Pressekonferenz B.K.S. Iyengar
in Berlin 1996, Teil 3

Anläßlich des Besuches von B.K.S. Iyengar in Berlin Oktober 1996 wurde von der Iyengar-YogaVereinigung Deutschland und der Ärztekammer Berlin eine Pressekonferenz zum Thema "Yoga ist Medizin" veranstaltet.

Vor zahlreich erschienenen Reportern und Journalisten aus der Berliner Medienlandschaft begrüßte Dr.Ellis Huber der Präsident der Ärztekammer Berlin, B.K.S. Iyengar mit einer herzlichen und offenen Ansprache. Die erste Frage einer Reporterin bezüglich Gurujis therapeuticher Arbeit veranlaßte ihn,einen über eine Stunde dauernden,detailierten Vortrag über den Zusammenhang zwischen Medizin und Yoga zu halten. Das war die Pressekonferenz!

Während dieser Stunde ahnte ich welch komplexes Wissen und welch tiefe Erfahrungen sich in seinen Worten wiederspiegelten - doch vieles verstand ich einfach nicht. Da ich mich in meinem Nicht- Verstehen nicht alleine fühlte, fragte ich Georgie Grütter, Yogalehrerin und Philosophiedozentin der Berliner Studiengruppen, ob es nicht sinnvoll wäre, in einer für uns alle verständlichen Sprache, eine kommentierende und frei übersetzte Zusammenfassung zu erarbeiten, die den komplexen und tiefgründigen Vortrag Gurujis wiedergeben sollte.

Thema: Yoga ist Medizin

Die Yoga-Therapie ist eine Heilkunst bzw. eine Heilwissenschaft und keine Medizin, weil sie Krankheiten durch die körpereigenen Abwehrenergien bekämpft, die durch die yogische Praxis mobilisiert werden.

Krankheiten können am Anfang verborgen sein, dann sichtbar werden, sie sind manchmal aktiv, manchmal passiv, manchmal hochakut.

Unsere Herangehensweise berücksichtigt die unterschiedlichen Symptome von Krankheiten und versucht gleichzeitig, die Lebensweise, Stimmungen und Verhalten der Kranken miteinzubeziehen.

Deshalb arbeiten wir von der Peripherie, wenn eine Krankheit sehr aktiv ist. Wir arbeiten vom äußeren Körper aus, wenn sie passiv und aktiv ist, wir gehen etwas tiefer in den physiologischen Körper, wenn, sie aus dem physiologischen Körper stammt. Wenn sie stark hervortritt, gehen wir zum Geist und wenn sie verborgen ist, gehen wir zum Ursprung. Der Krankheit entsprechend gehen wir vom Ursprung zur Peripherie, von der Peripherie zum Ursprung.

Bei dieser Beschreibung von Krankheiten und der daraus folgenden Therapien wird deutlich, daß ein hochdifferenziertes Maß an Selbsterfahrung und Einfühlungsvermögen die Basis einesYogatherapeuten sein muß.

Hierbei arbeiten wir mit verschiedenen Körperstellungen und Atemtechniken, um die Gesundheit zu verbessern.

Ich habe verschiedene Krankheiten behandelt, von der Übersäuerung des Magens bis zu Herzerkrankungen. Selbst Patienten nach einer Bypassoperation, einer Operation am offenen Herzen, haben sich durch Yoga wesentlich erholt.

  • Yoga und Medizin: Berührungspunkte und Unterschiede
  • Jetzt bin ich froh, daß sich wenigstens die deutschen Wissenschaftler gemeldet haben, denn Yoga ist ebenso wie die Medizin ein Fachgebiet für die Gesundheit, aber gleichzeitig auch eine erfahrbare Wissenschaft. Würde man die Medizin als objektive Wissenschaft, deren Wissen objektiv nachprüfbar ist, mit Yoga als subjektiver Wissenschaft zusammenbringen, könnte man wahrscheinlich eines der besten Jahrhunderte für die Gesundheit erleben.

    Wir gehen ohne technische Hilfsmittel vor, führen keine Messungen durch und verfolgen lediglich das Ziel, für jedes Individuum eine Gesundheit in Harmonie aufzubauen. Subjektive Wissenschaft (Yoga) und objektive Wissenschaft (Medizin) können voneinander lernen, aber sich nicht einander anverwandeln. Es ist an der Zeit, das objektive Wissen der Medizin mit der subjektiven Erfahrung von Yoga zusammenzubringen, um durch eine Kombination von beiden perfekte Gesundheit zu gewinnen.

