Der Weg des Yoga als therapiebegleitende Maßnahme

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Therapie als begleitende Maßnahme auf dem Weg des Yoga

von Margarete Haizmann

Das Folgende wurde 1995 als Hausaufgabe im Fach Psychologie in der Yoga-Lehrer-Ausbildung der SKA Bad Wörishofen geschrieben.

Diese Arbeit basiert auf meinen eigenen Erfahrungen, die sich auf einen Zeitraum von ca. sechs Jahren erstrecken; 1991 bis 1997 ließ ich mich auf eine energie- und bewußtseinsorientierte Körperpsychotherapie, genannt "CORE-ENERGETIK" , ein. Parallel dazu absolvierte ich eine Ausbildung zur Yogalehrerin (im Stil des B. K. S. Iyengar).

Wie die Erfahrungen in der Therapie und das Studium und Praktizieren des Hatha-Yoga sich gegenseitig ergänzen und befruchten, scheint mir bedeutsam.

Ich hatte mich damals entschlossen, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Mein Allgemeinzustand war schlecht, ich hatte wenig Energie, war depressiv, ausgelaugt, unzufrieden in der Beziehung, überfordert mit der Erziehung meiner drei Söhne im damaligen Alter von einem, fünf und sechs Jahren. Ich fühlte mich – wenn überhaupt – als "Opfer".

Im Verlauf einer Sitzung war ich bei der Frage meiner Therapeutin, womit ich mich wirklich gerne beschäftige, zu der Einsicht gekommen, daß es das Thema Yoga, das Üben der Asanas war. In Zeiten des Übens war ich wirklich bei der Sache, war mit mir in Kontakt, hatte das Gefühl, "das ist meins". Im sonstigen Alltag vermißte ich dieses Gefühl stark, war irgendwie immer "neben mir", tat Dinge, die andere von mir erwarteten, oder die ich glaubte, daß andere sie von mir erwarteten.

Damals nahm ich regelmäßig ein- bis zweimal pro Woche Yoga-Unterricht und fing langsam auch an, für mich allein abends regelmäßig zu üben. Bereits seit meinem 17. Lebensjahr hatte ich immer wieder Yoga-Kurse an verschiedenen Volkshochschulen besucht, jedoch auch immer wieder größere Phasen des "Nicht-Übens".

Meine Therapeutin ermutigte mich, diese Zuneigung zum Thema Yoga ernst zu nehmen und unterstützte meine Idee, eine Ausbildung zur Yogalehrerin zu absolvieren. So kam ich an die Sebastian-Kneipp-Akademie in Bad Wörishofen, um dort eine erste Bekanntschaft mit der Methode des B. K. S. Iyengar zu schließen. Dieser Stil des Übens unterscheidet sich von anderen Yoga-Methoden durch das genaue Beobachten in den Haltungen, die anatomisch äußerst präzisen Anweisungen und Korrekturen durch den Yogalehrer und den Einsatz von Hilfsmitteln.

Diese Art des Übens war völlig neu für mich, beeindruckte und überzeugte jedoch sehr schnell und umfassend. Ich spürte, wie sehr ich beim bisherigen Üben unangenehmen Haltungen ausgewichen war und wie diese durchgreifende, konfrontative Art der Arbeit am Körper der direkten, tiefen, die Emotionen und die Psyche betreffenden therapeutischen Arbeit entsprach.

Die Core-EnergetiSCHE Therapieform wurde begründet von Dr. med. John Pierrakos. Er ist beeinflußt von S. Freud, C. G. Jung., W. Reich und durch die Bioenergetische Analyse, die er gemeinsam mit Alexander Lowen entwickelt hat. Diesen Ansatz erweiterte Pierrakos um Erkenntnisse aus der Neueren Physik und um Energiekonzepte östlicher Weisheitslehren.

Die CORE-ENERGETIK geht davon aus,

  1. daß der Mensch eine psychosomatische Einheit ist,
  2. die Quelle der Heilung im Selbst liegt,
  3. alles Existierende eine Einheit bildet.

Der Begriff " C o r e " bedeutet " K e r n " im Sinne von: Herz, Innerster Wesenskern, Höheres Selbst = Liebe = Wahrheit = höhere Erkenntnis = Gott, zu dem es gilt, Zugang zu finden.

So decken sich die Ziele des Yoga (Selbsterkenntnis, Suche und Streben nach höherer Erkenntnis, nach Wahrheit und Liebe, nach Gott, Auflösung des "kleinen Egos") mit dem Ziel der Core Energetik.

Allein der Weg zu diesen Zielen unterscheidet sich, widerspricht sich aber keinesfalls.

Die CORE-ENERGETIK geht von drei Schichten unseres Wesens aus: Maske, niederes Selbst, höheres Selbst. Die Maske ist die äußerste Hülle, eine sogenannte Schutzmaske, die wir uns alle zugelegt haben, und mit der wir uns im alltäglichen Leben meist begegnen (ohne uns dessen wirklich bewußt zu sein). Dahinter verbirgt sich unser "niederes Selbst", mit dem wir, würden wir es einfach ausleben, bei unseren Mitmenschen Unverständnis und Entsetzen auslösen würden. Durch dieses niedere Selbst, das aus Gefühlen wie Angst, Wut, Haß, Ekel, auch aus Schmerz, Trauer besteht, müssen wir sozusagen "durch", um an das höhere Selbst, unseren eigentlichen Wesenskern zu gelangen.

