Flow - und die Bewußtseinsschulung im Yoga, Teil 2

Die Gestaltung des Yogaunterrichts

(Teil 1: siehe Abhyasa 6.)

von Willi Kiechle

Das Ziel des Yoga ist, den tiefsten Wesensgrund zu berühren, darin einzukehren und damit die Freiheit von allen Wirrnissen (kaivalya) zu erlangen. Der Regentropfen erkennt sich als Teil des Ozeans.

Der Weg dorthin verlangt unermüdliche Übung (abhyasa) und Loslösung (vairagya) von allen egohaften Bestrebungen. Hier geht es um die Art des Übens. Die Übung ist dazu da, Körper und Geist zu kultivieren, um die innere Stille und Klarheit der Sammlung (samyama) zu erfahren. Allein die Sammlung ermöglicht es, in tiefere Schichten des Seins vorzudringen. Wie gezeigt wurde, bedeutet Sammlung "gebündelte Aufmerksamkeit", "Verschmelzen von Handeln (Asana) und Bewußtsein" bis hin zum Zustand der "Selbstvergessenheit" oder "Selbsttranszendenz". Was fördert die Sammlung im Yogaunterricht? Was hindert sie? Wie muß Yogaunterricht aussehen, um Sammlung erfahrbar zu machen? Was ist nötig, um die Fähigkeit zur eigenständigen Sammlung weiter auszubilden? Das sind die Fragen, die dieser Artikel anreißt. Es geht hier also mehr um das "wie" des Übens und Unterrichtens und weniger um das "was" (sinnvolle Asanareihen, Details, Hilfsmittel etc.). In der Asana-Praxis bedeutet Sammlung, sich ganz in dieses Asana hineinzugeben, es zu durchdringen und von ihm durchdrungen zu werden. Was hindert uns daran? Welche Gemütsbewegungen können die Sammlung der Teilnehmer während einer Yogastunde beeinträchtigen? Hier eine kurze Aufzählung dessen, womit Übende beschäftigt sind, wenn sie nicht gänzlich vom Üben absorbiert sind (schwere Beeinträchtigungen, wie Krankheit, Schmerz, Kummer, Verzweiflung etc. einmal ausgenommen):

Ablenkende Sinneseindrücke (z.B.: Lärm, Musik, Bilder, Anblick anderer Übender, Gerüche, Hunger, Kälte, Hitze, Zugluft, Stechmücken )

Zweifel, Unklarheiten, Mißverständnisse (z.B.: "Wofür soll denn das gut sein?")

Abschweifungen zu Ereignissen in der Vergangenheit oder Zukunft (z.B.: "Nachher muß ich unbedingt noch...", "Wie hat Bob das gestern gemeint?")

Selbstgefälligkeit (z.B.: "Stehe ich nicht gut da!" "Das ist leicht, das kenne ich eh schon!")

Frust, Unmut bei Überforderung und Mißlingen eines Asanas (z.B.: "Das kann ich nicht! Ich will nicht mehr! Wie lange denn noch?")

Angst vor Kritik bzw. Wunsch nach Lob durch den Yogalehrer (z. B.: "Jetzt kommt er wieder zu mir!")

Erwartung eines bestimmten Resultates, wie beispielsweise Heilwirkungen. (z. B.: "Jetzt üben wir Schulterstand, dann geht es mir bestimmt wieder besser.")

Innere Beschäftigung mit dem Kursleiter oder anderen Teilnehmern (Bewerten, Vergleichen, Sympathie oder Antipathie)

All diesen Ablenkungen muß ein Yogalehrer entgegenwirken, wenn es sein Ziel ist, Yoga erfahrbar zu machen. Die flow-Theorie von Csikszentmihalyi gibt Hinweise dafür, wie eine Situation (z.B. Yogaunterricht) gestaltet sein muß, um flow oder Sammlung zu erleichtern. Im folgenden werden die charakteristischen flow-Elemente (siehe Teil 1) in vier Gestaltungskriterien für den Yogaunterricht übersetzt:

