Yoga ist eine psychosomatische Wissenschaft

 Pressekonferenz B.K.S. Iyengar in Berlin, 10.0ktober 1997, Teil 2

Anläßlich des Besuches von B.K.S. Iyengar in Berlin Oktober 1996 wurde von der Iyengar-YogaVereinigung Deutschland und der Ärztekammer Berlin eine Pressekonferenz zum Thema "Yoga ist Medizin" veranstaltet.
Vor zahlreich erschienenen Reportern und Journalisten aus der Berliner Medienlandschaft begrüßte Dr.Ellis Huber der Präsident der Ärztekammer Berlin, B.K.S. Iyengar mit einer herzlichen und offenen Ansprache. Die erste Frage einer Reporterin bezüglich Gurujis therapeuticher Arbeit veranlaßte ihn,einen über eine Stunde dauernden,detailierten Vortrag über den Zusammenhang zwischen Medizin und Yoga zu halten. Das war die Pressekonferenz!
Während dieser Stunde ahnte ich welch komplexes Wissen und welch tiefe Erfahrungen sich in seinen Worten wiederspiegelten - doch vieles verstand ich einfach nicht. Da ich mich in meinem Nicht- Verstehen nicht alleine fühlte, fragte ich Georgie Grütter, Yogalehrerin und Philosophiedozentin der Berliner Studiengruppen, ob es nicht sinnvoll wäre, in einer für uns alle verständlichen Sprache, eine kommentierende und frei übersetzte Zusammenfassung zu erarbeiten, die den komplexen und tiefgründigen Vortrag Gurujis wiedergeben sollte.
Die unten angegebenen Literaturhinweise sollen dazu anregen, in der Primär und Sekundäditeratur zu stöbem.

Thema: Yoga ist Medizin

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(Foto: IYVD)

Kommentar und freie Übersetzung von Georgie Grütter und Hermann Traitteur

Yoga ist eine psychosomatische Wissenschaft

Yoga ist eine psychosomatische Wissenschaft, die sowohl den Körper, als auch die Psyche stärkt. Man kann den Körper zum Geist hin verändern, oder den Geist zur Nutzung des Körpers, so daß Geist und Körper einander näher kommen, einander verstehen. So entsteht Freiheit und diese Freiheit im Körper und im Geist ist ein Zeichen von guter Gesundheit. Die verschiedenen Yogahaltungen filtern unser Blut und erzeugen sowohl auf bioenergetischer, als auch auf biochemischer Ebene gewaltige Energieströme, die uns gesund erhalten. Der Begriff Gesundheit ist sehr schwer zu definieren. Gesundheit ist eine dynamische Kraft, ähnlich der Erzeugung von Strom durch die Wasserkraft. Nie badet der Mensch in demselben Wasser. Es ist unaufhörlich neues Wasser, nie dasselbe. Gesundheit ist in etwa vergleichbar einem sich bewegenden, strömenden Flußlauf, der sich von Sekunde zu Sekunde ständig verändert. Gesundheit an sich kann nicht definiert, sondern höchstens umschrieben werden: Wenn eine Person in einen Fluß eintaucht, taucht sie in neues Wasser ein. So fließt auch Gesundheit dynamisch, elektrisch, von Moment zu Moment. Das ganze menschliche System verändert sich, alle Systeme, die im menschlichen Körper existieren, verändern sich. Es gibt keine Regression, nur eine Progression, Gesundheit kann sich nicht zurück-, nur fortentwickeln.

Das Nervensystem und die drei Hauptnadis: ida, pingala und sushumna

Um ihnen den Hintergrund von der Yogaphilosophie zu vermitteln, möchte ich nun etwas in Einzelheiten gehen. Die Yogawissenschaft sagt, daß die Sinne der Wahrnehmung vom Geist kontrolliert werden und der Geist von den Nerven. Das Nervensystem bildet die Basis für Glück und Wohlbefinden. Diese Wissenschaft ist bekannt, ich weiß nicht ob als Neuropsychologie oder Psychoneurologie. Man kann das nennen, wie man will. Die Nerven können die Gefühlswelt stören, die Gefühle können das Nervensystem stören. In der Yogawissenschaft gibt es ebenfalls Kenntnis über das periphere, autonome und zentrale Nervensystem. Hier beschreibt man sie als ida, pingala und sushumna. Pingala entspricht den peripheren Nerven, Ida dem autonomen Nervensystem, bei dem es eine Zwischenkontrolle gibt. Sushumna, auch kundalini genannt, ein Begriff der heute in aller Munde ist, umfaßt das zentrale Nervensystem. Ersteres wirkt auf der Sinnesebene, das zweite auf den Geist, und das zentrale Nervensystem wirkt auf das Unterscheidungsvermögen der Intelligenz.

