Iyengar-Yoga, ein Adhyatmik Sastra

von Prashant Iyengar

(Dieser Artikel basiert auf einem Vortrag von Prashant Iyengar im Jahr 1995 und auf einem Interview mit ihm, das von Patricia Walden und Francie Ricks 1996 geführt wurde. Es wurde redaktionell von Francie Ricks und Prashant Iyengar bearbeitet und aus dem Englischen übersetzt von Michael Forbes. Zuerst im Iyengar Yoga Institute Review, San Francisco, erschienen. Verwendung des Materials mit deren Genehmigung.)

Yoga ist ein adhyatmik sastra, eine spirituelle Wissenschaft. Das, was wir üben, was wir Iyengar-Yoga nennen, ist adhyatmik oder spirituell.

Asana und Pranayama, unsere Hauptübungspraktiken, können so weit verfeinert werden, daß sie die gesamte spirituelle Welt umfassen. Es kommt nur auf unsere Einstellung an, und darauf, wie wir in unserer Praxis vorgehen. Wir haben Glück, daß das Iyengar-Yoga-System die Asanas und Pranayamas mit einer solchen Tiefe behandelt, daß die Asanas reflektiv, meditativ und spirituell werden können. Patanjali beschreibt in seinem Yoga Sutra den Effekt von Asana keinesfalls als körperlich. Er meint "der Effekt der Beherrschung von Körperhaltung ist die Überwindung von Dualitäten". Diese Dualitäten sind nicht nur physikalisch wie heiß und kalt, sondern auch mental-geistig: Ehre und Unehre, Schmerz und Genuß, Erfolg und Mißerfolg, Fröhlichkeit und Mißlaune, Liebe und Haß, Freude und Trauer, Zuneigung und Abneigung. Folglich ist der Effekt der Asanas, daß die Verwirbelungen des Lebensalltags den Geist nicht mehr stören.

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Sarvangasana

Als Lehrer und Schüler des Iyengar-Yoga hören wir immer wieder, daß unsere Praxis körperlich ist und nicht geistig. Die akademische Welt der Philosophen und Religionswissenschaftler behauptet, daß die höheren Praktiken geistig und die niederen Praktiken körperlich sind. Aber wo hört der Körper auf, wo fängt der Geist an? Überlege den Fall eines Mannes, der schwerkrank und ohne Kraft in seinen Gliedern ist, der nicht sitzen oder stehen kann. Das ist sein körperlicher Zustand. Doch sollte er davon erfahren, er hätte zehn Millionen Rupeen in der Lotterie gewonnen, so würde er wohl aufspringen und vor Freude hüpfen. Umgekehrt, wenn ein Mann von robuster Natur die Nachtricht vom Unfalltod seines Sohnes bekäme, was macht er in dem Augenblick? Wenn etwas mit dem Geist passiert, hat das einen Effekt auf den Körper und umgekehrt. Deswegen ist es schwierig, die Trennlinie zwischen Körper und Geist zu zeichnen.

Der physische Körper schließt die Haut, die Muskeln, Gewebe und die gesamte innere Anatomie ein. Aber, was ist mit den Drüsen? Sie sind eindeutig körperlich, sie bestehen aus einem ähnlichen Gewebe wie andere Körperteile. Wenn die Drüsen jedoch körperlich sind, warum kann Adrenalin den Geist aufputschen? Der geistige Zustand ändert sich, wenn die Nebennieren chemisch manipuliert werden. Eine vernüftige Person mag leidenschaftlich werden, wenn die Zirbeldrüse stimuliert wird. Der Geist wird durch Manipulation der Drüsen beeinflußt. Wenn verschiedene Gehirnbereiche stimuliert werden, passiert etwas mit dem Verhalten des Menschen. Der Zustand des Gehirns kann durch chemische oder elektrische Behandlung verändert werden. Ein depressiver Mensch kann mit Drogen behandelt werden und wird auch unabhängig von seiner eigentlichen Situation lebendig und fröhlich. Wissenschaftlern ist es durch elektrische Stimulation von "Ekstase-Zentren" im Gehirn gelungen, Kaninchen und Ratten in Trance oder Samadhi zu versetzen, während wir Yoga-Sadhakas uns über mehrere Lebensläufe abmühen müssen, um das zu erreichen. Haben die Ratten Abhyasa-Vairagya ("Übung und Verzicht") geübt, um in den Trance-Zustand zu kommen?!

