Vom Sinn und Unsinn der Übung

von Dr. Karl Baier

Der Weg ist die nie endende Übung
Graf Dürckheim

Teil 1

Ein Charakteristikum des Iyengar-Yoga ist zweifellos das hohe Übungsethos, das diese Yogarichtung trägt und in Schwung hält. Der regelmäßigen, sorgfältigen und vollen Einsatz fordernden Übung wird größtes Gewicht beigemessen. Eine philosophische Besinnung auf die Grundlagen der Yogapraxis nach Iyengar muß deshalb auch dem Phänomen der Übung nachfragen.
Um etwas über den Sinn und Unsinn des Übens von asana, pranayama und dhyana ans Licht zu bringen, ist es zunächst notwendig das Üben als allgemein-menschliche Verhaltensweise zu bedenken. Im Horizont des durch eine solche Vorüberlegung geklärten Übungsverständnisses kann dann die spezielle Bedeutung des Yogaübens herausgearbeitet werden. Wie Dürkheim in seinem Hara-Buch sagt: "Nur ein Wissen um Sinn und Grenzen der Übung bewahrt den Übenden vor falschen Wegen. Wenn ein Mensch sich auf den Weg der Übung begibt, muß er sich daher vor allem darüber klar sein, was er in der Übung eigentlich sucht, was also der Sinn des Übens sein soll." (Dürkheim, 104)
Ich frage also zunächst nicht nach einer bestimmten, sondern nach der Übung als solcher, nach dem Eigentümlichen des "Übung" genannten menschlichen Verhaltens.

Die Grundstruktur der Übung und ihr Gemeinschaftsbezug

Was wir kurz Übung nennen, ist ein Phänomen von einheitlicher, aber in sich vielgliedriger Struktur. Was gehört zu einer Übung, damit sie zustande kommen kann? Die Übung umfaßt die Übenden, ihr Üben und das, was im Üben geübt wird, kurz das Geübte. In der Übung richten die Übenden sich übend auf ihr Geübtes aus. In der unzerstreuten, gesammelten Übung wird dieses Ausgerichtetsein zu einem Einssein, das die Übenden, ihr Üben und das Geübte in ein einziges Geschehen versammelt.
Ich spreche hier von den Übenden, also im Plural, weil die Übung eine Weise des Miteinanderseins ist. Der Bezug zu den Mitübenden gehört zur Übung wesentlich dazu, was aber nicht bedeutet, daß Üben immer gemeinsames Üben sein muß. Auch beim Alleinüben sind die Mitübenden als Abwesende gleichwohl anwesend, z.B. die korrigierende Hand des Lehrers, die die Weise, in der ich auch allein übe, bleibend mitgestaltet.
Der Lehrer fällt unter die Mitübenden, weil ein echter Lehrer immer auch Übender ist. Ein Lehrer, der vorgibt die Übung nicht mehr zu brauchen, z.B. weil er doch schon Meister sei, spielt mit falschen Karten. Wenn er nicht mehr übt, wird er nicht lange Meister bleiben.
Der echte Lehrer unterscheidet sich vom Schüler nur dadurch, daß er 1. entweder, wie Dürkheim einmal sagt, schon dort ist, wo der Schüler hingelangen will, nämlich auf dem Weg der nie endenden Übung oder 2. zum Wohle der Anderen, ob diese nun schon selber auf dem Weg der Übung sind oder nicht, zeitweilig die Rolle des Korrigierenden und Wegweisenden übernimmt. Es gibt keinen Lehrer, der nicht seinerseits Korrektur von Anderen nötig hätte, also nicht immer wieder zum Schüler wird. Im Licht der beiden gemeinsamen Übung wird also der Unterschied zwischen Lehrer und Schüler stark relativiert.
Ein allein Übender aber, der sich nur an sich selbst oder an Lehrbücher hält, stellt eine problematische Ausnahme dar. Er steht in großer Gefahr sich zu verlaufen und günstigstenfalls, wenn gröbere Schäden ausbleiben, als Sonderling zu enden.
Ich lasse es bei diesen Andeutungen. In den folgenden Überlegungen bleibt das Üben als Weise des Miteinanderseins methodisch ausgeblendet, um den Artikel nicht zu überfrachten. Das Thema müßte in einer Didaktik der Übung weiter entfaltet werden.
Die philosophische Analyse kann an den verschiedenen Gliedern des Übungsgeschehens ansetzen. Wenn wir üben, halten wir uns vorwiegend beim Geübten und unserem Üben auf. Ich folge dieser Richtung der Aufmerksamkeit und gehe zunächst vom Üben und seinem Geübten aus. Danach komme ich auf das Üben als Sichüben des Übenden zu sprechen, das nicht nur ein Sichüben in einer bestimmten Fähigkeit ist, sondern ein Sichüben im Dasein beim Üben von etwas.