Gestaltungskriterien für den Yogaunterricht

1. Klarheit, Eindeutigkeit

Es versteht sich von selbst, daß im Übungsraum eine klare, schlichte und störungsfreie Atmosphäre sein soll. Ablenkende Sinneseindrücke wie Lärm, Musik, Bilder an der Wand, Räucherwerk etc. sind fehl am Platz. "Yoga bedeutet Klarheit im Handeln" hat Michael Forbes in einem Yogaseminar erklärt. Eindeutige, präzise Übungsanweisungen bilden den Kern des guten Yogaunterrichts. Sie führen die Teilnehmer in einen Erlebniszustand, in dem sie in jedem Augenblick wissen, was zu tun ist und sich so ganz aufs Üben einlassen können. Unsicherheiten, Zweifel und Fragen werden von vornherein weitgehend ausgeräumt werden. Mögliche Unklarheiten lassen sich durch Rückfragen (z.B.: "Alles klar?") beseitigen. Klarheit drückt sich in mehreren Bereichen aus:

klarer Anfangs- und Schlußpunkt, klare Zeitstruktur

klare Raumanordnung der Teilnehmer

klare Sprache (Wörter wie "eigentlich", "vielleicht", "ein bißchen" etc. vermeiden)

klare, kurze und prägnante Demonstration der Übungen

klarer, sinnvoller Einsatz von Hilfsmitteln

klare, eindeutige Übungsanweisungen

klare Korrekturen des Lehrenden.

Das notwendige Vorzeigen der Asanas sollte möglichst kurz und präzise sein, um den Übungsfluß (flow) der Teilnehmer nicht zu unterbrechen. Jede Übungsanweisung muß sich auf das "Jetzt" beziehen und unmittelbar erfahrbar sein (z.B.: "Jetzt die Arme strecken."). Die Handlungsanweisungen sind dann am klarsten, wenn sie konkret, d.h. durch Sinneswahrnehmung überprüft werden können. Eine unkonkrete, "schwammige" Anweisung wäre z.B. in Trikonasana : "... ein Gefühl von Stabilität in den Beinen erzeugen." Eine klare Anweisung ist z.B.: " ... rechten Großzehenballen in den Boden pressen, Fußgewölbe anheben, Knie- und Fußgelenk in einer Linie ausrichten, das Knie strecken und die Kniescheibe anziehen ..."
Ein "Gefühl von ..." kann man weder tun, noch sehen. Hingegen die Kniescheibe kann ich aktiv nach oben ziehen. Das kann ich sehen und spüren. Die visuellen und kinesthetischen Sinneswahrnehmungen liefern mir eindeutige Rückmeldungen, ob ich mit der Aufmerksamkeit noch dabei bin oder nicht.
Die Korrektur durch den Lehrer sollte einfühlsam aber ebenso eindeutig sein. Der unterstützende Hinweis mittels Wort oder Hand richtet sich an die Struktur der Haltung und kritisiert nicht die Person.

2. Optimale Herausforderung

Im Sinne der flow-Theorie geht es darum, Über- und Unterforderung bzw. Angst und Langeweile zu vermeiden. Zwischen diesen beiden Extremen liegt die Grenzlinie der optimalen Herausforderung, an der das Üben "ergreifend" (M. Forbes) wird. Anfänger bekommen am leichtesten einen "Geschmack" von Yoga, wenn sie immer wieder an diese Grenzerfahrung herangeführt werden. Dazu werden Asanas so geübt, daß die Teilnehmer mit ihrem ganzen Sein gefordert sind, um die Haltung zu meistern. Verlangt ein Asana den vollen Einsatz und die komplette Aufmerksamkeit, ist es leichter, damit zu verschmelzen. Yoga geschieht, wenn es gelingt, die gesamte Energie zu bündeln und in dieses Asana jetzt hineinzulegen. Aber das ist eine Gratwanderung: Zuviel Anforderung führt statt zur Selbstüberwindung und Wachstum zu Frust- und Versagensgefühlen. Frust und Unmut schlagen Wellen im Bewußtsein und verhindern die Sammlung gänzlich. Ist die Anforderung zu gering, werden die Übenden selbstgefällig, beginnen zu träumen und schweifen mit ihren Gedanken zu ihren "unerledigten Geschäften" aus der Vergangenheit oder der Zukunft ab. Yoga ereignet sich nur im Hier und Jetzt in voller Beteiligung des ganzen Menschen.
Anforderung meint hier sowohl den Grad der körperlichen Anstrengung, als auch das Niveau der Feinarbeit, das Achtsamkeit und Bewußtheit erfordert.