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Halasana

Durch moderne medizinische Techniken und die Neurophysiologie ist bewiesen worden, daß verschiedene mentale Zustände durch rein physische Reize hervorgebracht werden können. Wenn wir in der Asana-Praxis einige Techniken haben, die die Zirbeldrüse, die Hypophyse oder andere Drüsen oder auch wichtige Energie-Zentren (orig.: junctions) an der Wirbelsäule (psycho-neuro-physiologische Zentren) beeinflußen, warum kann nicht jeder auf diese Art einen für ihn angenehmen Zustand entwickeln? Asanas mögen zunächst den Anschein erwecken, nur auf den Körper gerichtet zu sein. Kennt sich der Übende jedoch in den Techniken aus, wie verschiedene Körperteile zu aktivieren sind und wie die chemische Zusammensetzung des Gehirns zu verändern ist, so kann er unterschiedliche mentale Zustände entwickeln. Asanas und Pranayama können die verschiedenen mentalen Zustände beeinflußen und höhere mentale Zustände an die Oberfläche bringen. Einen verklärten, jungfräulicher Zustand des Geistes kann erreicht werden, der unberührt ist von Leidenschaft oder Schmerz.

Die Drüsen und die wichtigen Energie-Zentren der Wirbelsäule dienen zusammen als eine Art Schwelle zwischen Körper und Geist. Wenn du Körper und Geist als zwei Abteile behandelst, dienen die Drüsen, das Zentralnervensystem und bestimmte Zentren der Lebensenergie im Körper als eine Tür, über die du den Geist durch den Körper erreichen kannst. Die statischen oder Entspannungs-Haltungen wie Sarvangasana, Halb-Halasana, Viparita Karani, Setu Bandha usw. scheinen für einen Außenstehenden wie körperliche Haltungen. Aber wenn der Übende die Techniken und die Dynamik der Haltung kennt und beherrscht, dann hat er bestimmt den inneren Anschluß an die Drüsen und Energie-Zentren und kann den erwünschten Effekt auf den Geist hervorbringen. Wer schon einige Jahre geübt hat, mag das schon erlebt haben.

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Setu Bandha Sarvangasana

Dein Vermögen, den erwünschten Effekt der Asanas hervorzurufen, hängt von deinem Sankalpa, deiner Intention, die Asanas zu üben, ab. Angenommen du übst Trikonasana, um den Tonus in den Beinmuskeln, um die Fuß-, Knie- und Hüftgelenke zu verbessern. Egal wie ergeben du übst und wie intensiv du die Haltung durchdringst, kommen zum Ende deines Lebens unterm Strich nur starke Beine heraus. Dies heißt Yatha kratu nyaya ("wie du es wünschst"). Ein vergleichbarer Spruch im Deutschen: was der Mensch säet, das wird er ernten. Als Übersetzung ist das bei Yatha kratu nyaya aber nicht die ganze Wahrheit. Sagen wir, ich möchte dich im Unterricht schlagen, dann schlage ich dich und bekomme, weil diese Einschüchterung eine schlechte Tat ist, postwendend den Schlag zurück. Ich würde irgendeine mentale Tortur erleben, weil ich dich eingeschüchtert hatte. Aber, nehmen wir an, ich hätte einen intensiven Wunsch, dich zu schlagen, tu es aber nicht, weil ich zeigen möchte, daß ich "zivilisiert" bin. Nach Yatha kratu nyaya kommt die Gegenreaktion auch dann, wenn ich mein schlechtes Vorhaben nicht wirklich in die Tat umsetze. Durch die mentale Neigung oder den Wunsch, jemanden zu schlagen, ist es auf einer subtileren Ebene karmisch schon geschehen und wird entsprechend fruchten. Ähnlich ist es beim Üben, der Effekt der Praxis hängt von der Psychodynamik oder Motivation dahinter ab. Deine Psychodynamik bestimmt, welche Prozesse du in Bewegung setzst und welche Ergebnisse du daraus erzielst. Eine anscheinend gute Tat mit einem bösen Motiv ist nach Hindu-Psychologie schlecht. Andererseits muß eine Tat als gut angesehen werden, wenn die Motivation stimmt, auch wenn das Ergebnis nicht gut ist. Als Beispiel: Mein Freund möchte ein Picknick auf dem Land machen und ich leihe ihm mein Auto. Wenn das Auto dann ein Problem bekommt, ist das nicht meine Verantwortung, auch wenn mein Freund leiden sollte, denn meine Intention war gut. So gesehen ist der Grundsatz "was der Mensch säet, das wird er ernten" sehr oberflächlich. Er widerspiegelt nicht die Tiefe der Realität. Die Motivation hinter der Tat ist genauso oder sogar noch wichtiger als die tatsächliche Ausführung. Die Psychodynamik hinter der Asanapraxis spielt eine sehr wichtige Rolle, wenn Asanas auf die Ebene einer spirituellen oder höheren Praxis gebracht werden sollen.

