Ein Bienenstock mit hunderttausend Völkern

Hatha-Yoga in der indischen Kultur

Die Yoga Academy of Pune

von Nicholas Mailänder

Manche Orte strecken ihre Fühler heimlich über tausende von Kilometern aus bis hinein in fremde Kontinente: Eine Halle in Miami, in der Leute auf einen Flug nach Lima warten, ist wie eine kleine temporäre südamerikanische Kolonie; auch läßt die Warteschlange für den Flug von Zürich nach Bombay bereits den Orient ahnen. Das liegt nicht nur an den deutlichen Zeichen, wie dem dunkleren Teint der Menschen, dem hie und da eingestreuten Turban oder dem "Beauty-Point" auf der Stirn einiger in Saris gekleideter Frauen. Während diese sich um den quirligen Nachwuchs kümmern, entwickeln sich zwischen den Männern bereits Gespräche. Über die Geschäfte, über die Krise der Congress Party und den erstaunlichen Wandel der einstmals ultra-hinduistischen Baratija Janata Party: "Hasn`t the BJP come a long way?!"

Eine gute halbe Stunde nachdem ich meinen Sitz im Jumbo nach Bombay gefunden habe, ist mir schon bekannt, daß mein Nachbar, ein Inder gebürtig in Maharashtra, seit zwanzig Jahren Chef einer psychiatrischen Klinik in Zürich ist. Auf der anderen Seite sitzt ein Maschinenbauer; er hat einen solarbetriebenen Kocher im Handgepäck, der einen Liter Wasser in vier Minuten zum Kochen bringt. Der junge Ingenieur hat ihn auf einem Kongreß in Hannover einem staunenden Publikum demonstriert: "You know, India has little oil, but lots of sunshine!" Die Positionskarte auf dem Bildschirm zeigt an, daß wir gerade über der krisengeschüttelten Krajna dahindüsen, als die unvermeidliche Frage nach dem Grund meines Besuchs in Indien gestellt wird. Über die Auskunft, daß ich in meinen Weihnachtsferien an einem Yogakurs teilnehmen und die indische Kultur erleben will, ist man beiderseits sichtlich zufrieden. "Einen Sinn im Leben zu finden ist eine Grundvoraussetzung für die geistige Gesundheit!" meint der Fachmann fürs Seelische. "Früher habe ich meinen Job als die reine Naturwissenschaft gesehen, aber heute weiß ich, daß wir ohne ein philosophisches Lebensfundament den sozialen Turbulenzen schutzlos ausgesetzt sind wie eine Nußschale dem Mahlstrom". Fast bruchlos setzt sich der Einführungskurs in Sachen indische Denkungsart dann auf der Fahrt im Sammeltaxi von Bombay nach Puna mit einem Rechtsanwalt fort, der lange Jahre als Richter tätig war. Während abenteuerlicher Überholmanöver unserer Klapperkiste erklärt er mir das Wesensmoment der hinduistischen Gesellschaft: "Die ist wie ein Bienenstock mit einer unendlichen Zahl von Königinnen. Haben fremde Invasoren mal eine von ihnen gefangen, so hat das denen überhaupt nichts genutzt!" Die Richtigkeit seiner Aussage spiegelt sich in der Architektur wider: Überall in den Städtchen und Dörfern, die sich an der Nationalstraße drängen, sind kleine Tempel und Schreine, einer am Steilaufstieg der Straße über das Küstengebirge der Western Ghats, wo auch der moderne Reisende der Sicherheit wegen gerne seinen Obolus an den Tempeldiener entrichtet. Wir haben die schwüle Küstenebene hinter uns gelassen und ich bemerke erleichtert, daß das Hemd nicht mehr an der Haut klebt.

Fünfzehn Stunden nach dem Takeoff in der Schweizer Finanzmetropole klingle ich an der Tür der Yoga Academy of Pune. Sie ist in einem schönen Haus im englischen Kolonialstil nahe dem Stadtzentrum untergebracht, dessen Fassade mit den raffiniert-schlichten Piktogrammen der indischen Stammeskunst verziert ist. Dharmavir Singh Mahida, der Chef der Schule, öffnet die Tür: "Gut Dich zu sehen! Du kommst gerade rechtzeitig. In einer halben Stunde beginnt der 5 Uhr Kurs."

