Flow - und die Bewußtseinsschulung im Yoga

von Willi Kiechle

Willi Kiechle ist Yoga-Lehrer SKA, unterrichtet u.a. im Studio für Iyengar-Yoga München und hat seine Diplomarbeit (Sozialpädagogik) zum Thema "Yoga - Lernen im Leben aufzugehen (Über die Erlernbarkeit der Fähigkeit zum Flow-Erleben)" geschrieben. Der Artikel ist eine Kurzdarstellung dieser Arbeit.

Teil 1

Als Yoga-Übender bin ich immer wieder fasziniert, welche Wirkung die Asana- und Pranayama-Praxis auf meine Gemütsverfassung hat. Diese Glücksmomente der kraftvollen Stille und diese wache, aufmerksame Klarheit im Fluß der Übung habe ich sehr zu schätzen gelernt. Ich verstehe Iyengar-Yoga als Weg zur ganzheitlichen Veränderung. Führt man eine künstliche Unterscheidung in Körper- und Geistesschulung ein, läßt sich sagen: Iyengar-Yoga ist eine Körperdisziplin, die gezielt (neuro-) physiologische Zusammenhänge nutzt, um Veränderungen im Bewußtsein einzuleiten. Und genauso: Iyengar-Yoga ist eine Aufmerksamkeit- und Geistesschulung, die erhöhte Bewußtheit und Geisteskraft gezielt einsetzt, um die Körperstruktur optimal zu verbessern. Körper und Psyche sind untrennbar miteinander verwoben.

Dieser Artikel betrachtet allein die Veränderung des Bewußtseins. Als psychologisch interessierter Mensch habe ich lange nach Erklärungen gesucht, für diese wunderbaren Veränderungen in meinem Wahrnehmen, Denken und Fühlen, die sich häufig beim Üben einstellen und noch einige Zeit nachklingen. Wodurch verändert sich das Gemüt in Richtung Klarheit, Zufriedenheit und Verbundenheit mit allem Seienden? Was trägt dazu bei? Was verhindert es? Wie muß ein Yoga-Unterricht aussehen, in dem dies gefördert wird?
Die "Flow-Theorie" von Csikszentmihalyi hat mir dabei einiges erklärt. Sie kann m.E. einen theoretischen, psychologischen Hintergrund für Teilaspekte der Iyengar-Yoga-Praxis liefern.

Die Flow-Theorie

Die Flow-Theorie von Mihaly Csikszentmihalyi (sprich: Tschick Sent Mihaji) beschreibt die Freude am Tun, das glückliche, selbstvergessene Aufgehen in einer Tätigkeit.
Csikszentmihalyi lehrt Psychologie an der "University of Chicago". Er begann Anfang der 70er Jahre mit der Fragestellung: Was bewegt die Menschen dazu, viele scheinbar nutzlose, nicht auf den Lebensunterhalt gerichtete Dinge (wie z.B. Spielen, sportliche und künstlerische Aktivitäten) zu tun?
In seiner ersten größeren Untersuchung befragte er Kletterer, Komponisten, Tänzer, Schachspieler, Basketballspieler, aber auch Chirurgen nach ihrer Motivation und ihrem subjektiven Erleben bei der jeweiligen Tätigkeit.
Er fand heraus, daß der Hauptbeweggrund in der Aktivität selbst liegt und an der Freude, die daraus entsteht, wenn man sich selbst ganz in dieses Tun hineingibt. Diesen Zustand nannte er "flow" (von engl. fließen).
Flow-Aktivitäten sind demnach nicht oder nicht erstrangig durch äußere Ziele und Belohnungen (wie z.B. Geld, Ruhm, Macht, Anerkennung) motiviert, sondern werden um ihrer selbst willen getan und in sich selbst als lohnend empfunden. Das Eintauchen in das Erleben hat kein äußeres Ziel und wird somit auch als autotelisch (von griechisch: auto = selbst und telos = Ziel, Absicht) bezeichnet. Das Handeln selbst ist das Ziel. Je tiefer man in dieses selbstlose Tun eintaucht, desto erfüllender wird es.
Csikszentmihalyi hat in seinen weltweiten Studien acht charakteristische Merkmale beschrieben, die ganz oder teilweise flow-Erlebnisse begleiten:
Aufgabe an die Leser: Bitte prüfe selbständig, inwieweit sich die acht Aspekte in Deiner Yoga- und Lebenspraxis wiederfinden!

