Der Unterrichtsaufbau

von Gita Iyengar

Folgendes wurde einer Frage-Antwort-Stunde am RIMYI in Pune, Indien vom 17. Juli 1994 entnommen. Es wurde vom Videoband von Rose Richardson transkribiert, von Geeta Iyengar und Francie Ricks redaktionell überarbeitet und im IYI Review, San Francisco nachgedruckt. Michael Forbes hat es ins Deutsche übersetzt.
Wir bringen die Übersetzung hier mit Genehmigung der Iyengar Yoga National Association of the United States.

FRAGE: Sollten wir unseren Unterricht so strukturieren, wie ihr das in Pune macht: je ein Wochenprogramm aus Stehhaltungen, Vorwärtsbeugen, Rückbeugen mit Drehungen, und Pranayama? Geht das, ohne die eigene Kreativität aufzugeben?

ANTWORT: Wenn wir hier unterrichten, üben wir normalerweise in der ersten Woche des Monats Stehhaltungen, in der zweiten Woche Vorwärtsbeugen, in der dritten Woche Rückbeugen, in der letzten Woche Pranayama. Nun fragst Du mich, wenn Du einen kreativen Einfall bekommst, ob Du den Unterricht dann entsprechend gestalten darfst? Ich muß sagen, daß ich kein Vertrauen in Deine Kreativität habe. Sonst würde ich verantwortlich werden, dabei kenne ich Deine Kreativität nicht.

Man kann auch dann kreativ sein, wenn man nach einem fixen Programm arbeitet. Du hast gerade im Intensivkurs erlebt, wie mich Guruji auf bestimmte Haltungen eingeschränkt hat, hast Du das nicht gesehen? Hat er nicht befohlen: „Laß sie Sirsasana und Sarvangasana üben und sonst nichts“? Doch, was die Kreativität angeht, verliere ich nichts, wenn ich Sirsasana und Sarvangasana unterrichten sollte. Wenn Guruji meint, „genug von den Stehhaltungen, jetzt etwas anderes“, würde ich da Stop machen. Das heißt nicht, daß ich die Kreativität im Unterricht verloren hätte. Hätte er gesagt, „wiederhole die gleiche Haltung“, so würde ich die gleiche Haltung noch mal unterrichten, und zwar mit dem gleichen kreativen Geist, der danach schaut, was euch in den Haltungen fehlt und was Ihr noch machen solltet. Das ist das Eine.

Geeta Iyengar unterrichtet
Geeta Iyengar gibt Unterricht
Zweitens: Als Lehrer ist es besser, die regelmäßig erscheinenden Schüler nicht zu verwirren. Am besten ist, die erste Woche mit den Stehhaltungen anzufangen, weil fast alle Probleme ihren Ursprung in strukturellen Fehlern haben. Probleme entstehen aus verkehrten Korrekturen, entweder wo der Schüler einen falschen Impuls setzt oder sich gar nicht korrigiert. Strukturelle Mißbildungen des Körpers schaffen die Probleme und die meisten strukurellen Mißbildungen können durch die Standhaltungen verbessert werden. Darüberhinaus sind die Stehhaltungen im Sinne von „Fitnesstraining“ die besten.
Wenn du weißt, daß bestimmte Organe belebt werden müssen oder daß ihr Tonus gesteigert werden sollte, sind die Standhaltungen die vorteilhaftesten, weil du den inneren Körper mit deinen Armen und Beinen in der Haltung manipulieren kannst. Bei den Standhaltungen ist es auch leichter, Verständnis im Schüler zu erreichen. Für den Schüler ist es so klarer, wie man intern arbeitet, auch mit den Organen wie Leber, Niere oder Darm. Wenn ich bei Trikonasana nach rechts sage, „dreht den Bauch von rechts nach links und verlängere die Wirbelsäule“, weißt du, was mit deinem Darm los ist, was mit deinen Rippen passiert, wie sich der Brustkorb öffnet? Der Übende kommt seinem eigenen Körper näher und näher.