Psychodynamik ist eine von drei möglichen Ebenen von Bewegung und Prozess (orig.: "action") in der Asana-Praxis.

Die drei Sorten Dynamik oder drei Gruppen von actions sind:

1. Physiodynamik (der Aktionsmodus): durch bestimmte Techniken an Muskeln, Knochen, Gelenken und innerer Anatomie des Körpers arbeiten.

2. Biodynamik (die Mittel des Prozesses): die Herstellung von Energie bzw. pranische Kraft und ihre Verteilung an die nötigen Stellen in den Haltungen.

3. Psychodynamik (der Geist in und hinter dem Prozess): der mentale Zustand hinter der Ausführung der Asanas.

Es gibt bestimmte anatomische Bewegungen, die man ausführen muß, um in eine Haltung zu kommen, sich in ihr zu aktivieren und sie wieder zu verlassen. Gleichermaßen gibt es pranische Aktivität beim Einnehmen, Beleben und Verlassen der Haltung. Das ist der biodynamische Aspekt.

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Viparita Karani

Psychodynamik ist der geistige Aspekt: in welche Bereiche bringe ich den Geist (die Aufmerksamkeit) während der Haltung und mit welcher innerer Einstellung. Patanjalis Sutra stira sukham asanam (asana ist vollkommene Festigkeit des Körpers, Stetigkeit der Intelligenz und Güte des Herzens) handelt davon. Das sukha avastha, der Zustand der Gelassenheit, sollte nicht nur in der Haltung aufrechterhalten werden, sondern auch sowohl während des Einnehmens wie auch während des Verlassens der Haltung. Wenn du in der Übungsstunde Trikonasana übst, hast du beim Einnehmen der Haltung eine positive Einstellung, ebenfalls beim Verweilen. Aber, wenn wir dich auffordern, aus der Haltung herauszukommen, da ist kein richtiges Engagement des Geistes. Du meinst, du wärst fertig, und kommst einfach hoch. Dabei verlierst du, indem du nicht bewußt und willentlich den Prozess rückläufig erlebst. Das Verlassen der Haltung verlangt größere Willenskraft, größere Konzentration und größeres Engagement. Angenommen du bist in einer schwierigen Haltung wie Raja Kapotasana. Der Lehrer hat dir alle Techniken unterrichtet und du hast dein Bestes gegeben, aber, sobald der Lehrer befiehlt, die Haltung wieder aufzulösen, fällst du in dich zusammen. Wo war das sukha (Fassung), als du aus der Haltung herausgekommen bist? Jene Haltung ist wie eine Stahlfeder unter hoher Spannung, die gedruckt oder gedehnt werden kann, die aber nachher immer zurückspringt und den Körper herumschaukelt. Wenn du eine Haltung einnimmst oder auflöst, mußt du dafür sorgen, daß eine Geistesfreiheit und Gefaßtheit im Körper fließt. Das ist sthirata oder Festigkeit in der Haltung.