Nur ein Stein im Mosaik

Pünktlich versammelten sich die Yogaeleven in dem gut ausgestatteten Übungsraum. Er hatte genau die richtige Größe, damit das gemischte Häuflein von sechs Indern und vier "Kaukasiern" arbeiten konnte, ohne daß man sich gegenseitig behinderte. Jeder der "Students" erklärte dem Meister kurz, auf welchen Aspekt seines individuellen Programmes er sich heute konzentrieren wollte, bekam die notwendigen Hinweise und machte sich an die Aufwärmübungen. "Du werkelst immer noch an deinem Schulter-Arm-Syndrom herum, nicht wahr? Wir werden uns speziell auf die Lösung der Verspannung in der Hals- und Rückenpartie konzentrieren und beginnen heute mit einer intensiven Stehübungs-Serie", wurde mir mitgeteilt. Während ich meine Warmups absolvierte, kümmerte sich Dharmavir um eine vielleicht dreißigjährige Inderin, die er in spezielle Übungen zur Behandlung einer Gebärmuttersenkung einwies. Zehn Jahre lang hatte der ehemalige Kernkraftwerk-Ingenieur bei seinem Lehrer Iyengar in der Klasse für medizinisches Yoga assistiert und auch in Europa Seminare zur Yoga-therapie abgehalten.

Meine Frau Liz und ich hatten ihn bei einem Kurs in München kennengelernt – gerade als wir uns mit der Aussicht abzufinden begannen, die uns verbleibenden Tage als Sportkrüppel fristen zu müssen. Das war noch kein Jahr her. Aber inzwischen wurde Liz trotz diagnostizierter Hüft-arthrose nachts nicht mehr von Schmerzen wachgehalten. Und ich konnte wieder ohne aufzujaulen einen Ordner zurück in den Aktenschrank stellen, wo ich mich doch noch allzu gut an den stechenden Schmerz im Ellenbogen beim Heben einer Tasse erinnern konnte.

Aber nicht alle Anwesenden hatten aus gesundheitlichen Gründen den Weg in die kleine Akademie gefunden. Die meisten der fortgeschrittenen Yoga Praktizierenden mit denen ich sprach, schätzten die Ruhe und die individuelle Betreuung, die sie hier fanden, um spezielle Probleme zu bearbeiten. Dharmavir sieht seine Schule als eine sinnvolle Ergänzung zu den großen Instituten in Puna, mit denen er die freundschaftlich-kollegiale Zusammenarbeit sucht. Für Dharmavir ist Hatha-Yoga aber nur ein Stein im farbenprächtigen Mosaik der klassischen indischen Kultur, die er gerne seinen Schülern aus Ost und West vermitteln möchte. Viele von ihnen begannen, ihre Lebensweise nach Vorgaben der ayurvedischen Gesundheitslehre zu gestalten. Deshalb wundere ich mich auch kaum als ich Mia, eine Yogalehrerin aus Miami, zusammen mit der Köchin des Hauses beim Auswalzen von Vollkornchapattis antreffe. Geduldig und mit offensichtlichem Stolz weiht die flinke Sheela ihre amerikanische Freundin in die Geheimnisse der indischen Küche ein. Mia hat heute bereits ein dicht gedrängtes Programm absolviert: Von acht bis neun Uhr dreißig war die erste Yogasession; um zehn Uhr ist dann der Musiklehrer gekommen, der ihr Unterricht im indischen Harmonium gab, dieweil der Percussionlehrer in einem anderen Raum Elisa und Gerd aus Heidelberg in die Kunst des Tablaspielens einwies.