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(Foto: Harenberg Kalender)

Gute Kursleiter erkennen den "Entwicklungsstand" der Gruppe und richten ihr Programm daran aus. Gewöhnlich finden sich in einem Übungskurs Teilnehmer auf ganz unterschiedlichem Übungsniveau. Was tun? Dank an B.K.S. Iyengar für die Entwicklung einer Vielzahl von Hilfsmitteln und Asana-Varianten. Damit läßt sich der Schwierigkeitsgrad individuell optimal anpassen und die Essenz der Übung erfahren. Hervorragende Kursleiter zeichnen sich dadurch aus, daß sie gezielte individuelle Anweisungen geben, die dem entsprechen, was jeder einzelne vermag. Dabei ist es m.E. wichtig, seine eigene Kapazität als Yogalehrer richtig einzuschätzen: Wie viele Leute kann ich wahrnehmen und gezielt unterstützen?
Mit zunehmender Übungspraxis wächst das Adaptionsvermögen, d.h. das Spektrum der Anforderungen, bei denen flow oder Yoga erlebt werden können, dehnt sich aus. Streng genommen können demzufolge nur relative Anfänger in einer Yogastunde über- oder unterfordert werden. Der geübte Yogi hat gelernt, sich auf ganz unterschiedliche Situationen einzustellen. Er kann sich mit voller Aufmerksamkeit ins aktuelle Geschehen hineingeben, selbst wenn andere diese Situation als langweilig oder als überfordernd erleben.

3. Aufmerksamkeit allein auf die Übung

Zentrierte Aufmerksamkeit und autotelisches Handeln sind Bedingungen für die Sammlung. Für die Asana-Praxis heißt das, jegliche äußeren und inneren Ablenkungen zu vermeiden.
Hilfsmittel und Hilfestellungen durch Partner bieten hervorragende Möglichkeiten, die Übung optimal an den einzelnen anzupassen und Aspekte eines Asanas hervorzuheben. Gleichzeitig sind sie jedoch eine Quelle für Ablenkungen. Daher ist es nötig, das Holen, Lagern und Aufräumen der Hilfsmittel möglichst konzentriert und effizient abzuwickeln. Ich empfehle meinen Teilnehmern, alles als Teil der Übung zu betrachten: Das Zuschauen beim Vorzeigen, den Umgang mit Hilfsmitteln, das Geben einer Hilfestellung. Jeder soll sich mit ganzer Aufmerksamkeit dem widmen, was gerade dran ist, und alles Unnötige weglassen. Es ist sehr schwierig, während Partnerübungen eine hohe Übungskonzentration im Kurs aufrechtzuerhalten. Wer dennoch nicht darauf verzichten will, sollte die Zügel dabei fest in der Hand haben und Schritt für Schritt anleiten.
Die Teilnehmer kommen zum Yoga-Üben. Das bedeutet für den Yogalehrer, daß er weder sich selbst (d.h. eigene Selbstdarstellung), noch die Teilnehmer (d.h. ihr Ego), sondern die Übung allein in den Mittelpunkt des Interesses stellt. Yogaunterrichtende, die der eigenen Selbstdarstellung frönen, lenken die Teilnehmer ab und stehlen ihnen Raum und Zeit fürs Üben.
Das Üben ist für die Teilnehmer dann am schönsten, wenn das Ego dabei schweigt und nur das Asana aufleuchtet. Das Ego tritt dann verstärkt auf den Plan, wenn es sich einerseits mißachtet, abgewertet und bedroht fühlt und andererseits, wenn es sich aufgrund von zuviel Beifall, Bewunderung und Selbstgefälligkeit aufbläht. Beides gilt es, zu vermeiden, denn dadurch kreist die Person um sich selbst und die befreiende Yogaerfahrung bleibt ihr verwehrt.