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Trikonasana

Eine Haltung wie Trikonasana, die bei grobem Verständnis anatomisch scheint und für die Beinmuskeln, die Wirbelsäule, den Brustkorb etc. gemeint sei, kann dir ebenfalls einen reflektiven Geisteszustand bescheren. Nämlich, wenn du weißt, wann und auf welche Art die Haltung mit deinem Bewußtsein zu durchdringen ist, wie du das Bewußtsein zu verteilen und mit der körperlichen Bewegung sowie mit der Atmung zu koordinieren hast. Du sollst als erstes einen Anschluß an die wichtigen Bereiche der Wirbelsäule schaffen. Wenn du das erreichen kannst, dann verändert sich sicherlich die Bedeutungsebene der Haltung. Nichtsdestoweniger, egal wie aufrichtig du übst, wenn deine Aufmerksamkeit auf die Wadenmuskeln, die Quadrizeps, den Oberschenkel und das Hüftgelenk beschränkt ist, dann bleibt deine Haltung auf diese Körperteile beschränkt. So bleibst du an der Peripherie, auch wenn du sehr ehrlich und aufrichtig bist. Das heißt nicht, daß die Bewegungen der Muskeln nicht wichtig wären. Nur durch die Bewegungen des externen Körpers wirst du die Kanäle offenlegen können für das, was unter den Muskeln und der Haut liegt. Wir müssen die anatomischen Techniken der Haltungen als Mittel benützen, um zu durchdringen und um Freiheit für die Bio-Kraft oder Prana zu schaffen, damit sie durch den Körper durchsickern kann. Freiheit im externen Körper, in der Haut, den Muskeln, den Gelenken und im Gewebe ist notwendig, damit die Bio-Kraft oder Biodynamik zur rechten Zeit zur Geltung kommen kann. Nur dadurch, daß ein gewisser Grad an körperlicher Freiheit erlangt wird, wird es möglich, unter die Haut und tiefer in die Knochen zu penetrieren. Du mußt Anschluß an die inneren Teile des Körpers schaffen. Möchtest du in einer bestimmten Haltung an den Nebennieren arbeiten, so mußt du zuerst am latissimus dorsi, einem Oberflächenmuskel, sowie an den hinteren Rippen arbeiten. Es wird dir nicht gelingen, in die innere Ebene durchzudringen, ohne mit dem latissimus dorsi, den hinteren Rippen, den Zwischenrippenmuskeln der Rückseite, den Lungenschichten und den Bauchorganen gearbeitet zu haben. Du mußt Abteil für Abteil durchdringen, um den Körperteil zu erreichen, der einen Einfluß auf den mentalen Zustand haben kann.

Ich nenne diese Fähigkeit zu durchdringen, die Mobilisierung von Prana und Bewußtsein. Diese Mobilisierung von Bio-Kraft ist dann möglich, wenn du Freiheit im äußeren Körper geschaffen hast. Du mußt hierarchisch vorgehen und fortwährend höhere Ebenen der Praxis schaffen. Du kannst durch die Arbeit in den Asanas die Bio-Kraft als fließende Kraft entwickeln, die leicht durchdringen kann. Es wird dir in Pranayama leichter gelingen, die feinere Energie durch das System durchdringen zu lassen, nachdem du die Kanäle mit Bio-Kraft (in der Asana-Praxis) geöffnet hast. Dann erlebst du erhabene Effekte auf den Geist bei minimaler körperlicher Mühe. Um diesen Zustand von minimaler körperlicher Mühe zu erreichen, mußt du zuerst eine gewisse Menge körperlicher Mühe auf dich nehmen, um die Kanäle zu öffnen.