    Mr. Iyengar verwendet immer wieder die Begriffe subjektiv und objektiv, bzw. subjektive und objektive Wissenschaft, wenn er über Yoga und Medizin redet.

    Bei den objektiven Naturwissenschaften wird versucht, die Natur durch objektive Meßtechniken zu beschreiben, Gesetzmäßigkeiten zu erkennen und auszuwerten. Wenn wir die moderne Medizin betrachten, stehen hier Instrumente und Maschinen im Vordergrund. Die dadurch erhaltenen Daten entsprechend den aktuellen Forschungsergebnissen auszuwerten, bildet einen großen Teil der Herausforderung für den heutigen Arzt:

    Die Untersuchung des Blutes, die Messung und Bestimmung von Hormonen u.ä. hilft auf der Suche nach Erkrankungen der inneren Organe. Zur Diagnose von Knochenveränderungen dienen bildgebende Verfahren wie, z.B., das Röntgenbild oder das noch genauere Computertomogramm (CT). Bei Erkrankungen der Nerven und des Gehirnes werden Nervenleitgeschwindigkeiten (EMG) oder Gehirnströme (EEG) gemessen.

    Mit zunehmdem technischen Fortschritt wird die Darstellung und das Erkennen von Krankheiten bis hin zu genetischen Tests, die eine Veranlagung bzw. das Ausbrechen von bestimmten Krankheiten voraussagen können, immer genauer.

    In der subjektiven Wissenschaft des Yoga wurden keine technischen Geräte erfunden, sondern das wissenschaftliche Instrument war das eigene Empfinden, die Selbstbeobachtung und deren Auswertung. Der Yogawissenschaftler ist Forscher, Forschungs-Instrument, und Forschungs-Objekt in einem. Das Ziel dieser Forschungen ist nicht vordergründig Krankheiten zu beseitigen, sondern es liegt in der Selbsterkenntnis, der Gotterkenntnis bzw. Erleuchtung. Durch die in der Yogapraxis geschulte Innenschau entwickelt der Yogawissenschaftler ein immer weiter sich differenzierendes Bild des eigenen Wesens.

    Die medizinische Wissenschaft arbeitet bis heute daran, ungesunde Menschen gesund zu machen, Krankheiten zu erforschen und nach Mitteln zur Bekämpfung von Krankheiten zu suchen. Jedoch hat sich bisher noch kein Wissenschaftler mit der Einsicht hervorgetan, daß ein gesunder Mensch erst gar nicht krank werden sollte und ich meine, daß Yoga das einzige Fachgebiet ist, das den Menschen bis zu seinem letzten Atemzug Gesundheit verschafft.

    Die Medizin muß lernen zu berücksichtigen, daß die Mehrheit der Menschen trotz Pharmazie und Krankheitsforschung immer noch leidet und ab einem gewissen Alter ihre Gesundheit verliert.

  • Vorsorge ist besser als Heilen
  • Bisher gibt es keine Wissenschaft, die weiß, wie man einen gesunden Menschen für immer gesund erhält. Die Yogawissenschaft sagt, wir wissen nicht genau, welche Krankheiten in uns gespeichert sind, noch ob sie in Zukunft ausbrechen werden. Daher setzt sich Yoga entschieden für Prävention ein, daß heißt, die Abbwehrkräfte sollen gestärkt werden: Stärken Sie ab jetzt Ihre Abwehrkräfte, so daß keine angreifenden Erkrankungen in Ihr System eindringen können!

    Heyam duhkham anagatam

    Man hat keine Ahnung zu welcher Zeit die Schmerzen und Leiden zu einem kommen. Bereiten Sie sich darauf vor, daß sie wegbleiben.

    Vor zweitausend Jahren sagte Patanjali, daß Vorsorge besser als Heilung sei. Also halten Sie Erkrankungen von sich fern, indem Sie von jetzt an Ihre Abwehrkraft entwickeln.

    Die medizinische Wissenschaft, die Medizin macht das nicht, und ich meine, wenn sie es tun würde, wurde das einundzwanzigste Jahrhundert sicherlich einen tiefen Frieden für jedes Individuum bereithalten.

    In sutra 16 des 2. Kapitels, dem sadhana pada, oder dem Weg der Übung sagt Patanjali:

    heyam = um zu vermeiden;

    dukham = Leid, Elend, Enge;

    angatam = künftig, noch nicht eingetreten

    Leid, das noch nicht eingetreten ist, können und sollen wir im voraus erkennen und vermeiden. Dieses sutra steht im Zusammenhang mit den kleshas (= Trübungen, Hemmnisse, Konflikte), die Patanjali in den sutren 3-9 aufzählt und deren Wirkung er in den sutren 10-14 des 2. Kapitels nennt.