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(Foto: Harenberg Kalender)

Deswegen ist es notwendig, eine "tragende" Atmosphäre der Akzeptanz und Wertschätzung zu schaffen und bei Korrekturen sehr einfühlsam und bestärkend vorzugehen. Bestätigung und Ermutigung durch den Lehrer kann die Teilnehmer beflügeln und anspornen, andererseits kann ein zuviel an Lob, sich auch störend auswirken. Wer Yoga übt, um gelobt zu werden, verfehlt den Yoga. Das Yoga-Üben sollte nicht von der Anerkennung von außen abhängig sein. B.K.S. Iyengar ist dafür bekannt, daß er mit Lob sehr sparsam umgeht.
Eine häufige Form von inneren Ablenkungen sind Erfolgserwartungen. Werden bestimmte Resultate (z.B. Heilerfolge oder besondere psychische Zustände) vom Üben erwartet, korrumpiert das den autotelischen Charakter der Übung. Yoga wird dann nicht mehr um seiner selbst willen praktiziert, sondern, um etwas damit zu erreichen, was danach kommt. Ein Teil der Aufmerksamkeit ist dabei auf die Zukunft gerichtet und fehlt somit in der Gegenwart. Dadurch geht das Wesen des Yoga verloren. Somit sind Anweisungen in der Art wie "Jetzt üben wir Utthita-Parshvakonasana, um den Fettansatz an Taille und Hüften zu vermindern und ...", für die Sammlung alles andere als förderlich. Hingegen mag für manche Anfänger etwas "Nahrung für den Kopf" und die Erklärung von Wirkzusammenhängen unterstützend sein. Insgesamt ergibt sich für die Unterrichtsgestaltung jedoch folgende Prämisse: Die Anweisungen sollten ein Minimum an "warum" und ein Maximum an "wie" enthalten. Die Yoga-Sutras des Patanjali sind nach dem gleichen Prinzip aufgebaut. Sie geben Hinweise, die in die Erfahrung führen.
Freude am Yoga wird dann erfahren, wenn die Übung allein im Mittelpunkt steht.

4. Ermutigung zum vertrauensvollen Engagement

Sammlung verlangt Hingabe. Sich ganz auf das Üben einzulassen, ganz darin aufzugehen, verlangt Mut und Vertrauen. Wie können wir die Kursteilnehmer darin unterstützen, sich tiefer auf das Üben einzulassen?
Grundsätzlich gilt: Je authentischer der Lehrer, um so engagierter sind die Teilnehmer dabei. Die vorhandene oder fehlende Präsenz des Leiters beeinflußt entscheidend die Übungskonzentration. Um zu unterrichten, ist es daher notwendig, in der eigenen Praxis tief gegründet und gefestigt zu sein. Es ist wichtig, Vertrauen in den Yogaweg auszustrahlen. Außerdem empfiehlt es sich, sich vor jedem Kurs zu sammeln und auf den Kurs einzustimmen.
Der Kursleiter hat dann die Aufgabe grundlegende Akzeptanz, Wertschätzung und Sicherheit zu vermitteln und gleichzeitig muß er anspornen und die Kursteilnehmer an ihre Grenzen heranführen. Er sollte der Gruppe und jedem einzelnen das Gefühl vermitteln: "Du bist vollkommen in Ordnung, wie du jetzt bist" und gleichzeitig "Streng dich an, Du kannst dich weiter entwickeln." Der "gute" Unterricht ist m.E. stets ein Balanceakt zwischen diesen beiden Polen. Ein hervorragende Lehrer zeichnet sich dadurch aus, daß er erkennt, wovon der einzelne mehr braucht: Er kann den Trägen anspornen, dem Ängstlichen Sicherheit vermitteln, den Zaudernden ermutigen, die Hektischen beruhigen, die Müden aufwecken, den übereifrig Verkrampften bremsen und Achtsamkeit lehren ...
Insgesamt erhöht ein fordernder Unterrichtston bekanntlich die Wachheit im Kurs, dennoch ist darauf zu achten, daß sich die Übenden nicht innerlich oder äußerlich verkrampfen. Ein gut dosierter Humor hilft dabei. Er entspannt und hebt die Stimmung.
Nicht zuletzt beeinflußt das Gruppenklima die Intensität der Erfahrung. Es ist vorteilhaft eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich die Teilnehmer wohl und vertraut fühlen ohne zu sehr miteinander beschäftigt zu sein. Gemeinsames Üben wirkt unterstützend. Jeder kann die anderen dadurch unterstützen, indem er sich ganz auf sein eigenes Üben konzentriert. Dadurch entsteht im Raum eine Sammlung, die den einzelnen in die Yogaerfahrung hineinträgt.