(Komentare in Schrägschrift.)

Iyengar macht nun Entsprechungen mit Begriffen, die sich in einem unterschiedlichen kulturellen und wissenschaftlichen Zusammenhang entwickelt haben. Er vergleicht das Nervensystem mit den Energiebahnen, Haupt-nadis: ida, pingala und sushumna.

S. Tabelle 1.

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Mit der Erforschung des Nervensystems haben sich die westlichen Naturwissenschaften befaßt. Die Forscher der Anatomie entdeckten bei dem Sezieren von Leichen, daß sich aus dem Gehirn und aus dem Rückenmark eine Vielzahl von Nerven über den ganzen Körper verzweigen. Diese Nerven wurden dann das Periphere Nervensystem genannt. Man entdeckte zugleich, daß das Rückenmark und das Gehirn eine ineinanderübergehende Einheit bilden, und so bezeichnetete man diese als das Zentralnervensystem.

S. Tabelle 2.

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Die Physiologen, die nach der Funktion des Nervensystems forschten, fanden heraus, daß wir einen Teil unserer Nerven durch unseren Willen steuern können, z.B. wie wir uns bewegen unterliegt unserem Willen und deshalb wurde dafür der Begriff willkürliches Nervensystem eingeführt. Die Körperfunktionen, die nicht unserem Willen direkt untergeordnet sind, deren Steuerung wird hingegen vom unwillkürlichen oder autonomen Nervensystem geregelt und wird im Allgemeinen nicht bewußt. Seine Aufgabe ist die Steuerung und Koordination der Funktion aller inneren Organe, wie Herz, Lunge, Blutgefäße, Magen, Darm, Urogenitalsystem und Drüsen. Es wird unterteilt in ein sympathisches und parasympathisches System. In Streßsituationen, bei körperlicher Belastung wird das sympathische System aktiviert zur Steigerung der Körperleistungen. In den Ruhe- und Erholungsphasen wird automatisch das parasympathische System aktiv.

S. Tabelle 3.

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Mit der Erforschung der nadis haben sich die Yogawissenschaftler beschäftigt. Nadi kommt von der Wurzel "nad", was hoher Stengel, Schwingung, Antrieb, Resonanz meint. Mit Nadis beschreiben die Yogawisssenschaftler Energiekanäle, durch welche der lebenswichtige Prana = Energie zu allen Körperteilen geleitet und der ganze Körper damit versorgt wird. Diese Energiekanäle wurden nicht wie bei unseren Naturwissenschaftlern durch das Sezieren von Leichen entdeckt, auch wurden keine technischen Geräte erfunden um diese zu messen, sondern das wissenschaftliche Instrument war allein das eigene Empfinden, die Selbsterfarung und deren Auswertung. Durch die über Jahrhunderte hinweg andauernden Forschungen entwickelten verschiedene Techniken, Yoga-Techniken, durch deren disziplinierte Anwendung die Nadis genauer und detaillierter erfaßt und beschrieben werden konnten. Das im Mittelalter zusammengestellte Schriftwerk, die Hatha Yoga Pradipika nennt die Existenz von 7200 verschiedenen Nadis. Sie durchziehen den Körper von den Füßen bis zum Scheitel und entspringen alle aus einem Punkt unterhalb des Nabels, der kanda genannt wird. Vierzehn dieser Leitkanäle gelten als wichtig und unter ihnen ragen 3, ida, pingala und sushumna heraus. Ida entspringt rechts von der kanda und verläuft dann links von der zentralen Köperachse zum linken Nasenloch, durch welches sie den Prana aufnimmt. Sie wird dem Weiblichen, dem Mond zugeordnet und als blaß, kühlend und beruhigend beschrieben. Pingala entspringt links der Kanda und verläuft rechts der zentralen Achse zum rechten Nasenloch, durch welches sie die Energie aufnimmt. Er wird dem Männlichen zugeordnet und als leuchtend rot, wärmend und voller Antrieb beschrieben. Sushumna zieht von der Kanda durch das Zentrum der Wirbelsäule zur Schädelkrone und ist allen anderen Nadis übergeordnet. Kundalini, was wörtlich soviel wie Schlange heißt wird als spirituelle Kraft beschrieben, die am unteren Ende der Wirbelsäule ruht. Wird deren Energie geweckt, so steigt sie in die Sushumna auf, welche die ausgleichende Mitte zwischen Ida und Pingala darstellt.