In der Regel ist uns nicht bewußt, daß wir einander mit Masken begegnen, daß wir Rollen spielen. Wir identifizieren uns so mit unserer Maske, daß wir unser wirkliches Wesen gar nicht mehr wahrnehmen (wollen, können) und unsere negativen Tendenzen in das Unbewußte abschieben. Aber die verdrängten Inhalte unserer Psyche (Wut, Ärger, Angst, Haß, Ungeduld, Ekel) sind weiterhin vorhanden und treiben dann ihr Unwesen in uns. Sie begegnen uns dann im Schlaf in Form von Alpträumen, stehen hinter unseren Unsicherheiten, rauben uns Lebenskraft und Lebensenergie. Nicht selten ist die Depression die Folge davon.

So besteht die Arbeit in der CORE-ENERGETISCHEN Therapie neben Körperarbeitelementen (siehe Bioenergetik) und Atemarbeit darin, daß der Klient sich

a) seiner Maske bewußt wird und
b) seine Wut, seinen Schmerz zuläßt und im geschützten, therapeutischen Raum auch auslebt.

Bei dieser Arbeit wird vom Therapeuten nach dem Ursprung der Verhaltensmuster gesucht, es wird die Situation in der Ursprungsfamilie in den ersten fünf bis sechs Lebensjahren sehr genau aufgerollt. Der Kontakt mit dem "inneren Kind", den wir – unbewußt – abgeschnitten haben, wird hergestellt und beleuchtet, der Bezug zu aktuellen Situationen und Konflikten geläutert und behandelt. Dies ist ein Prozeß, der ganz individuell beschritten wird und der es dem Klienten mehr und mehr möglich werden läßt, die Ursachen und Zusammenhänge für sein ganz persönliches Leiden zu erkennen. Diese Wahrheit zu erkennen ist absolut nötig, um das Göttliche, Wahrhaftige, Liebende, unseren Kern zu entdecken, ein gesundes Ego zu entwickeln, um es dann loszulassen und Einsicht und höhere Erkenntnis zu erlangen.

Das Beachten und Befolgen bzw. Beschreiten des achtgliedrigen Pfades des Hatha-Yoga, bringt den ernsthaften Yogaschüler genau an dieselben Themen des Selbst, des kleinen Egos und es gilt, damit zu arbeiten.

Die acht Glieder des Hatha-Yoga sind:

Yama (allgemeine ethische Gebote)
Niyama (Selbstdisziplin)
Asana (Körperstellung)
Pranayama (Kunst der Atembeherrschung)
Pratyahara (Zurückziehen der Sinne)
Dharana (Konzentration)
Dhyana (Meditation)
Samadhi (Überbewußtsein)

Während es sich bei den "Yamas" um allgemeine ethische Gebote (Liebe, Wahrheit, Nicht-Stehlen, In-allem-die-Göttlichkeit-sehen, Nicht-Horten) handelt, sind die "Niyamas" Verhaltensregeln, die sich auf die persönliche Disziplin des Übenden beziehen (Reinheit, Zufriedenheit, Eifer, Erforschung und Studium des Selbst, auch auf dem Hintergrund heiliger Schriften und Hingabe an das Ganze, an Gott).

Durch die Yama- und Niyama-Praxis gewinnt der Yogaschüler emotionale Stabilität. Die Umsetzung gerade des vierten Aspektes der Niyamas (Erforschung und Studium des Selbst und Reflektion der heiligen Schriften) kann durchaus die ganzheitliche Psychotherapie sein.

Das Üben des dritten Gliedes, der Asanas (damit wird in der Regel in Yoga-Kursen gearbeitet), verhilft dem Körper zu Gesundheit, Standhaftigkeit, Leichtigkeit und Anmut. Mit dem vierten Glied, Pranayama, lernt der Yogaschüler die Wahrnehmung und Lenkung seiner Atmung, womit die Psyche sehr direkt und äußerst intensiv angesprochen wird. (Hierzu bedarf es in jedem Fall eines kompetenten Lehrers). Mit Pratyahara, dem Zurückziehen der Sinne von der äußeren Welt, versucht der Übende seine Gedanken und Sinne zu beobachten, zu kontrollieren. Die folgenden Gleider Dharana, Dhyana und Samadhi sind so nicht erlernbar, es sind dies die Früchte der vorigen fünf Glieder.

Auch sind Yama und Niyama nicht wie Asana und Pranayama zu erlernen, sie sind eher Voraussetzung, um wirklich achtsam, intensiv und erfolgreich mit der Asana-Arbeit umgehen zu können und werden eher durch Vorbilder – etwa einem erfahrenen Yogalehrer – vermittelt und für den Yogaschüler erfahrbar.