Nach Stehhaltungen empfehle ich Vorwärtsbeugen. In den Vorwärtsbeugen arbeitet man eher mit den äußeren Muskeln des Körpers. Du fängst mit den äußeren Rückenmuskeln an, anstatt gleich die innere Wirbelsäulenmuskulatur direkt anzusprechen. Jemand, der noch nicht geübt hat, wird sich mit seinem Rücken kaum auskennen. Was machen die Rückenmuskeln? Anfänger wissen nicht, was da geschieht. Erst wenn sie zum Yoga kommen, lernen sie, wo ihre Probleme liegen. Mit der Verlängerung des Rumpfes in den Vorwärtsbeugen berührt man die Wirbelsäulenmuskeln nicht direkt. Dieses Verlängern entspricht dem Säen eines Samens. Vor ein paar Tagen sagte ich, du mußt die Erde lockern. Du kannst einen Samen nicht in die harte Erde stecken; er geht nicht rein und würde auch nicht sprießen. Zuerst machst du die Erde von außen locker. Dann, wenn du den Samen noch tiefer einpflanzen möchtest, mußt du weitergraben, so daß eine weitere Schicht gelockert wird. Pflanzt du ein Baum wie Mango oder Kokos, mußt du sehr tief gehen. Andererseits, bei einer kleinen Blume ist es OK, den Samen nah an der Oberfläche zu pflanzen. Richtig? Mit einjährigen Blumen steckst du den Samen nicht so tief, irgendwo auf der Oberfläche. Aber die Erde muß auch in diesem Fall gelockert werden. Nun soll der Samen des Yoga in einem Menschen gesät werden. Du kannst nicht als Erstes anfangen, heftig zu graben. Er könnte es nicht ertragen. Also sagst du „OK, nur ein kleines bißchen herumgraben“ und dort den Samen der Asanas säen. Vorwärtsbeugen sind besser, weil du die äußeren Muskeln des Rückens dehnst. Du dehnst die äußeren Muskeln und gleichzeitig bearbeitest du deinen Bauchbereich.

Nach Vorwärtsbeugen kommen Sitzhaltungen oder Drehungen, einfache seitliche Drehungen, bei denen man beginnt, mit den äußeren Wirbelsäulenmuskeln zu arbeiten. In diesen Haltungen dreht es sich, aber es geht noch nicht in die Tiefe.

Letztlich kommst du zu den Rückbeugen, wo du direkt in die inneren Wirbelsäulenmuskeln langst. Wenn du den Samen der Yoga-Pflanze säst, tue ihn tief rein, wie beim Kokos- oder Mangobaum. Auf diese Art beendest du das Monatsprogramm und wendest dich dem Pranayama zu. Etwas Asana-Praxis hat stattgefunden. Einer, der einmal in der Woche in den Unterricht kommt, hat etwas Verständnis bekommen. Dann in der letzten Woche übst du Pranayama. Ein Anfänger kann einfach Savasana üben. Bei Anfängern wird Pranayama erst nach sechs oder acht Monaten eingeführt, vielleicht erst nach einem Jahr.

B.K.S. und Geeta Iyengar
B.K.S. und Geeta Iyengar

Das Monatsprogramm haben wir so aufgeteilt, daß du erst Stehhaltungen lernst, Vorwärtsbeugen, Drehungen und Rückbeugen und dann Pranayama. Solltest du einige Balance-Haltungen üben, passen sie zu den Drehungen. Um fortgeschritteneren Haltungen einzuführen, gehst du wie bei der Organisation der Datenbestände in einem Computer vor, und öffnest die bestimmte Datei. Aus der Datei Vorwärtsbeugen holst du ein paar fortgeschrittenen Haltungen. Du öffnest die Datei Drehungen und nimmst die schwierigeren Haltungen nach und nach dazu, entsprechend der weiteren Entwicklung des Schülers. Wenn du Rückbeugen unterrichtest, öffnest du diese Datei. Die Sequenz des Programms bleibt aber unverändert.

Nehmen wir aber an, daß die Gruppe an Niveau gewonnen hat und Arbeit in allen Bereichen der Praxis braucht. Du weißt, daß eine Person einmal in der Woche kommt, und daß du schauen mußt, daß je eine Prise von allen Haltungs-Kategorien in der Stunde enthalten ist. In dieser einen Stunde magst du zuerst ein paar Stehhaltung geben. Dann gibst du Janu Sirsasana oder etwas von den Vorwärtsbeugen. Weiter gehts mit ein bißchen Drehen. Du magst die Übenden bitten, eine Umkehrhaltung wie Sirsasana zu üben. Dann kommst du nach Sirsasana zurück zu den Rückbeugen. Du verfügst, daß sie Handstand oder ein klein wenig Rückbeugen üben, und dann kommen die Umkehrhaltungen wie Sarvangasana und Halasana. Danach Setu Bhanda und Viparita Karani um sich zu erholen, und schließlich Savasana. Das heißt, daß auf diese Art auch für eine Stunde die Sequenz zu adaptieren ist.