Selbstdisziplin und Achtsamkeit als Säulen des eigenständigen Übens

Diese vier Gestaltungskriterien ergaben sich aus der flow-Theorie. Sie unterstützen die Sammlung während eines Kurses. Eine andere Frage ist: Was brauchen die Teilnehmer, um selbständig in Sammlung üben und leben zu können? In Yoga-Sutra I,30 nennt Patanjali die Hindernisse auf dem Yogaweg. Es sind Krankheit, Starrheit, Zweifel, Nachlässigkeit, Faulheit, Gier, falsche Ansichten, (Versagensgefühle durch) Nicht-Erreichen des Grundes und das Nicht-Ausharren. Aus dem Zusammenhang wird deutlich, daß während eines Kurses der Yogalehrer die Aufgabe übernimmt, diesen Tendenzen ( Faulheit, Zweifel, falsche Ansichten etc.) entgegenzuwirken. Er sorgt dafür, daß intensiv, exakt, beharrlich und ausgewogen geübt wird. Übe ich allein, muß ich dies selbst leisten. Dazu brauche ich vor allem Selbstdisziplin und Achtsamkeit. Das sind m.E. die Säulen des guten eigenständigen Übens. Wie lassen sich diese Fähigkeiten im Kurs entwickeln?

Selbstdisziplin entwickeln

Selbstdisziplin beinhaltet Entschlossenheit, Willensstärke, Beharrlichkeit, Durchstehvermögen und besonders die Fähigkeit dranzubleiben, wenn es schwierig wird. Es verlangt die Fähigkeit, seine Energie zu sammeln und gezielt für das einzusetzen, was man als richtig erkannt hat. Selbstdisziplin wird genährt durch Begeisterung und positive Erfahrungen. Im Kurs erwerben Selbstdisziplin durch das Verweilen und Ausharren im Asana. In jedem Asana kommt der Punkt, wo es unangenehm wird, wo die ersten Widerstände auftreten. Bleibt man jedoch dran und gibt nicht auf, verändert sich etwas, und die Haltung gewinnt oft eine ganz neue befriedigende Qualität. Jede dieser Erfahrungen stärkt die Selbstdisziplin. Sie zeigt, daß es sich lohnt, an seinen Widerständen zu arbeiten, daß es sich lohnt zu üben. Rilke hat einmal gesagt: "Allein daß etwas schwer ist, ist schon Grund genug, es zu tun." Er wußte, daß hinter den Widerständen und Schwierigkeiten das größte Wachstumspotential liegt. Selbstdisziplin entwickele ich aber nur, wenn ich die Wahl habe, und ich selbst mich bewußt dafür entscheide, z.B. in Adho mukha svanasana noch 5 min zu bleiben. Bleibe ich nur, weil ich z.B. Angst habe, daß der Lehrer mich lächerlich macht, wenn ich früher zurückkomme, fördert das zwar meine Ausdauer, aber nicht meine Selbstdisziplin. Sie entwickelt sich, wenn ich bewußt wahrnehme, daß ich die Wahl habe, weiterzumachen oder aufzugeben und dann dem Impuls folge, der meinem Wachstum förderlicher ist. Eine gesunde und freundliche Selbstdisziplin hilft, sich jeden Tag neu auf die Matte zu stellen und intensiv, gewissenhaft und beharrlich zu üben. Sie überwindet somit Starrheit, Nachlässigkeit, Faulheit, Gier und das Nicht-Ausharren.