    Die kleshas sind:

    1. avidya = täuschen, fälschen, nicht wissen
    2. asmita = falsches Ich-Bewußtsein, Ego
    3. raga = Gier, Sucht nach mehr, Anhaften
    4. dvesha = Ablehnung, Abneigung, Haß
    5. abhinivesha = Haften am Leben, Illusion ewig zu leben, Basis für Angst

    Avidya ist allen kleshas übergeordnet und bildet den Nährboden für alle weiteren Konflikte.

    Hieraus wird deutlich, daß die Aufforderung von Mr.Iyengar an uns, Abwehrkräfte zu entwickeln, sich auf alle Ursachenkomlexe bezieht, die Leiden, Unzufriedenheit, Bedrängnis und Konflikte hervorrufen.

    Durch unsere Yogapraxis trainieren wir nicht nur unseren Körper und stärken unsere Organe, vielmehr können wir die Mechanismen der kleshas kennenlernen, ihrer Macht entgegentreten und dadurch unsere positiven Kräfte auf eine allumfassende, ganzheitliche Weise stärken. Durch die Entwicklung von immer mehr Klarheit können wir leidvolle Erfahrungen vermeiden und alle Aspekte von Gesundheit unterstützen.

    Wenn ein Individuum zufrieden ist, dann fließt diese Zufriedenheit wie ein Fluß von seiner Person zur anderen und setzt sich immer weiter fort. Ein zufriedener Mensch strahlt Zufriedenheit aus, diese Ausstrahlung erfaßt wiederum andere Menschen. Daraus entsteht Frieden und Zufriedenheit ergießt sich gleichsam über die ganze Welt.

    Es gibt keinen Kampf um Frieden, wir müssen nicht um Frieden Kämpfen.

    Streß, Überlastung und Hektik von denen man heute so viel spricht, sind nichts anderes als eine Geisteskrankheit. Selbst wenn gar kein Streß vorhanden ist, hört man überall: "ich bin gestreßt".

    Man nimmt Medikamente zum Schlafen, man nimmt Medikamente zum Aufwachen. Yoga sagt: "nimm nichts!" Streß, Überlastung und Hektik können durch rechte Arbeit, rechtes Wort und rechte Weisheit (rechtes Verständnis) bekämpft werden, nur so können Sie sich vor deren Attacken schützen.

    Mr.Iyengar nennt ein "Rezept", das uns gerade heute vor Überlastung, Streß und Hektik schützt. Zu vermuten ist, daß er hier auf den Trimarga-Yoga (Dreiweg) Bezug nimmt, d.h. auf die Zusammenfassung der drei Yoga-Wege, Karma-, Jnana und Bhaktl-Yoga, die in der bhagavadgita erzählerisch beschrieben werden.

    Um sich diese drei Wege besser vorstellen zu können, hier die Übersetzung und eine kurze Erklärung:

    Karma-Yoga = Yoga der Tat und des Handelns: man erfüllt seine Aufgabe in vollkommenen Gleichmut, ohne Erwartung von Belohnung oder Bestrafung.

    Jnana-Yoga = Yoga der Erkenntnis; durch meditative Versenkung und intellektuelle Analyse entsteht Unterscheidungsvermögen und avidya (= falsche Wahrnehmung) wird überwunden.

    Bhaktl-Yoga = Yoga der Hingabe an ein höheres Ideal; durch Versenkung in intensive Gottesliebe geht das Ego des Übenden in seinem erwähnten Ideal auf.

    Vergleichbar wäre der Trimarga-Yoga auch mit dem Kriya-Yoga, den Patanjall im 2. Kapitel der Yogasutren genau beschreibt. Kriya kommt, wie karma von der Silbe kr = tun, kriya = Tat, Ausführung, Mühe. Im 1. Sutra des 2. Kap. Heißt es:

    Tapah-svadyayeshvara-pranidhananikrlya-yogah.