Nach dem Mittagessen haben wir Zeit für eigene Unternehmungen. Um vier Uhr beginnen weitere zwei Stunden Yoga-Intensiv. Da die Akademie nur zehn Gehminuten vom Stadtzentrum entfernt ist, können wir die Freistunden optimal nutzen: beim Window-Shopping in der turbulenten Mahatma Gandhi Road, im bunten Marktviertel, in das sich kaum ein Westler verirrt, in Maney´s Bookstore, einer unversieglichen Quelle von Mythen, Märchen und philosophischer Spekulation oder im Oceanic Music, wo die Welt der Raga-, Rap- und Fusion-Klänge auf uns wartet. Zwischendrin bettelnde Kinder, feine Damen mit Diener, Saddhus, Kühe im Müll, stinkende Rikshas, Trupps von drahtigen steinbrechenden Frauen bei der Straßenarbeit und rotgewandete lächelnde Osho Adepten, denen man ansieht, daß sie das ganze Geschehen längst als Schleier der Maja entlarvt haben. Mir selbst will das allerdings nicht so recht gelingen. Denn die Schmerzen in Muskeln, von deren Existenz ich bislang keine Ahnung gehabt habe, verhindern hartnäckig den Quantensprung in die absolute Sichtweise. Die raffinierten Hilfsmittel, die in der Yoga Academy eingesetzt werden, haben Körperzonen zu lästigem Leben erweckt, die bislang im Bewußtseinsschatten schlummern durften. Kein Wunder, daß meine Erleichterung groß ist, als Dharmavir für den Sonntag eine Yogapause samt dem Besuch des nahe der Stadt gelegenen Bergforts Sinhagad vorschlägt.

Gumpads, die Gita und Gandhi

Die Festung hat in der Geschichte der Region eine entscheidende Rolle gespielt. Dem als Freiheitshelden verehrten Hindukönig Shivaji, der als erster die Vorherrschaft der fremden muslemischen Eroberer zu schwächen vermochte, war die siebenhundert Meter über der Ebene auf einem Tafelberg thronende Muselmanenburg ein ständiger Dorn im Auge, und mehr noch seiner ehrgeizigen Mutter Jijabai. Einer Legende zufolge forderte diese die Eroberung des islamischen Ärgernisses als Siegespreis, nachdem der König gegen sie beim Kartenspiel verloren hatte. Im selben Augenblick betrat General Tanaji Malasure das Gemach. Sofort bemerkte er die Niedergeschlagenheit seines königlichen Freundes und bot ihm spontan jede mögliche Hilfe an. Die Erstürmung konnte nur im Handstreich gelingen. In einer mondlosen Nacht stand der General mit 300 Freiwilligen unter der lotrechten Felswand, die das westliche Bollwerk des Forts bildet. Die Gelegenheit war günstig, denn Spione hatten erfahren, daß der Festungskommandant in dieser Nacht seine Hochzeit feiern wollte. Beim dritten Versuch haftete ein mit speziellen Klebepflastern – sogenannten "gumpads" – versehener Wurfsack, an dem eine Strickleiter befestigt war, oberhalb des Steilabbruchs. Lautlos klommen die Angreifer empor und fielen über die nichtsahnende Besatzung her. Bei dieser Schlacht verlor General Tanaji, der als einer der ersten ins Fort gestürmt war, das Leben. Heute noch ist sein Name in Maharashtra gleichbedeutend mit Freundschaft, Mut und Pflichterfüllung. Ihm zu Ehren wurde am Ort seines Todes ein Tempel errichtet, auf den uns Dharmavir voll Ehrfurcht hinweist. Er stammt aus einer alten Kshatriya-Familie, ist also ein Mitglied der Kriegerkaste, deren Aufgabe seit Urzeiten die Verteidigung und Einigung des Landes ist.