Beim Üben der Asanas, womit in der Regel im Yoga-Unterricht gearbeitet wird, kommt der Yogaschüler über seinen Körper, die Muskulatur, die Knochen und Gelenke erst einmal auf der "grobstofflichen" Ebene mit sich in Kontakt. Verkürzte, verspannte Muskeln, schmerzende, bewegungseingeschränkte Gelenke, mit diesen macht jeder Yogaschüler Bekanntschaft. Unser Körper ist Ausdruck unserer Seele, unserer Psyche und Verspannungen in der Muskulatur gehen immer mit psychischem, seelischem Leiden einher.

Da die Arbeit mit verkürzten, verspannten und schwachen Muskeln meist eher als unangenehm empfunden wird, bedarf es auf jeden Fall eines guten, aufmerksamen Lehrers, der den Übenden angemessen motiviert, begleitet, eben anleitet und auch korrigiert. Allein ist der unerfahrene Yogaschüler damit überfordert, es ist nur allzu menschlich, daß wir jede Menge Ausweichmanöver parat haben, und freiwillig nicht an unseren schmerzhaften Zonen arbeiten würden. Es braucht außer einer gewissen Disziplin und Ausdauer seitens des Schülers auch die Bereitschaft, sich mit den übrigen Gliedern des Hatha-Yoga auseinanderzusetzen, so eben auch mit dem Studium des Selbst. Und eben da sehe ich die Therapie als sinnvolle und bereichernde Maßnahme. Das Gespräch, das Reflektieren und Aufarbeiten von Erlebtem, das Wahrnehmen von Verhaltensmustern und Prägungen ist ein wichtiger Teil sowohl von Therapie als auch auf dem Weg des Hatha-Yoga.

Ein guter, erfahrener Yogalehrer könnte mit seiner Lehre dem ernsthaften Yogaschüler da durchaus alle Bereiche abdecken. Dies war früher im alten Indien so möglich, da ein Lehrer nur einen oder sehr wenige Schüler auf einmal hatte. In der modernen westlichen Art des Yoga-Übens und Lehrens ist dies eher nicht möglich, da der Unterricht in größeren Gruppen stattfindet, die Philosophie des Yoga ebenfalls eher als Vortrag vor größeren Gruppen stattfindet und der Einzelne gefragt ist, durch eigenes Studium auf dem Weg weiterzugehen und eben eventuell für die seelischen Belange das Gespräch mit dem Therapeuten zu suchen.

Die Asana-Arbeit begünstigt eine gute Erdung, kräftigt die gesamte Körpermuskulatur (verspannte Muskeln sind immer schwache Muskeln), hilft, die Wirbelsäule in ihrer natürlichen Aufrichtung zu erhalten, läßt den Brustkorb offen und weit sein und sorgt für Geschmeidigkeit, Lebendigkeit und Anmut des ganzen Körpers. Dies ist jedoch nur ein Teil der Auswirkungen der Asanas. Ein Asana wirkt stets auf das ganze System, jedes Asana ist eine organische Übung, sämtliche Organe können damit in ihrer Funktion gestärkt und belebt werden. Wesentlich ist auch der Einfluß auf die Verdauung, Giftstoffe werden mit der Asana-Arbeit vermehrt ausgeschieden, ausgleichende Auswirkungen auf das Hormonsystem unterstützen die mentale Ausgeglichenheit des Yogaschülers, so daß allgemein die Belastbarkeit gesteigert wird und eine gelassene, gleichmütige Haltung im Alltag so geübt und gefestigt werden kann. Mit dieser Art der Entwicklung und Pflege des Körpers bzw. des ganzen Menschen ist es wesentlich effektiver und einfacher, sich auf Prozesse der Psychotherapie, auf Seelenarbeit einzulassen.

Umgekehrt wird die Durchlässigkeit des Körpers für die Arbeit mit Asanas und Pranayama durch die Läuterung der Gefühle – eben die Arbeit in der Psychotherapie – wesentlich unterstützt, Erfolgserlebnisse beim Üben stellen sich leichter ein, was sich wiederum positiv auf die Psyche auswirkt.

Das Ziel des Yoga, die Verbundenheit der individuellen mit der kosmischen Seele zu erfahren, also das Sehen der Einheit und damit die Heilung und Auflösung des "kleinen Ego" deckt sich mit dem Ziel der Core-Energetischen Therapie. Auch hier geht es darum, das durch innere Abgetrenntheit entstandene "kleine Ego" (falsche Selbst) zu läutern und Zugang zum Wesenskern, zum höheren Selbst zu finden.

Die Fähigkeit, sich kennen und lieben zu lernen, sich mit anderen verbunden fühlen, einfühlsam und liebend zu leben, wach und klar, kann so entwickelt werden. Die Folge davon ist ein starkes, strömendes Gefühl mit der ganzen Menschheit und so ein wichtiger Beitrag, Gewalt, Krieg, Umweltzerstörung Kriminalität, Hunger und Mißbrauch zu mindern – eben indem wir "Körper-Geist-Seele-Arbeit" leisten und lernen, mehr und mehr aus unserem höheren Selbst heraus zu leben.


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