(1) Klarheit der Ziele, unmittelbare Rückmeldung

In einer Situation, in der klar ist, was zu tun ist, und man sofort merkt, wie erfolgreich man handelt, ist es leichter flow zu erreichen.
z.B.: Der Kletterer, der an der Felswand hängt, will nach oben, nichts anderes. Er spürt unmittelbar nach jedem Griff und jedem Tritt, ob er hält oder nicht. Entweder er kommt seinem Ziel ein Stück näher, oder er stürzt ab.
Klare, eindeutige Handlungsanforderungen erleichtern es, sich ganz auf das Geschehen einzulassen.

(2) Die optimale Herausforderung

Bietet eine Situation eine optimale Herausforderung, ist es leichter in den flow zu gelangen. Flow ereignet sich in der Mitte zwischen Angst einerseits und Langeweile andererseits. Das bedeutet: Ein Mensch erlebt leichter flow, wenn er sich einer Aufgabe widmet, die er bewältigen kann, die jedoch seinen vollen Einsatz und seine gesamte Aufmerksamkeit erfordert. Andernfalls reagieren wir mit Angst, Sorge und Unsicherheit, wenn wir überfordert sind und mit Langeweile und Frustration, wenn wir uns unterfordert fühlen.

(3) Gesammelte Aufmerksamkeit auf ein beschränktes Reizfeld

Entscheidend für flow ist die vollkommene Konzentration auf die momentane Aufgabe. Dazu ist es notwendig, daß man ganz bei der Sache ist, nur das wahrnimmt, was unmittelbar damit zu tun hat und alles andere ausblendet.
Z.B.: Der Schachspieler fokussiert seine Wahrnehmung allein auf das Schachbrett. Alle anderen tätigkeitsirrelevanten Reize, Gedanken und Gefühle verschwinden nahezu vollständig aus dem Bewußtsein. Als Folge davon fühlt man sich im flow frei von alltäglichen Sorgen und Nöten.

(4) Handeln und Bewußtsein verschmelzen

Die Einheit von Handlung und Bewußtsein ist eine Steigerung der "gesammelten Aufmerksamkeit" und gilt als das deutlichste Kennzeichen von tiefen flow-Erlebnissen. Im flow ist es so: Du bist hellwach und du bist, was du tust. Da ist nichts dazwischen, kein Ego, das bewertet, nichts.
Obwohl flow-Aktivitäten nicht selten große körperliche und geistige Anstrengung erfordern, stellt sich häufig ein Gefühl der "Leichtigkeit" ein. Die Energie fließt mühelos, die Handlungen werden spontan, fast automatisch. Nahtlos reiht sich eine scheinbar mühelose Bewegung an die nächste in einem kontinuierlichen Strom der Aufmerksamkeit.

(5) Gefühl von Kompetenz und potentieller Kontrolle

Das Gefühl der Kompetenz und Kontrolle erwächst aus dem Eindruck, der Situation gewachsen zu sein. Wer im flow ist, mißt sich an der gestellten Herausforderung, wächst dabei oft über sich hinaus, spürt seine eigene Kraft und hat dann das Gefühl, seine Handlungen und ihre unmittelbare Umwelt unter Kontrolle zu haben.

(6) Selbstvergessenheit, Selbsttranszendenz

Gelingt es, sich vollkommen von der Handlung absorbieren zu lassen, verschwindet das "Ich" oder "Ego" vorübergehend, was meist mit einem großen Glücksgefühl einher geht.
Wird dieses abgrenzende, trennende Konstrukt des "Ich" einmal fallengelassen, entsteht eine ganz ursprüngliche, unmittelbare und befreiende Verbindung zur Umwelt. Beispiel: Eine Münchner Studentin beim indischen Kathak-Tanz:

"Man fühlt sich frei und grenzenlos! Ich glaube das beschreibt einfach alles. Es ist ein zeitloses Glücksgefühl. Während des Tanzens bist du so in der Konzentration, daß du dir gar nicht bewußt bist, daß du glücklich bist. Aber der Zustand hält an. Wenn ich dann auf die Straße gehe... - man fühlt sich so riesengroß, als ob man einfach abhebt; du fliegst davon und bist dennoch fest verwurzelt. Mit jedem Einatem hast du das Gefühl, alles um dich herum in dich einzusaugen; es lebt einfach alles, es schwingt alles, alles ist in Ordnung, alles paßt. Ich möchte dann überall gleichzeitig sein, ich könnte die ganze Stadt umarmen."

(7) Verändertes Zeitgefühl

Als Begleiterscheinung von flow-Episoden findet man häufig ein verändertes Zeitempfinden. Nach tiefem flow scheint die Zeit oft wie im Flug vergangen zu sein. Da die Aufmerksamkeit gänzlich auf den gegenwärtigen Augenblick ausgerichtet ist, wird dieser als besonders intensiv erlebt und der größere Zeitzusammenhang geht vorübergehend verloren.

