereinigung mit Gott trägt, ist "Prana". Das ist der Grund für die Bedeutung von Pranayama.


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