Mia und ich fragen ihn, wie er seine Einstellung mit der friedlichen Philosophie des Yoga vereinbart. Der Yogalehrer führt uns an den Rand des Gipfelplateaus, wo ein kleiner Krishnatempel die Ebene von Puna überblickt. "Wißt ihr wer Krishna nach unserer Überlieferung ist?" "Soviel ich weiß, gilt er als eine der Inkarnationen von Vishnu, dem hinduistischen Gott des Bewahrens der Schöpfung", antwortet Mia
"Richtig! Er wurde geboren nach einer Reihe von Inkarnationen des Gottes, die sich um Meditation und Mitgefühl – Karuna – verdient gemacht hatten. Aber dadurch war die Lehre zu weich geworden. Mitgefühl, dem die Elemente der Übernahme von Verantwortung und der Durchsetzung gegen das Böse fehlen, kann nicht recht wirksam werden. Deshalb kam Vishnu als Krishna und stand, wie die Bhagavadgita berichtet, seinem Vetter Arjuna als Berater im Kampf gegen dessen eigenen Verwandten bei, die verderbt waren und die Macht unrechtmäßig an sich gerissen hatten. Der friedfertige Arjuna – als mächtiger Bogenschütze bekannt – zauderte und wollte vor der Entscheidungsschlacht das Kampffeld räumen:

Krishna, Krishna,
Nun ich gewahre
Alle Verwandten in
Schlachtreihn geordnet,
Wanken die Glieder mein,
Dorrt mir die Lippe
Zittert mein Körper,
Brennt mir die Haut
Und mein Haar steht zu Berge.

Jedoch Krishna antwortete:

Arjuna, ist diese
Stunde der Schlacht
Der rechte Moment
Für Zweifel und Zögern? ...
Was soll diese Schwäche
Sie ist deiner nicht würdig!...
Wirf ab diese Feigheit,
Arjuna, erheb Dich.

Eine der wichtigsten Lehren, die meines Erachtens aus der Bhagavadgita gezogen werden kann", fährt Dharmavir fort, "ist, daß jeder an dem Ort, der ihm von seinem Schicksal zugewiesen wurde, seine Pflicht zu erfüllen hat. Dabei ist immer wieder die richtige Balance zwischen Barmherzigkeit und Härte zu suchen. Ich bin davon überzeugt, daß wir dabei von den himmlischen Kräften unterstützt werden, wenn wir sie nur ehrlich um Rat fragen. Auch Menschen wie Gandhi glaubten felsenfest an diese Hilfe; in der Bhagavadgita suchte und fand Mahatma immer wieder Rat. Einer seiner wichtigsten Lehrer, Lokamanya Tilak, war nur ein paar Schritte von hier interniert, weil der den Engländern als einer der Initiatoren der indischen Befreiungsbewegung zuviel Ärger verursacht hatte."

Wir wanderten hinüber zu dem Haus, in dem der Freiheitsheld zwischen 1919 und 1922 lebte und seine einflußreichen philosophisch-politischen Kommentare zur Bhagavadgita verfaßte. Tilaks Interpretationen der Gita halfen Gandhi, seine weltanschaulichen Ansätze zu einem System zu ordnen, das schlummernden individuellen Potentialen zu einer machtvollen spirituellen und politischen Sprengkraft verhalf. Der zentrale Begriff in Gandhis Denken ist Ahimsa, die umfassende Liebe für alle Mitwesen. Diese Liebe spornt den wahrhaft spirituell Suchenden an, jede Form der Ungerechtigkeit innerlich distanziert und uneigennützig so zu bekämpfen, daß dadurch beim "Gegner" kein Leiden, sondern ein Lernprozeß ausgelöst wird. Das von Gandhi und seinen Anhängern gelebte Ahimsa-Prinzip war der Keimgrund für ihre Hungerstreiks, den Massenboykott englischer Waren und die Propagierung der dezentralen Heimproduktion im gesamten Subkontinent. Dieses Programm konnte nur funktionieren, wenn das Prinzip des Bhakti – der gläubigen Hingabe – nicht nur im religiösen Bereich Anwendung fand. Nach Gandhis Auffassung müssen die Menschen nämlich lernen, spirituelles und politisches Engagement als zwei Seiten einer Münze zu sehen, die nur eingelöst werden kann, wenn jeder Einzelne bereit ist, sein eigenes Wohl als abhängig von dem seiner Mitmenschen zu begreifen.