(8) Autotelisches Erleben

Ein abschließendes und übergreifendes Charakteristikum von flow ist, daß es autotelisch ist. Du tust etwas, weil das Tun selbst Freude bereitet. Du gibst dich ganz in diese Aktivität hinein, ohne davon irgendwelche positiven Resultate zu erwarten. Das Tun allein genügt dir vollkommen (z.B. spielende Kleinkinder). Ist eine Handlung hauptsächlich durch äußere Ziele, wie z.B. Lob, Anerkennung, Erfolg etc. motiviert, verhindert dies tiefen flow.

Vielleicht hast Du die acht flow-Merkmale in Deiner Yoga-Praxis bzw. in anderen Situationen wiedererkannt oder Dir ist klar geworden, was Dich darin hindert ganz in dem aufzugehen, was Du tust?

Flow ereignet sich in ganz unterschiedlicher Tiefe. Die Spanne reicht vom spielerischen Kritzeln auf einem Stück Papier bis hin zu überwältigenden, transzendenten Erfahrungen. Aus den Studien von Csikszentmihalyi geht hervor, daß häufige flow-Episoden ein maßgeblicher Bestandteil eines gesunden, glücklichen und erfüllten Lebens sind.
Untersuchen wir jetzt die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von flow und Yoga.

Yoga und flow im Zusammenhang

Was sagen Csikszentmihalyi und Iyengar über Yoga und flow? Csikszentmihalyi kommt selbst nach einer kurzen Betrachtung des Yoga zu dem Schluß, daß dieser Übungsweg mit seiner flow-Theorie viel gemeinsam hat:

"Die Ähnlichkeiten zwischen Yoga und flow sind außerordentlich; es ist sogar sinnvoll, sich Yoga als eine sehr sorgfältig geplante flow-Aktivität vorzustellen. Beide zielen darauf ab, ein freudiges, sich selbst vergessenes Einssein durch Konzentration zu erreichen, die wiederum durch Körperdisziplin ermöglicht wird."

B.K.S. Iyengar beschreibt typische flow-Erlebnisse (vermutlich ohne sich mit Csikzentmihalyi's Theorie befaßt zu haben) und setzt sie in Beziehung zu Yoga und Samadhi:

"Auch ein Musiker, der sich ganz an seine Musik verliert, oder ein Erfinder, der etwas entdeckt, wenn sein Ego ausgeschaltet ist, oder ein Maler, der sich mit Farbe und Pinsel transzendiert, sie alle erleben eine Ahnung von Samadhi. Ähnlich ist es für den Yogi: Wo der Gegenstand seiner Meditation mit ihm, dem Meditierenden, identisch wird und alles Ichgefühl erlischt, befindet er sich im Samadhi-Zustand.

Nach dieser Aussage von Iyengar vermitteln tiefe flow-Erlebnisse eine "Ahnung von Samadhi". Folglich handelt es sich bei flow und Samadhi um ähnliche Bewußtseinszustände, die sich zwar in Qualität und Tiefe unterscheiden mögen, jedoch in die gleiche Richtung führen - hin zu der beglückenden Erfahrung der Nicht-Dualität. Daher fasse ich im Folgenden flow und Samadhi unter dem Begriff "Sammlung" (samyama) zusammen.
Ein detaillierter Vergleich der flow-Theorie mit den Yoga-Sutras des Patanjali ergibt zahlreiche Gemeinsamkeiten aber auch Unterschiede. Hier ein kurze Zusammenfassung:
Beide Ansätze streben nach Transzendenz und einer autotelischen Lebensweise. Ethische Werte und bestimmte Persönlichkeitsmerkmale (Yama und Niyama) erscheinen hilfreich dabei. Die konkrete körperliche Erfahrung oder Übung (Asana), ist für viele Menschen der beste Zugang dazu. Der Ausschluß ablenkender Reize (Pratyahara) bildet die Voraussetzung für die Aufmerksamkeitszentrierung in der Gegenwart. Das "Verschmelzen" des Bewußtseins mit dem aktuellen Geschehen (Samyama) erfordert Hingabe, welche durch ein selbstsicheres Ich erleichtert wird. Dieses transzendente Erleben, bei dem das Ich zurücktritt, wird meist begleitet von Glücksgefühlen und verändertem Zeitempfinden.
Der Hauptunterschied liegt darin, daß Yoga über das subjektive Erleben hinausgeht und auf die Erkenntnis der letzten Wirklichkeit abzielt, was nach der Yoga-Philosophie absolute Freiheit (kaivalya) und das Ende des Leidens bedeutet, während tiefer flow im Regelfall nur ein unreflektierter, transzendenter Glückszustand ist.
Eine weitere Verschiedenheit liegt darin, daß die flow-Theorie vorwiegend die Beschreibung eines psychologischen Phänomens ist, während die Yoga-Sutras einen aus Erfahrung gewachsenen systematischen Schulungsweg anbieten, der auf Grundwerten basiert und Irrwege zu vermeiden sucht.
Zudem ist die flow-Theorie stark aktivitätsbezogen, während Patanjali's Yoga auf die kontemplative Schau der eigenen Wesensnatur gerichtet ist. Der moderne Hatha-Yoga hingegen vereint in sich aktive und kontemplative Elemente. Aus der Zusammenschau wird deutlich, daß der Zustand der Sammlung weder an aktives Tätigsein noch an stille Kontemplation gebunden ist. Die herausfordernde Aktivität - wie im Iyengar-Yoga - ist nur eine Hilfe, um die gesamte Aufmerksamkeit an das Gegenwärtige anzubinden. Diese Sammlung wird auch in der stillen Meditation angestrebt, jedoch verlangt dies wiederum ein weit höheres Maß an innerer Disziplin und Kontrolle über das Bewußtsein. Vollständig im Hier und Jetzt präsent zu sein, ist eine Lebensaufgabe.
Wie erreichen wir nun diesen Zustand der Sammlung in unserer Yoga-Praxis?