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Raja Kapotasana

Auf der körperlichen Ebene schaffen bestimmte Haltungen Anschluß an die wichtigen Energie-Zentren und Drüsen. Unterschiedliche Haltungen beeinflußen die Atmung unterschiedlich und das mit sehr wichtigen Konsequenzen. Z.B. hat Sarvangasana eine bestimmte Atmungs-Konstellation. Das, was wir "normale Atmung" nennen, ist unwillkürliche Atmung. Die normale Atmung jedoch, eure jetztige, und die normale Atmung in Sarvangasana sind deutlich unterschiedlich. Sogar die Atmungs-Physiologie der beiden ist unterschiedlich. Es ist für diejenigen unverständlich, die unser System und unser Vokabular nicht kennen, wenn wir von "Nasen-Stimm-Atmung", der "Magen-Atmung", der "Bauch-Atmung", der "Nabel-Atmung" und "Embryo-Atmung" sprechen, weil sie meinen, daß Atmung nur im Brustkorb passiert. Aber, für den erfahrenen Übenden in Viparita Dandasana über einem Stuhl z.B. geschieht die Atmung nicht in den Lungen und willentlich. Es wird vielmehr im Bauchraum bzw. im Nabelbereich geatmet. Für den Anfänger ist die Atmung dabei aber im oberen Bauchraum zentriert. Verschiedene Haltungen erzeugen verschiedene Ausprägungen der Atem-Physiologie; verändert sich die Atem-Physiologie, so verändert sich auch die chemische Zusammensetzung des Körpers.

Es ist allgemein bekannt, daß die Körperchemie durch die Aufnahme und Verdauung jeweils unterschiedlicher Nahrungsmittel beeinflußt wird. Die moderne Wissenschaft weiß aber nichts davon, welche Bedeutung eine vom "normalen" abweichende Atmungs-Physiologie hat. Es ergeben sich verschiedene Effekte, wenn wir die Atmung in den diversen Haltungen auf verschiedene Körperbereiche konzentrieren. Z.B. ist der Geist eines Menschen, der ergeben und intensiv Rückbeugen geübt hat, sofort danach sehr empfindlich. Zorn ist bei ihm leicht hervorzurufen. Ein Mensch, der für die gleiche Zeit Vorwärtsbeugen oder Sarvangasana oder Halasana geübt hat, ist nicht so leicht zu erregen. Er ist passiv, ruhig, friedlich. Woher dieser Unterschied im mentalen Zustand, wenn Sarvangasana und Viparita Dandasana beide Asanas sind?

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Sirsasana

Verschiedene Haltungen begünstigen jeweils unterschiedliche Sorten von Atmung und im Atemprozess wird die pranische Energie dabei verändert, was in unterschiedliche mentale Zustände mündet. Wenn du z.B. Sirsasana übst, atmest du hauptsächlich im Magen-Zwerchfell-Bereich, und der Solarplexus wird aufgeladen. Sarvangasana ist auch eine Umkehrhaltung aber mit dem gegenteiligen Effekt, das die Atmung nicht im Bereich vom Solarplexus, sondern im Bereich der Kehlkopf-Plexus stattfindet. Bei einer einfachen Messung werden die gleichen Mengen Sauerstoff, Stickstoff, Wasserstoff etc. bei beiden Prozessen im Körper aufgenommen. Die quantitativ gleiche Menge ist jedoch in eine andere Körperregion geflossen und wird dort verarbeitet; darum ist der Effekt anders. In Viparita Dandasana ist die pranische Schwingung im Beckenbereich. Bei Vorwärtsbeugen findet die Atmung eher in den hinteren Lungen statt, die Nebennieren werden besänftigt. Genauso wie Essen auf unterschiedliche Art beim Liegen, Laufen, Schlafen oder Asana-Üben verdaut wird, so wird der Atem bei verschiedenen Haltung unterschiedlich "verdaut", was die Körperchemie beeinflußt. Bei Rückbeugen kommt es auf die Sorte an. Wenn du Rückbeugen über einem Stuhl mit einer Öffnung im Brustkorb übst, beeinflußt das den Solarplexus. Viparita Dandasana auf einem Podest dehnt wiederum das Becken und verursacht Becken-Atmung. Bei intensiven Rückbeugen wie Kapotasana, in denen der Bogen im Rücken noch größer ist, wird die Bauch-Atmung begünstigt. Die Atmung wird bei der Zwerchfelldehnung in Vrschikasana und Kapotasana kurz oder flach, so daß der Bauch atmet, fast wie bei einem Asthma-Patienten. Sirsasana im Seil und Sirsasana im Freien haben klar voneinander zu unterscheidenden Effekte auf die Körper-Chemie, weil die Atem-Schwingungen unterschiedlich sind. Bei Sirsasana im Seil mit seiner Beckendehnung ist das Zwerchfell zum größten Teil ausgeschaltet, die Atmung ist eher im Bauch-Becken-Raum. Bei Sirsasana auf dem Kopf hat das Zwerchfell Bewegungsspielraum, was die Atmung dort fördert. Sirsasana im Seil ist entspannender, weil die "Leidenschafts-Zone" geöffnet und sublimiert wird. Nach dem Üben bist du ruhig und friedlich, was nach Sirsasana auf dem Kopf nicht unbedingt der Fall sein mag.