Millimeterweise

"Leider hat der Gandhi nirgends geschrieben, daß die edlen altruistischen Wohltaten auch eindeutig als solche erkennbar sein müssen, besonders für ihre Opfer!" Solche frevlerischen Gedanken drängten sich mir in der folgenden Woche meistens dann auf, wenn ich – unterstützt von dicken an der Wand des Übungsraumes befestigten Tauen – versuchte, mein widerstrebendes Kreuz nach hinten in einen Halbkreis zu biegen, wenn Drehungen mir schier die Luft raubten oder wenn beim Vorwärtsbeugen in Parivritta Janu Sirshasana kein Weg an der Einsicht vorbei führte, daß ich noch einen weiten Weg vor mir hatte. Die anderen Schüler erkannten die Mühe die ich hatte und die ich mir gab: "Just relax", meinte Mohamad der Computeringenieur, "vor einem halben Jahr war ich noch viel steifer als du!". Ich schaltete einen Gang zurück und begann mich in die Drahtseile in meinen Leisten und im unteren Rücken hineinzufühlen. Millimeter um Millimeter gaben sie nach. Jeder Tag war anders. "Fortschritte" und "Rückschläge" wechselten sich ab. Aber es machte einfach Spaß, die Ausführung der Übungen der drei Serien, die Dharmavir mit mir zusammen ausgearbeitet hatte, langsam zu verfeinern, unterstützt von den gelassenen Bemühungen der Mitschüler und dem Rhythmus der Bajans zu Ehren von Krishna, Hanuman oder einer anderen Gottheit aus dem hinduistischen Pantheon, die unser Tun begleiteten. So bekam ich ganz allmählich eine Ahnung davon, was es heißt, Wollen und Lassen in der Balance zu halten. Mit erstaunlichen Ergebnissen: Die Hände legten sich trotz zwei Jahrzehnten Krafttraining demütig auf dem Rücken in der Namaste-Position aufeinander; der Rücken bog sich, wenn auch noch ungelenk, zu Urdhva Dhanurasana; und einige Sekunden schwebte ich trotz stark verkürzter Unterarmmuskulatur als "Krähe" über dem Boden, ehe ich auf das vorbereitete Kissen plumpste.

Bei all dem merkte ich kaum, daß schon wieder eine Woche um und daß – nach Meinung des Meisters – die Zeit gekommen war, einem der populärsten Heiligen der Gegend unseren Besuch abzustatten.

Keine Form, kein Klang, kein Geruch, kein Geschmack

Shri Dnyaneshwar kam im Jahr 1275 in dem nur wenige Kilometer von Puna entfernten Weiler Alankapuri zur Welt. Zu einer Zeit, in welcher der Normalsterbliche keinen Zugang zu den in Sanskrit verfaßten heiligen Schriften hatte, machte der junge Gelehrte die Philosophie der Veden und der Bhagavadgita dem Volk in Maharati, seiner eigenen Sprache, zugänglich. Es ist kein Wunder, daß ein Knabe, der ein literarisches Werk von der Qualität des Dnyneshwari im Alter von fünfzehn Jahren zum Abschluß bringen konnte, in Indien als Avatar, als Wiedergeburt eines Vollendeten, verehrt wird. Vier weitere Bücher schrieb Shri Dnyaneshvar, ehe er im Alter von nur 21 Jahren die Welt wieder verließ. Nach Auffassung der gläubigen Hindus ging er lebendig ins Samadhi ein; da seine Mission erfüllt war, verließ der Heilige wieder den Kreislauf der Existenz. Geblieben sind seine Schriften, die viele seiner Anhänger Silbe für Silbe auswendig lernen sowie die religiösen Lieder, die von den Praktizierenden des Bahagwat Kultes überall in Maharashtra gesungen werden.

