Nicht-Üben Nicht-Lernen
Nicht-Lehren

von Karl Baier


Was macht einen guten Lehrer und einen guten Unterricht aus?
Dies, daß der Lehrer das Unterrichten vergißt.
Die Schüler sehen ihn nicht mehr und hören auf zu lernen.

Keiner tut etwas; es öffnet sich der Weg.

Der Weg ist nicht die nie endende Übung.
Er fängt erst an, wo die Übung endet und zur Nicht-Übung wird.

Ein Lehrer, der lehren will, ist kein wahrer Lehrer.
Ein Schüler, der lernen will, ist ein schlechter Schüler.
Ein Übender, der an der Übung festhält, wird nichts vollbringen.

Der Weise lernt nicht zu lernen und wendet sich dem zu, woran alle andern vorübergehen:
So aber stützt er der abertausend Geschöpfe Natürlichkeit, sagt Laotse.

Also:
Brich mit dem Lehren, ohne dein Geben zu behindern -
Brich mit dem Lernen, ohne zu trauern -
Brich mit dem Üben, ohne nachlässig zu werden -

Wer kennt den Ort, wo Lehren Nicht-Lehren, Lernen Nicht-Lernen und Üben Nicht-Üben ist?

Am Lehrer und am Schüler liegt nichts.
Achte auf das Offene zwischen ihnen.
Schon ist der Lehrer nicht mehr Lehrer und der Schüler kein Schüler mehr.

Die Korrektheit der Haltung ist Durchlaß und für sich genommen nichts.

Jemand, der der Übung fernsieht, kann mit den vielen Details nichts anfangen.
Der Übende nimmt die Genauigkeit ernst und mißt jede Einzelheit an ihr.
Der Nicht-Übende durchschaut die Genauigkeit als Witz, aber als guten.
Nur wer von ihrer Einsicht und Tiefe berührt wurde, kann über gute Witze lachen.

Es gibt nichts zu verbessern. Damit fangen wir an.

Nicht, was sich mißt sein, das, was ist sein -
Eine gute Yogastunde: Dein Name wird mit Wasser in den Fluß geschrieben.

Es gibt nichts zu verbessern. Damit hören wir auf.

"Sobald man sich insbesondere eine Vorstellung von der »Übung« selbst macht, ist man auch schon der Ansicht »Übung« verhaftet. In dem Bereich, wo Übung wahrhaft Übung ist, sind Phänomene wie der Mensch, der seine Gliedmaßen bewegt, wie die Wolken, die am Himmel ziehen, wie dahinströmendes Wasser, fallende Blätter und verwehende Blüten ohne An-Sehen. Ihre Form ist form-los. Und sich diese form-lose Form zu eigen machen - das heißt »üben«."

(Keiji Nishitani)

Das Üben, das in die formlose Form
findet, ist Nicht-Üben.

Das Nicht-Üben ist nutzlos und unnötig -
ebenso das Denken des Nicht-Übens.

Übung und Nicht-Übung sind nicht zweierlei. Sie unterscheiden sich nicht wie das Sein von etwas von seinem Nichtsein, denn der Sinn der Nicht-Übung liegt nicht darin, nicht zu üben.

Das Nichts der Nicht-Übung und das ungehinderte Sein der Übung sind dasselbe.

Nicht-Üben bedeutet die Übung in dem zu belassen, worin sie beruht.
Die Nicht-Übung ist die Selbstbezeugung des Wesensgrundes der Übung im Üben.

Wo der Ursprung des Übens im Üben selbst nicht hervortreten kann, weil der Übende etwas vom Üben will, ist Üben Üben und sonst nichts.

Bloßes Üben ist Ergreifen der Form.
Es führt zu Geschicklichkeit, Stärke und Wohlbefinden. Gelangt es an seine äußerste Grenze, trifft es das Formlose.

Nicht-Üben ist die gelöste Bewegung des Einsseins von Form und Formlosem in unabsichtlicher Offenheit.
Es ist keine Frage der Kunstfertigkeit und Perfektion, sondern des Geschehenlassens des Ursprungs, der in Haltung und Atmung aufgeht.

Wer an den Fortschritt im Üben glaubt, weiß nichts von der Nicht-Übung.
Wer nichts von der Nicht-Übung weiß, hat noch nicht angefangen zu üben und kommt deshalb auch mit dem Üben an kein Ende.

Anfang und Ende der Übung: Der kreisende Tanz von Himmel und Erde.

Nur die Haltung, ohne an ihr zu haften: Das Fleisch zum Himmelsweg werden lassen.
Nur der Atem, ohne ihn aufzublähen; und der Himmelsweg wird Fleisch.

Ein gutes Äsana ist leer: eine offene Tür.
Ein gutes Äsana ist voll; wie ein Mund, der einen frischen Apfel verspeist.

Wahres Ausatmen macht kein Aufhebens von sich.
Es geht mit dem fallenden Blatt.
Wahres Einatmen kommt wie die Frühlingsbrise.
Es belebt ohne Zutun.

Die Vollkommenheit in der Übung ist unscheinbar wie ein dürrer Ast.

Deshalb:
Die rechte Übung strahlt nicht.
Der rechte Lehrer fällt nicht auf.
Der rechte Schüler fragt nicht nach dem Weg.

Ich sah unter den Übenden viel buntes Volk, Artisten und ihre Bewunderer, Partnersuchende und Partnerfindende, Heiler und Patienten, Händler und Kunden, Meister und Schüler, Philosophen und Weisheitshungrige.
Und ich war mitten unter ihnen. Unser Eifer war groß; wir hatten viel zu tun.
Doch als mich das Nicht-Üben streifte und mir der Yoga aufging, war der Übungsraum leer.

Wer im Yoga ist, hält sich nicht dabei auf.


März 1998

Nachbemerkung

In "Vom Sinn und Unsinn der Übung" (Abhyâsa Nr. 1 - 3. Mai 95 ff.) habe ich Gedanken zu einer Philosophie der Übung vorgelegt. Die letzten Jahre haben durch weitere Besinnung meinen Standort verändert. Während der frühere Versuch von der Übung ausging und sich auf das, was vom Stand des Übens aus gleichsam hinter dem Rücken der Übung geschieht, zubewegte, hat sich nun die Richtung umgedreht. Das zur Übung Gesagte behält gleichwohl seine Gültigkeit als Schritt auf einem Weg, bei dem jeder Halt vorläufig ist. Durch das Denken der Nicht-Übung wird das Denken der Übung auf einen tieferen Grund gebracht, der nichts Besonderes ist, sondern einfach wie die Erde unter uns und der offene Raum um uns. Es verwandelt sich dabei, ohne verloren zu gehen.

Schon vor Jahren hat Donna Holleman auf die Bedeutung des Wu-Wei, des Nicht-Handelns für die Iyengar-Yoga-Praxis hingewiesen. Iyengar spricht gelegentlich von "effortless effort", der mühelosen Bemühung. Doch ist es bisher bei Randbemerkungen geblieben, die von der Übung her auf den Bereich der Nicht-Übung hindeuten. In der heutigen Iyengar-Yoga-Szene herrscht der Drang am Üben, Lernen und Lehren festzuhalten und sie unter großem Willenseinsatz weiter zu entwickeln. Die Übung strahlt, die Lehrer machen etwas aus sich und die Schüler sind wißbegierig. Ob unter diesen Bedingungen die Nicht-Übung einkehren kann, steht dahin.


Nächste Seite© 1999 IYVD