Um nun die Entsprechungen zwischen den Begriffen und Ergebnissen der Yoga- und der Naturwissenschaft besser einordnen zu können, sollten wir die unterschiedlichlichen Entstehungswege und Zusammenhänge nicht außer acht lassen und verstehen, daß es sich um Entsprechungen handelt, aber nicht alles identisch und austauschbar ist.

S. Tabelle 4.

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Die östliche Wissenschaft kannte bereits vor vielen Jahrhunderten nicht nur den Solarplexus, welcher den Körper erhitzt, sondern auch den Lunarplexus, welcher den Körper abkühlt. Der Solarplexus ist in der Nabelgegend lokalisiert und wird von der modernen Wissenschaft dem autonomen Nervensystem zugeordnet, der Lunarplexus, der sich auf der Rückseite des Hirnes befindet und für die Wärmeregulierung zuständig ist, ist heute als Hypothalamus bekannt.
Atembewegungen entstanden, einmal als positiver Strom, ida gleich der Sonnenenergie und pingala gleich der Mondenergie als negativer Strom. Die moderne Wissenschaft kennt die Funktion des Solarplexus im sympathischen Nervensystem. Sympathisches und parasympathisches sind also als Solar- und Lunarplexus bekannt.

Warum wurden Pranayama- und Asanatechniken entwickelt?

Pranayama d.h., Atemtechniken wurden entwickelt. Ich sagte schon, daß ruhiges Wasser keine Energie erzeugt, sondern nur aktives Wasser, ein Wasserstrom erzeugt Energie.
Die Yogis entdeckten verschiedene Yogastellungen, die das gesamte Blut gefiltert halten. In einer jeden Yogahaltung gibt es das System der Trocknung, der Bewässerung, der Versorgung und der Entwässerung. Im Atemprozeß fanden sie heraus, daß die Einatmung und die Ausatmung zusammentreffen, um im System Bioenergie zu erzeugen, bekannt als Elektrizität im Körper. Pranyamatechniken wurden entwickelt, um die Gesundheit des Körpers zu verbessern. Nur die Energie ist für die Erhaltung guter Gesundheit verantwortlich. So entstanden Pranyamna und Asanatechniken. Für die Biochemie wurden die Asanas geliefert, für die Bioenergie wurde Pranayama geliefert, so daß am Ende der Mensch in Einheit mit Körper, Geist und Seele lebt. Das ist die ganze Skala von Yogawissenschaft und Yogaphilosophie.

Die von Iyengar eingeführten Begriffe Biochemie, Bioenergie wollen wir von verschieden Richtungen aus beleuchten.

S. Tabelle 5.

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Aus der Sicht der Yogawissenschaftler, ist Energie = prana, etwas feinstoffliches, welches den Körper durchdringt und erhält. Wie oben beschrieben strömt sie durch die röhrenförmigen Organe = nadis des feinstofflichen Körpers. Das Üben von Pranayama trägt zur Reinigung der nadis bei.
Die Biochemie ist eine Naturwissenschaft, die sich mit den Bausteinen des Organismus sowie mit ihren entsprechenden Reaktionsabläufen befaßt. Das Wort Bioenergie läßt sich in den naturwissenschaftlichen Büchern nicht eindeutig zuordnen. Wörtlich übersetzt ist Bioenergie, Energie die durch ein Lebewesen hervorgebracht wird.
Betrachten wir den menschlichen Stoffwechsel, unter dem Gesichtspunkt der Energie. Unsere Nahrung wird im Magendarmtrakt mit Hilfe der Drüsen in kleinste Bestandteile zerkleinert, wovon ein Teil ausgeschieden wird. Der wertvollere Teil wird mit Hilfe des Blutkreislaufes im Organismus verteilt: auf diesen Prozeß wirken besonders die Körperstellungen = asana.
Um diese kleinsten Teile möglichst gut in Energie umzuwandeln, benötigen wir den Sauerstoff. Nur mit dem Sauerstoff können wir optimal Materie in etwas Nicht-Materielles, wie Energie, umwandeln. Pranayama = Atemtechniken beeinflussen den Sauerstoffgehalt unseres Blutes, und somit sind sie für den Umwandlungsprozeß von zerkleinerter Materie in Energie von großer Bedeutung.

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Dies war der zweite Teil der kommentierten, frei übersetzten Pressekonferenz.

Literatur:

Elliade Yoga, Unsterblichkeit und Feiheit, S. 246 ff
B.K.S. Iyengar, Licht auf Pranayama S. 60 ff
bezüglich Kundalini-Nadi-Chakra-Komplexes verweisen wir auf den Artikel von Karl Baier in der Abhyasa Nr.6
Roche, Lexikon Medizin
Arnold, Lexikon der Psychologie


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