Kaum biegen wir von der Hauptstraße nach Bombay ab und überqueren den zwar kleinen, aber dennoch heiligen Indrayani-Fluß, scheinen wir in eine andere Zeit geraten zu sein. Unter einem Wandgemälde von König Shivaji sitzt eine Gruppe von Dörflern, die so scheu wie neugierig herüberäugen. Mia, unsere Begleiterin, die ihr Geld nicht nur als Yogalehrerin, sondern auch als Fotomodell verdient, muß ihnen vorkommen wie eines der Wesen aus paradiesischen Gefilden, die sich normalerweise nur in der Fernsehröhre manifestieren. Ein stetiger Strom von Menschen zeigt uns den Weg zum Tempelbezirk. Dharmavir ersteht eine Blumengirlande als Opfergabe, kleine Jungen drängen heran und drücken uns einen in rotes Pulver getauchten Metallstempel auf die Stirn, der ein Mal in der Form eines Dreizacks hinterläßt. Geduldig warten wir in der langen Menschenschlange auf Einlaß in den Tempel. Dharmavir und ich bewegen uns wie unter Tarnkappen, denn das Interesse der Menschen gilt ausschließlich Mia. Wie unwiderstehlich von ihr angezogen, kommen ganze Familien herbei; Mädchen fragen, ob sie die Schöne berühren dürfen; Familienväter bitten um ein Gruppenfoto. So geht es, bis wir durch den von einer Nandi bewachten Eingang das Innere des Tempels treten. Wir werden nach vorn geschoben, bekommen den Segen eines Priesters, es geht vorbei am Ort des Samadhi von Sant Dnyneshwar und wieder hinaus ins Freie.

Von einem Tschai-Verkäufer lassen wir drei unsere Metallbecher mit der würzig-süßen Flüssigkeit füllen und dann von einem Bethelnußhändler eine Geschmacksbombe basteln. Fasziniert beobachte ich, wie die flinken Finger verschiedene Pasten in Schichten auf die grünen Blätter auftragen und mit farbigen Ingredienzen bestreuen, ehe sie kunstvoll zu einem mundgerechten Päckchen gefaltet werden. Während ich mit einer verzögerten pyrotechnischen Entladung in der Mundhöhle durch den Bazar schlendere, macht Dharmavir Mia und mich auf die gleichmäßig-ruhige Bewegungsart der Menge aufmerksam: Alle gehen nach einem Rhythmus, der durch eine gemeinsame Schwingung bestimmt ist, nicht von Arbeitsstreß und dem Puls der Maschinen. Keine zerfurcht-gespannten Gesichter! Für diese sorgt dann allerdings wieder die nächtliche Fahrt auf der Hauptstraße nach Puna, von der sich unser kleiner Bajaj, in dem wir unangeschnallt sitzen, bisweilen vor einem herandonnernden, mit Glitzer geschmückten MAN-Laster auf den Sandstreifen retten muß, wo wiederum wir für Chaos, Flüche und fliegende Federn sorgen. Doch auch das scheint ansteckend zu wirken! Bald finde ich selbst richtig Freude daran, auf Dharmavirs Moped im punesische Verkehrsgetümmel mitzumischen. Mit stinkendem Auspuff quetsche ich mich durch die überfüllten Straßen.

Über die stöhnende Brücke, die den Mula-Mutha-River überspannt, erreiche ich den Aga-Khan-Palast, wo Gandhi und seine Mitarbeiter Anfang der vierziger Jahre interniert waren und wo Gandhis Frau Kasturba gestorben ist. Lange starre ich in das Arbeitszimmer Mahatmas: eine dünne Matratze, davor ein Schreibpult auf dem gekachelten Boden, das Spinnrad, ein Schrank, ein Stuhl für Besucher und eine Tonstatue des Gottes Ganesh, dessen Rüssel für die groben Dinge des Alltagslebens gleichermaßen gut sein soll wie für das Ergreifen einer Nadel, die subtile Erkenntnis des Absoluten.

Dharmavirsingh Mahida
23 Kahun Rd
CampPune 6711001, Indien
Tel/Fax 0091 212 665162
E-Mail:
Dharma@bom3.vsnl.net.in


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