Üben ist Lernen, Behalten und Steigern des Geübten durch seinen Vollzug

Jemand übt etwas, z.B. Radfahren, Klavierspielen, etc. Was macht er da? Er geht wiederholt daran etwas zu tun, das er noch nicht, oder noch nicht gut genug kann, bzw. bei dem die Gefahr besteht, es zu verlernen. Üben ist Lernen, Behalten und Besserlemen des Geübten durch das regelmäßige Praktizieren dessen was gelernt, behalten und gesteigert werden soll. Üben geschieht um in die Geübtheit zu kommen, in ihr zu bleiben und sie zu vertiefen. Was das ist, die Geübtheit, darüber wird weiter unten noch zu sprechen sein.
Fürs Erste genügt es Eines zu sehen: Die Geübtheit bezieht sich auf das, was im Üben schon ausgeführt wird. Der Übende bereitet sich also beim Üben nicht auf etwas Anderes, jenseits des Übens Liegendes vor, sondern er vollzieht von Anfang an das, was erübt werden soll, und im Vollzug lernt er es. Es gibt beim Üben keine Trennung von Lernen und Vollzug des Gelernten, sondern im Versuchen dessen, was gelernt werden soll, wird es angeeignet. Schwimmen lernt man bekanntlich nicht auf dem Trockenen, sondern durch den Sprung ins Wasser. Ein solcher Sprung mitten in die zu lernende Sache gehört zu jedem Üben.

