Yoga für Kinder
Die Hölle oder die reine Freude

von Ernst Adams
Gesehen habe ich Kinder-Yoga zuerst in Pune. Sonntags vormittags um acht gehört das Institut den Kindern. Etwa anderthalb Stunden dauert der Unterricht, an dem 40 oder mehr Kinder von ungefähr sieben bis siebzehn Jahren teilnehmen. Sehr zackig geht es da zu. Und laut. Und auch lustig. Aber vorherrschend ist die Disziplin, und die Kinder werden streng ermahnt, wenn sie unaufmerksam sind.

Kinder Yogaklasse
„Yoga Assembly“ Kinderkurs „Ibis“ (Independent Bonn International School), 18.3.1998 (Foto: Birgit Andrews)

Die Asanas sind bis auf wenige Abwandlungen die gleichen wie für die Erwachsenen. Ein Lehrer oder Lehrerin steht auf dem Podest, zeigt vor und weist an. In hoher Geschwindigkeit, muß selber ganz schön fit sein. Im Raum sind bis zu zehn Assistenten, die die Kinder betreuen, korrigieren, sehen, daß Ordnung herrscht.

Meine erste Yogaerfahrung mit Kindern hatte ich mit meinen Töchtern, damals sieben und zehn Jahre alt. Aus einer Laune heraus schlug ich ihnen vor, mal ein bißchen Yoga zu machen. Oft waren auch Freundinnen zu Besuch, die mitmachten. Und es hat allen Spaß gemacht. Sobald sie keine Lust mehr hatten, hörten wir auf. Kind: Baddha konasana
Johanne Adams (Foto: Ernst Adams)

Gelegentlich brachte auch eine Kursteilnehmerin ihr Kind mal zu einer Erwachsenenstunde mit. Das war die reine Freude, so eine Miniaturausgabe von Trikonasana zu sehen. Auch die Ernsthaftigkeit, mit der manche Kinder auf die korrekte Ausführung einer Übung achten, hat mich von Anfang an berührt.

Kind: Vrksasana
Johanna O´neill (7) aus Deutschland Kinderyogakurs Ibis
(Foto: Birgit Andrews)
Kind: Sarvangasana
Katherina Adams (Foto: Ernst Adams)


Vor vier Jahren bot ich das erste Mal Yoga für Kinder an. Die äußere Form der Übungen im Groben einzunehmen, fällt den meisten Kindern leicht. Sie sind auch mit mehr Lust bei der Sache als Erwachsene. Vorwärtsbeugen sind allerdings allgemein unbeliebt. Und viele, auch schon Sechsjährige, sind erschreckend steif. Sie haben Hohlkreuz, nach vorne hängende Schultern, Plattfüße. Aber wenn es nicht zu weh tut, nehmen sie Korrekturvorschläge gerne an, und sie lernen schnell. Sind hellwach. Das muß man als Lehrer auch sein. Ich folge Iyengars Empfehlung und verweile nicht lange bei einer Sache. An Details gebe ich meist nur das wichtigste, lieber halte ich sie in Bewegung und lasse sie dafür viele Asanas machen. Wir machen keine Spiele oder spielerische Übungen. Sie lernen die Asanas wie die Großen. Ich nehme sie ernst und behandele sie weitgehend wie Erwachsene. Ich mache deutlich, daß ich erwarte, daß sie die Übungen ernst nehmen. Und mich natürlich.

Kind: Virabhadrasana II
Min-Sun Chung (7) aus Korea
Kinderyogakurs Ibis
(Foto: Birgit Andrews)

Ihren Körper zu bewegen und dadurch neu zu erfahren, ist ihnen nicht nur eine Freude, es ist ihre Natur. Man braucht ihre Begeisterung nicht zu wecken, die ist schon da. Man muß sehen, daß man sie nicht unterdrückt durch die Art, wie man mit den Kindern umgeht. Die Energie kanalisieren, ohne sie zu behindern.

In der ersten Stunde sind sie alle noch brav und respektvoll. Von da an geht ‘s „bergab“, und wenn ich nicht gut drauf bin, machen sie mit mir, was sie wollen. Ich erinnere mich noch gut an die Angst, die ich manchmal bei meinen ersten Kursen vor den kleinen Kerlen hatte.
Einmal hielt ich aus unbedachtem Übermut einen sechswöchigen Kurs, an dem 45 Kinder teilnahmenangemeldet, 20 kamen einfach so. Ich wollte . Es hatten sich 25 sie nicht enttäuschen, also habe ich sie auch noch mitmachen lassen. Keine Assistenten. Keine Mutter, die dabeiblieb und mir half. Das könnte deutscher Rekord seinPlatz im Guiness „Buch der Rekorde“ zu.
, vielleicht steht mir sogar ein Die erste Stunde ging noch, ich hatte sie alle im Griff, dann wurde es immer chaotischeralles, was in meinem Leben schief . Im allgemeinen übernehme ich für geht, schnell die Verantwortung und gebe mir die Schuld dafür. Dieser Kurs gab mir Gelegenheit, das mal sein zu lassen und mich, abgesehen von der Fehlentscheidung, den Kurs Anzahl zu halten, für unschuldig zu erklären. In der überhaupt mit dieser sechsten und letzten Stunde war nichts mehr zu machennoch . Ich habe nur rumgebrüllt und war froh, als es vorbei war.

Kinder sind nicht ohne weiteres bereit, Schmerzen auszuhalten. Das muß man akzeptieren. Meistens gelingt es mir, sie mit meiner Lust anzustecken, etwas unmögliches doch auszuprobieren, schwieriges mal durchzustehen. Und es macht mir Spaß, sie zu fordern, ihnen zu zeigen, wo ich mit 42 Jahren gelenkiger bin und mehr kann als sie.

Kind: Ustrasana
Katherina Adams
(Foto: Ernst Adams)

Ohne Humor und Lachen sind sie nicht zu gewinnen. Das ist die größte Herausforderung für mich, ihrer Lebenslust, ihrer Ausgelassenheit und ihrem Witz mit Witz zu begegnen, schlagfertig zu sein. Ihre Lebendigkeit zwingt mich zur Spontaneität. Wenn ich lustig bin, machen sie alles mit. Ich genieße es dann auch, ausgelassen und albern sein zu dürfen.

Kind: Parsvakonasana
Jessica Lang (9) aus Finnland
Kinderyogakurs Ibis
(Foto: Birgit Andrews)
Heute habe ich in der Regel drei Kinderkurse in der Woche mit etwa jeweils zehn Teilnehmern im Alter von fünf bis elf Jahren. Es geht kaum noch eine Stunde daneben. Ich liebe diese Kinder. Es ist schön zu erleben, wenn ein anfangs zurückhaltendes Kind aufblüht und mutiger wird. Und wenn ein eher ängstlicher Blick sich wandelt und einem Vertrauen und Freude entgegenstrahlt. schluss

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