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Viparita Dandasana

Das erklärt die Physiologie der Asanas. Betrachte die Haltung Janu Sirsasana: übe anfangs mit den Gebeugten-Bein-Unterschenkel rechtwinkelig zum gestreckten Bein (wie in Maha Mudra) und nimm nach und nach das gebeugte Bein weiter nach hinten. Mit dem gebeugten Bein rechtwinkelig bei der Vorwärtsbeuge ruht die Nebenniere. Wenn du das Knie weiter nach hinten bringst, wird die Nebenniere in der Streckung aktiviert. Damit ist die Haltung weniger beruhigend für das Gehirn, wenn das Bein weiter nach hinten genommen wird. Mit dem gebeugten Bein hinten läßt sich die Nebenniere aktivieren, rechtwinkelig läßt sie sich beruhigen: in einer Haltung verschiedene Effekte. Bei einer überreizten Person würden wir nie das Bein nach hinten pushen. Ruhend, mit dem gebeugten Knie eher vorne wird das Gehirn auf günstige Art beeinflußt.

Bei Vorwärtsbeugen findet die Atmung im hinteren Teil der Lungen statt. Normalerweise arbeitet beim tiefen Einatmen die Vorderseite, bei Vorwärtsbeugen jedoch die Hinterseite. Guruji hat von der Zeit erzählt, in der er Pranayama gelernt hat. Ihm war es so lange nicht möglich, mit der notwendigen Festigkeit zu sitzen, bis er gelernt hat, die Rückbeuge- mit der Vorwärtsbeugepraxis in Balance zu halten. Ein Zuviel an Rückbeugen macht einen für Pranayama ungeeignet. Die Stimulation ist zu stark und die Wirbelsäule verliert soweit an Stabilität, daß sie das Sitzen nicht unterstützen kann.

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Vrischikasana

Drehhaltungen wirken auch auf die Nebennieren, aber anders. Diese werden weder überreizt noch in den Winterschlaf versetzt. Drehungen bewirken einen ausgeglichenen, yogischen Zustand in diesen Drüsen. Überaktivität ist also für Yoga nicht förderlich. Es gibt eine goldene Mitte und in den Drehhaltungen arbeiten die Nebennieren in einer vollkommen yogischen Art und Weise, die still, nüchtern und ruhig aber nicht dumpf macht. Nach einer Vorwärtsbeugepraxis wird dein Potential, aktiv zu sein, reduziert. Aber nach Drehungen wird es weder gedämpft noch überstimuliert. Das Potential, aktiv zu werden, wird bei den Drehhaltungen absolut ausgeglichen. Es entsteht für die Nebennieren und Nieren eine pranische Massage und Salbung.

So können wir es verstehen, warum verschiedene Haltungen durch ihren Effekt auf den physischen Körper, die Physiologie und die Atmung verschiedene mentale Zustände verursachen. Aber die Quelle dieser Effekte und die der Haltungen selbst ist auf einer viel tieferen Ebene zu finden, als der körperlichen...

Fortsetzung folgt.

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Prashant, Geeta und BKS Iyengar (Foto:Soni Studio, Pune, Indien)

Die Asanazeichnungen stammen von den Yogasanakarten - Studio für Iyengar-Yoga, München


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