Der erste Besuch in Pune

Der Nachtflug nach Indien. Die erste Überraschung: nicht eine tiefe Dunkelheit, wie ich erwartet habe, sondern die zahlreich funkelnden Stadtlichter heißen uns willkommen. Zwischenlandung in Delhi: Nach dem Öffnen der Tür strömt mit der Putzkolonne auch lauwarme und unangenehm mit Abgasen gesättigte Luft ins Flugzeug.

Gemächliche und von jeder Hektik freie Zugfahrt von Bombay nach Pune. Auf jedem Bahnhof singende Rufe der Straßenverkäufer. Der im Schlaf selige Ralf merkt nicht, daß wir dabei ein hohes Bergmassiv überqueren. Schock: Nach der Ankunft in Pune tauchen wir schon wieder in die uns aus Delhi bekannte Abgaswolke ein: sie bleibt unser treuer Weggenosse.

Anmeldung im Institut. An dem Tor treffen wir Michael aus München und Serge aus Österreich: Sie sind auch gut angekommen. Pandu, der Sekretär, teilt uns ein und gibt uns drei Broschüren: Über das Institut, Prashant's Essay über Yoga und die Jubiläumsausgabe zum 75. Geburtstag von Guruji. Im Keller des Instituts befindet sich eine gut ausgestattete Bibliothek: in heißen Monaten ist es dort bestimmt angenehm kühl. Der Übungsraum und das Gebäude sind kleiner als ich es mir anhand von Fotos und Videos vorgestellt habe. Aber es ist gut so: es hat noch menschliche Dimensionen.

Erste Nacht im Chetak Hotel. Der Tag war angenehm warm. Es ist aber Dezember, auch ein Wintermonat in Indien. Die Bettdecke ist zu dünn. Mir ist kalt. Warum bin ich Amrit's Rat nicht gefolgt? Ich sollte doch den Schlafsack mitnehmen!

"Aufstehen! Um sieben Uhr fängt es an!" Kalte Dusche. Zähne putzen. Das Sonnengebet. Auf der Straße ist es noch dunkel. Leute gehen zur Arbeit. An dem Tor des Instituts grüße ich den guten Geist dieses Hauses. Zwielicht erfühlt den Übungsraum: Leise Gespräche, Übende oder in Versenkung sitzende Gestalten. Pünktlich um sieben Uhr wird das Licht eingeschaltet. Es herrscht tiefes Schweigen. Prashant kommt herein, setzt sich auf das Podium und erteilt mit ruhiger Stimme Anweisungen zur Haltung des Körpers im Sitzen während der Invokation zum Lord Patanjali.

"OM" - Sein Odem mit der heiligen Silbe atmen wir ein und wiederholen. - "OM" - Die Ein- und Ausatmung werden länger, ruhiger und rhythmischer. - "OM" - "Durch seine Wiederholung wird sein Sinn verwirklicht. Dadurch wird der Geist nach innen gerichtet und die Hindernisse verschwinden." - Die tiefe Ruhe, die ich beim Singen der Gregorianischen Gesänge kennengelernt habe, erfüllt mich auch jetzt. "Yogena cittasaya padena vacham ..."

Nun folgt die Übung. Der Schwerpunkt des Monats war die Öffnung des Brustkorbs und die Rückwärtsbeugen. Die Standhaltungen haben wir nur in der ersten Woche geübt. Es gab interessante unorthodoxe Sequenzen: z.B. nach den Rückwärtsbeugen passive Vorwärtsbeugen. In den Asanas wurde auch mit Atmung gearbeitet. Die Übungsstunde unserer General Class besteht aus relativ vielen Haltungen. Beim Wechsel der Hilfsmittel kam es in einer so großen Gruppe oft zu Engpässen. Das Chaos wurde noch dadurch vergrößert, daß manche bewußt oder unbewußt auf die schon vorbereiteten Sachen der anderen zugriffen. Aber trotzdem herrschte eine gute Stimmung und der Rhythmus der Sequenz wurde dank Prashant's energischen Zurufen nicht allzusehr beeinträchtigt. Wegen meiner schwachen Englischkenntnis verstand ich nicht alle seine Anweisungen. Es halfen mir aber die bei meinen Lehrern: Amrit, Ralf und Sharat, gesammelten Erfahrungen. Irgendwann zwischendurch fing auch Guruji seine Übung in einer freien Ecke an - fast immer mit einer Stoppuhr. Man spürte seine ab und zu durch den Raum "schießenden" Blicke aber er mischte sich in den Unterrichtsverlauf nicht ein. Prashant's Unterweisung ist insgesamt nicht "hart" oder anstrengend. Wer sich danach sehnt, kann sein Bedürfnis nach mehr Härte samstags abends stillen. Der Leitende ist Shaa. Mit ihm haben wir intensiv Standhaltungen und Jumpings gemacht und auch sonst andere interessante Asanas, die selten ausgeführt werden. Im letzten Teil des Unterrichts massierte Prashant meistens eine Frau sanft mit seinem Fuß, beobachtend gleichzeitig wie wir unsere Entspannungsübungen machen. Unsere zweistündigen Bemühungen in das Wesen des Yoga, in uns selbst, einzudringen beendete er mit einem Satz, dessen tiefere Bedeutung und Ironie nicht unbemerkt sein konnte: "It's enough".

Waldemar

Die deutschen Teilnehmer im Dezember waren: Georgie, Edith und Saichu aus Berlin, Michael aus München, Ralf aus Peine und Waldemar aus Laatzen. Das Zitat kommt aus dem Buch "Patanjalis Yoga-Sutra" übersetzt von Egebert Richter-Ushanas.


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