Wenn du seit langem nicht mehr geübt hast, und nun wieder beginnst, dann mußt du zwei oder drei Haltungen aus jeder Kategorie machen und mit ihnen in Berührung kommen: einige Vorwärtsbeugen, einige Rückwärtsbeugen, einige Drehungen. Wenn sich die Intelligenz des Körpers vermehrt, wenn du anfängst, die Essenz der Haltungen durch deine Praxis zu lernen, dann darfst du nicht zu viele Dateien auf einmal offen haben. Du mußt einer Sorte Haltung Zeit geben und dich in die Details vertiefen, damit du die Meldungen des Körpers in den Haltungen verstehst. Dann reflektierst du darüber. An einem Tag magst du nur Stehhaltungen üben. An einem bestimmten Tag magst du nur Umkehrhaltungen üben und erforschen, wie die Schultern in Sirsasana, wie der Brustkorb in Sarvangasana sein sollten, wo du den verkehrten Weg gehst, wo du schief bist, wie die Wirbelsäule zu heben ist. Du arbeitest mit den Umkehrhaltungen im Detail. An einem Tag wählst du Rückbeugen und arbeitest mit ihnen, um den Unterschied zwischen den einzelnen Rückbeugehaltungen zu realisieren. Du arbeitest mit den Asanas, um die Unterschiede herauszufinden, wie die einzelnen Haltungen dich beeinflußen etc. So muß deine Praxis verfeinert werden, wie auch dein Unterricht.

In Unterrichtsgruppen, in denen die Schüler eine Ebene vom Verständnis und von Reife entwickelt haben, magst du manchmal nur eine Sorte Haltung nehmen, z.B. nur Rückbeugen oder nur Stehhaltungen. Manchmal unterrichtest du in einem zweistündigen Unterricht eineinhalb Stunden Stehhaltungen, dann in der letzten halben Stunde ein paar Umkehrhaltungen, so daß sie sich erholen, und dann ist die Stunde vorbei. Sie müssen so arbeiten, um zu lernen. Wenn du unterschiedliche Sorten von Haltungen unterrichtest, schaffst du es nicht, all die Details anzusprechen. Fazit: Du kannst auf unterschiedliche Art und Weise unterrichten.

Ebenso mußt du herausfinden, ob der Unterricht langweilig ist. Manchmal gähnen die Schüler. Es könnte sein, daß es für sie langweilig ist, wer weiß? Wenn du dich zu weit in die Details einer Haltung vertiefst, könnten sie sich langweilen, weil sie noch nicht so eifrig sind. Sie sind noch nicht gereift. Eifer ist notwendig, wenn du die Beine streckst. Wenn du den Unterschenkel strecken solltest, mußt du dich konzentriert beobachten. Es ist nicht nur eine Dehnung: du kommst mit deinem eigenen inneren Körper in Kontakt. Neue Schüler können vielleicht nicht so scharf beobachten. Es gelingt ihnen nicht, durchzudringen. Wenn sie nichts erreichen, langweilen sie sich und haben dann keine Lust, Asanas zu üben. Wenn jemand keine Lust hat, ist es besser, unterschiedliche Haltungen anzubieten. Du schaust, daß der Schüler aus verschiedenen Dateien und verschiedenen Fenstern eine Herangehensweise erfährt und herauskriegt, wie die Langeweile zu beseitigen ist. So wird ihnen Licht zuteil. Wenn jemand begeistert ist, kannst du zwei Stunden Stehhaltungen geben, weil die Begeisterung ihn dazu führt, herauszufinden, wie jeder Teil des Körpers von innen arbeitet, wie er sich dehnt und funktioniert. Darum hängt die Sequenz der Haltungen vom Eifer, von der Intensität und von der Intention des Übenden ab. So hat man zu üben. Es kommt auf dein Interesse, deine Begeisterung, deine Bedürfnisse an.

Beim Unterrichten ist es besser, vorsichtig zu sein, da du deine Schüler nicht kennst. Du weißt nicht, in welche Kategorie sie fallen. Wenn ihr zu einem Intensivkurs nach Pune kommt, gehen wir davon aus, daß ihr begeistert seid und daß es sicher ist, mit euch so anzufangen. Wir konzentrieren uns wohl auf eine Sache und geben viele Details. Aber, wenn du zu den öffentlichen Kursen kommst, findet ein allgemeiner Unterricht („general class“) statt. In den allgemeinen Stunden kann man nicht davon ausgehen, daß die Schüler eifrig und begeistert sind. Um bei der Übungspraxis zu bleiben, ist etwas Disziplin notwendig. Darum solltest du dem vorgegebenen Ablauf folgen. Geeta Iyengar
Geeta legt Hand an

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