Die zwei Faktoren der Sammlung

Wie bereits angeklungen, sind für den Zustand der Sammlung zwei Faktoren von Bedeutung: Die Situation, in der ich mich befinde und meine persönliche Fähigkeit mich zu sammeln.
Aus der flow-Theorie geht hervor, daß es dem Menschen dann am leichtesten gelingt, seine Aufmerksamkeit zu bündeln und mit der Handlung zu verschmelzen, wenn er einer Situation ausgesetzt ist, die seine volle Aufmerksamkeit und Beteiligung aktiviert. Ein Motorradrennfahrer beispielsweise ist gezwungen "ganz bei der Sache zu sein", da er sonst Gefahr läuft, Leib und Leben zu verlieren. Es sind z.B. die Lust an Bewegung und Spiel, die Gefahr beim Extremsport, die Faszination in der Kunst oder die Verantwortung des Chirurgen, die helfen können in gesammelter Aufmerksamkeit präsent zu sein. In Situationen, die einen vollkommen absorbieren bleibt einfach keine Energie übrig, ein selbstreflektives oder "träumendes" Ich zu nähren.
Somit kann eine herausfordernde Asana-Praxis und ein strenger Lehrer eine gute Hilfe sein, die Konzentration zu bündeln und die wache Aufmerksamkeit im gegenwärtigen Geschehen zu halten. B.K.S. Iyengar beschreibt das auch als Methode und Ziel seiner Arbeit:
"Bei meiner Lehrmethode, in deren Rahmen ich euch durch viele Stellungen nacheinander führe, halte ich euch zwei oder drei, manchmal auch vier Stunden fest und erlaube eurem Geist nicht, woandershin zu wandern."
Zum anderen gibt es Menschen, die sich ein hohes Maß an der Fähigkeit aufmerksam und gesammelt zu sein, bewahrt oder wiedererlernt haben und sich somit häufig bei ganz alltäglichen Handlungen im Zustand der Sammlung befinden (z.B.: Zenmönch beim Abspülen).
Worum geht es bei unserem Üben? Zunächst geht es darum, überhaupt einmal den beglückenden Zustand der Sammlung zu "schmecken" und ihn dann zu vertiefen. Einer Studie von Csikszentmihalyi zufolge kennen viele Erwachsene diesen Zustand der völligen Konzentration und Selbstvergessenheit überhaupt nicht oder erleben ihn äußerst selten. Somit bietet sich an - entsprechend den flow- Kriterien - einen Yoga-Unterricht zu gestalten, der optimale Bedingungen schafft, um flow zu erleben. Es ist ein Geschenk in einer guten, fließenden Übungsstunde, die optimale Bedingungen dafür schafft, den Zustand der Sammlung zu erahnen oder gar zu erfahren und auch die Zeit danach zu genießen.
Jedoch was nützt es mir für den Alltag, wenn ich nur in Situationen gesammelt sein kann, die weder langweilig noch bedrohlich sind, die eine klare, überschaubare Struktur bieten und die meine Aufmerksamkeit ohnehin fesseln? Nicht allzuviel. Deswegen muß der Yogaunterricht auch so angelegt sein, daß er Fähigkeiten schult, die wir brauchen, um im Alltag aufmerksam, bewußt, und verantwortungsvoll als Teil des Ganzen leben zu können.

Dazu mehr im 2. Teil im nächsten "abhyasa" mit dem Thema: Flow - und die konkrete Gestaltung des Yoga-Unterrichts.


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