Voraussetzungen für das Einsteigen in die Übung

Um solcherart ins Üben der Sache hineinzukommen, ist schon allerhand vorausgesetzt. Wer nicht nur unverbindlich einmal ausprobiert, sondern sich ernsthaft zur Übung entschließt, sich für sie wirklich öffnet, dem muß schon in etwa aufgegangen sein, worum es dabei geht. Sie/Er muß überdies sich selbst verstehen als jemand, der das Üben und das Geübte im Grunde vollbringen kann, d.h. sie/er muß sich die Übung zutrauen können. Und sie/er muß das Üben und d.h. immer zugleich das Geübte mögen. Um die Übung mögen zu können, muß man zuvor schon von ihr angesprochen worden sein. Nur wenn die Übung uns mag, weil sie unser Wesen anspricht, vermögen wir ihr die Zeit und Hingabe zu widmen, die sie braucht. Ob sie/er dann schließlich einsteigt und der Übung treu bleibt ist ihr/ihm überlassen. Die Übung ist von Anbeginn und immer eine Angelegenheit der Freiheit, wo sie zwanghafte Züge annimmt, verkehrt sie sich in ihr Unwesen.
Die Gefahr der Zwanghaftigkeit ist immer gegeben und umso größer je wichtiger die Übung genommen wird. Sigmund Freud hat einen auch heute noch interessanten Aufsatz geschrieben mit dem Titel "Zwangshandlungen und Religionsübungen", in dem er religiöse Praktiken mit zwangsneurotischen Verhaltensweisen vergleicht. Gerade Übungen von religiöser Bedeutsamkeit, sind, weil sie den Menschen in dem betreffen, was ihn zuinnerst angeht und bewegt, davon bedroht, zwanghaft praktiziert zu werden. Ein Motiv dafür ist z.B. die Angst davor das Heil, das worum es im Leben eigentlich geht, zu versäumen. Diese Angst gebiert den Drang sich des Heils versichern zu müssen und daraus entspringt leicht eine überpenible, skrupulöse oder fanatische Praxis.
Wer in der Übung den bevorzugten oder gar alleinigen Ort des Lebenssinnes zu finden glaubt, wird der Zwanghaftigkeit kaum entgehen. Die entscheidenden Dinge des Lebens liegen jedoch allemal außerhalb der Reichweite der Übung. Sie sind nicht erübbar, doch kann das Üben uns helfen, für sie bereit zu sein.
Das freie einander Entsprechen von Übendem und Übung, das den Übenden erst wirklich in die Übung finden läßt, ist keineswegs immer eine Liebe auf den ersten Blick. So müssen Eltern ihr Kind oft mit mehr oder minder sanftem Zwang z.B. zum Klavierüben bringen, weil das Kind die Disziplin methodischen Übens nur ungern auf sich nimmt. Wenn alles gut geht, dann bringen sie ihm aber dadurch schließlich bei, selbständig auf das Ansprechende der Übung zu achten und diesem Anspruch aus freien Stücken zu entsprechen, also die Übung zu mögen.
Vehement ausbrechender Übungs-Enthusiasmus ist oft ein ungünstiges Vorzeichen. Das Strohfeuer der ersten Begeisterung reicht nämlich noch nicht aus um die Tiefe und Not-Wendigkeit der Übung zu erfahren, die sich nur in einer durch Bewährungsproben hindurchgegangenen Treue zur Übung eröffnen kann.
Zunächst hat man oft nur schlicht Spaß an der Sache, spürt, daß sie einem gefällt und wohltut, dann fängt man richtig Feuer, ist begeistert und setzt alle Kräfte für sie ein. Man hält die Übung, zu der man gerade gefunden hat, für das Beste, das es überhaupt gibt, den schnellsten Weg zum Glück etc. Das heißt der Anfänger idealisiert die Übung, oft auch den Lehrer, und begeistert sich an seinem Ideal, wobei auch etwas für ihn selber abfällt, denn der Glanz des Ideals läßt auch den Übenden selber in einem großartigen Licht erscheinen. Viele der begeisterten Neubekehrten stabilisieren ihre wackelige Identität dadurch, daß sie sich nun zugehörig fühlen zur großen Gemeinschaft der Übenden.
Ich betreibe Iyengar-Yoga, den besten Yoga der Welt! Ich, ein Mitglied der internationalen Schülergemeinde Iyengars, des größten Yogis des 20. Jahrhunderts!
Nach einiger Zeit aber sinkt die Spannkraft dieses ersten, im Grunde bodenlosen Enthusiasmus und Ernüchterung tritt ein. Die Verliebtheit in die Übung geht in den Ehealltag über und oft umso rascher, je heftiger der erste Anlauf war. Es entsteht zunächst eine kaum spürbare Wurstigkeit gegenüber der Übung. Die Zeit des Widerwillens, der Langeweile und der Ausreden beginnt. Man findet immer mehr an der Praxis auszusetzen und nimmt auch allzumenschliche Züge am Lehrer wahr, was dazu führt, daß man sich anderswo umsieht, und schließlich, fällt, was so verheißungsvoll begann, in sich zusammen.
Erst wenn die Übung auch ihre schweren Seiten und ihre Grenzen zeigt und die/der Übende sie sosehr mag, daß sie/er sie in ihrer Schwere und ihren Grenzen würdigen kann, wird sie zu etwas Gewichtigem und schenkt dann freilich auch eine tiefe Freude, von der der Enthusiasmus der ersten Stunde nicht einmal träumen kann.

Literatur

Karlfried Graf Dürckheim: Hara. Die Erdmitte des Menschen, Weilheim (5.Aufl.) 1972.

Otto Friedrich Bollnow: Vom Geist des Übens. Eine Rückbesinnung auf elementare didaktische Erfahrungen, Stäfa (3. durchges. und erw. Auflage) 1991.
Mit herzlichem Dank an Ernst Adams für den Literaturhinweis

© Karl Baier. Nur zum privaten Gebrauch bestimmt!

Teil 2 folgt in der nächsten Ausgabe:

Teil 3 wiederum in der übernächsten:


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