Hausaufgabe von Ernst Adams

Paschimottanasana

[...] Paschima bezeichnet den Westen oder die Rückseite des Körpers von Kopf bis Ferse, uttana bedeutet eine intensive Dehnung und asana Haltung.
Anfängern scheint es in dieser Übung oft das wesentliche zu sein, die Füße mit den Händen zu erreichen. Ist das geschafft, denkt man, jetzt muß wohl der Kopf an die Knie. In manchen Büchern heißt diese Übung dummerweise auch noch "Kniekuß". Eine andere unangenehme Bezeichnung ist "Zange".
Wie der Sanskritname belegt, dient diese Haltung der Streckung des Rückens. Wie in allen anderen Asanas ist auch hier der Rücken auf Arme und Beine angewiesen.
Zum einen müssen die Muskeln an der Unterseite der Oberschenkel nachgiebig sein, um dem Becken zu erlauben, nach vorne zu kippen. Ist diese Beckenneigung nicht oder ungenügend möglich, bleibt der untere Rücken nach hinten gewölbt, und man schadet sich, wenn man sich in dieser Haltung zu sehr nach vorne und nach unten bewegt.
Die Dehnung der Beinunterseiten erreicht man, wie fast alles andere auch, am besten mit den stehenden Übungen. Diese helfen auch mit der Zeit, die nötige Kraft in Armen und Beinen zu entwickeln sowie die Fähigkeit, einzelne Muskelgruppen isoliert einzusetzen. Von großer Bedeutung in Paschimottanasana ist nämlich die Arbeit der vorderen Oberschenkelmuskeln. Das Anziehen der Kniescheiben und das Drücken der Oberschenkelansätze nach unten bringt im allgemeinen eine spürbare Erleichterung und Verlängerung des Rückens und schützt vor unsachgemäßer Belastung.
Wenn die Neigung von Becken und Rücken mehr wie in der obigen Abbildung aussieht, gewinnen die Arme an Bedeutung, die ja durch Muskeln mit einem großen Teil des Rückens verbunden sind. Dadurch ist es möglich, durch Strecken der Oberarme, Beugen der Ellbogen, zusammen mit festem Griff an den Füßen die langen Muskeln des Rückens spürbar zu dehnen.
Hat man mal die ersten schmerzhaften Widerstände überwunden, hat man durch Üben gelernt, sich nicht mehr so sehr mit den als unangenehm empfundenen Gefühlen zu identifizieren, kann das längere aktive Verweilen in dieser Übung helfen, das sonst vorherrschende Denken, Planen, Sorgen, Kümmern abzuschalten und zur Wahrnehmung einer tiefen inneren Ruhe zu kommen.
Wir sind es selbst, die unsere Ruhe stören. In gewissem Sinne ist man selbst zu hundert Prozent verantwortlich für jeden Moment, in dem man nicht glücklich ist. Yoga, besonders wie es Iyengar lehrt, hilft, unsere Aktivität (sowohl die geistige als auch die körperliche), mit der wir uns von dem glücklichen, freien, wahren Zustand entfernen, absondern, wenigstens für eine Weile zu unterbrechen.

© Die Fotos sind aus dem Buch: B.K.S. Iyengar "Licht auf Yoga", O.W. Barth Verlag.


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