    Tapah = Hitze, Glut, brennender Eifer" Strenge
    svadhyaya = Selbststudium, Studium der Schriften
    ishvara-pranidhana = Hingabe an Gott
    kriya-yogah = übbarer, praktizierbarer Yoga

    Man könnte auch etwas freier übersetzt tapas als Reinigungs- bzw. Klärungsprozeß sehen, svadyaya als Prozeß der Selbsterkenntnis und ishvara pranidhana als Prozeß der Einsicht, daß nicht alles in unserer Hand liegt, was eine große Offenheit erfordert. Mr. Iyengar hat des öfteren erwähnt, daß diese 3 Qualitäten sich in harmonischen Gleichgewicht befinden sollten, um in der Übungspraxis voranzuschreiten. Voranschreiten im Yoga heißt: immer klarer und aufmerksamer unsere Haltungen und Handlungen überprüfen und so unserem innersten Wesen näher zu kommen. Wenn alle Menschen ihre Schritte im Ausgleich mit diesen drei Qualitäten leiten würden, würden sie nicht so stark von den o.g. drei Faktoren, Streß, Überlastung und Hektik, angefallen werden.

    Wodurch können Hektik, Streß und Überlastung verhindert werden ?

    Yoga kräftigt unser Nervensystem. Alle Stellungen, alle Atemformen können dafür sorgen, die Nervenbahnen sauber zu halten. Auch auf energetischer Ebene sollte es keine Blockaden geben. Blockaden führen zu Krankheiten. Die Yogsawissenschaft lehrt uns, bzw. hilft uns dabei, den Energiefluß in den 16.000 Kilometer langen Kanälen des Nervensystems zu reinigen und frei von Blockaden zu halten.

    (s. Teil 2 der kommentierten Pressekonferenz in abhyasa Nr.7: Das Nervensystem und die drei Hauptnadis

  • Können Yogawissenschaft und Medizin zusammenarbeiten?
  • 1989 fand in Moskau die erste Konferenz zum Thema Alternativmedizin statt. Das war zwar ein Anfangspunkt, aber auch die darauffolgenden Konferenzen haben zu keiner wirklichen Zusammenarbeit zwischen diesen beiden Disziplinen geführt.

    Deshalb müssen wir zusammentreffen, und es freut mich, daß hier Ärzte und Yogalehrer zusammengekommen sind, die Krankheiten behandeln. Die Mediziner sollten mit den Yogalehrern zusammenarbeiten und umgekehrt: Zum Beispiel den Blutdruck betreffend, also bei Hochdruck und zu niedrigem Druck, bei Drüsenstörungen und hormonellen Fehlfunktionen. Hierbei könnte man zeigen, wie Yoga wirkt, wie es Wirkungen aufhebt und den menschlichen Organismus insgesamt aktiviert.

    Ich glaube ein Anfang muß gemacht werden, Forschungsarbeiten müssen geleistet werden.

    Bei einem Bluthochdruckpatienten kann ich beispielsweise den Blutdruck innerhalb von fünfzehn Minuten senken, wohingegen die Medizin zwei, drei Tage braucht. Wenn zusätzlich blutdrucksenkende Medikamente gegeben werden, erfolgt die Normalisierung des Blutdruckes noch effektiver und so ist eine Genesung durch Yoga und Medizin möglich.

    Wenn wir zusammenarbeiten, kann Leiden in hohem Maße verringert werden, daran glaube ich, wenn Yoga und Medizin zusammengehen.

    So kann auch die für unsere Gesundheit so wichtige Balance zwischen den vorher erwähnten 5 Elementen des Körpers wiederhergestellt werden, bzw. erhalten bleiben. (s. Teil 1 der kommentierten Pressekonferenz in abhyasa Nr.6: adhibautika: ein Ungleichgewicht der Körperelemente kann zu Krankheiten führen)

    Und dafür kämpfen wir schließlich alle: Um die Erfahrungvon ungetrübter Gesundheit und ungetrübter Glückseligkeit.


    Dies war der dritte und letzte Teil, der kommentierten, frei übersetzten Pressekonferenz.

    Wie schon in der Einleitung erwähnt, bezweckten wir mit unserer Arbeit einerseits den komplizierten Stoff für uns selbst und für euch verständlicher zu machen. Andererseits wollten wir euch dazu anregen, zu den Ursprungsstexten zu greifen und tiefer in die Materie einzudringen. Manchmal kam uns unser Vorhaben, den großen Meister kommentieren zu wollen, etwas tollkühn vor. Doch wir haben mit bestem Wissen und Gewissen versucht, seine Aussagen nicht zu verwässern.

    Ob uns dies gelungen ist, können wir nur über euch erfahren und würden uns deshalb sehr über Leserbriefe freuen:

    Georgie Grütter, Stuttgarter Platz 16, 10627 Berlin

    Hermann Traitteur, Torstr. 126, 10119 Berlin


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