Achtsamkeit entwickeln

Achtsamkeit bedeutet genaues, unvoreingenommenes Hinschauen, Hinhören, Hinspüren - erkennen was jetzt ist. Es verlangt zum einen Wachheit und zum anderen eine genaue, differenzierte Wahrnehmung. Dem achtsamen Wahrnehmen folgt das achtsame Handeln. Es bedeutet, einfühlsam und exakt das zu tun, was zu tun ist, nicht mehr und nicht weniger.
Wie entwickeln wir Achtsamkeit? Das markante am Iyengar-Yoga ist die Liebe fürs Detail, die "Ekstase der Genauigkeit". Die Feinarbeit, das immer tiefere Eindringen in die Struktur und Zusammenhänge des Körpers und der Asanas lehrt uns ein feineres und differenzierteres Wahrnehmen der eigenen Existenz. Wir spüren unsere Unausge-wogenheiten und Schwächen deutlicher und suchen Wege, sie zu beheben. Achtsamkeit verlangt ein aktives Hinwenden zum Wahrnehmen. Ich muß bereit sein, bei jedem Üben, ja in jedem Augenblick Neues zu entdecken und mich aktiv damit befassen. Mechanisches Üben bewegt zwar den Körper, jedoch das Bewußtsein bleibt dabei dumpf. Allein achtsames Üben entwickelt die Körperintelligenz und führt zu einer ganzheitlichen Erfahrung. Die erfahrene Yogalehrerin Luise Wörle drückt dies aus, wenn sie sagt:
"In meinem Unterricht geht es mir nicht darum, zu sagen: Streckt oder dreht den Arm so oder so. Ich möchte die Achtsamkeit dafür schulen, was wirklich geschieht."
Will ich Achtsamkeit lehren, muß ich die Aufmerksamkeit immer wieder auf die feinen Unterschiede in der Ausführung des Asanas lenken. Was bewirkt diese Bewegung, was jene? Wie bewegen sich Knochen, Muskeln und Haut? Wie verändert sich der Atem? Fließt die Energie mühelos? Wie ist meine Gemütsverfassung jetzt? usw. Achtsames Üben vermittelt ein Gespür für die Ausgewogenheit und Stimmigkeit einer Haltung. Es schafft somit die Voraussetzung für Unterscheidungsvermögen (viveka) und Erkenntnis (jnana). Es korrigiert falsche Ansichten, beseitigt Zweifel und zeigt mir den Weg, wo es weiter geht.

Zusammenfassend läßt sich sagen: Achtsamkeit zeigt uns immer wieder genau, was zu tun ist, und Selbstdisziplin hilft uns, es tatsächlich zu tun. Beides ist für das selbständige Üben und ein bewußtes Leben unerläßlich. Daher erscheint es mir wichtig, diese Fähigkeiten im Unterricht zu fördern, damit wir Sammlung mehr und mehr im Alltag erfahren und unsere Lebenskraft zum Wohle des Ganzen einsetzen können.

Abschlußbemerkung:
Ich habe versucht, Aspekte zu diesem Thema zusammenzutragen. Dieser Artikel hat jedoch keineswegs den Anspruch, das große Thema "Was ist guter Yogaunterricht?" umfassend zu behandeln. Vielmehr ist es mein Wunsch, eine Auseinandersetzung mit dem Thema anzuregen. Ich jedenfalls freue mich über Kritik, Austausch, und weitere Anregungen.

Willi Kiechle
Am Brunnen 28
85551 Kirchheim

Auch die Redaktion nimmt die Anregung an und lädt unsere Leserschaft ein, eigene Ideen und Erfahrungen (als "Leserbrief" oder Artikel) miteinander auszutauschen. Beiträge für künftige Ausgaben bitte an die Geschäftsstelle!


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